Donnerstag, 23. Mai 2019

Uhrwerk Stieffamilie

23. Januar 2012
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Ein Zuhause für mehrere Menschen zu schaffen erfordert gemeinsame Bemühungen. Abläufe müssen funktionieren, damit Energie für andere Lebensbereiche übrig bleibt. Das ist eine echte Managementaufgabe.

Illustration: Carola Holland Gisela hat im Baumarkt Tafellack besorgt. Ihre Tochter Kaja und die Stiefkinder Natascha und Matthias schauen sie fragend an. „Damit bemalen wir die Wand im Vorzimmer. Helft ihr mir?“

Die Idee, ein Stück Wand mit Tafellack beschriftbar zu machen, hat Gisela in einer Wohnzeitschrift aufgeschnappt. Allerdings sind ihre Kinder schon zu groß, um darauf ihre Malkünste zu probieren. Nein, die „Tafel“ soll als Familien-Stundenplan dienen. Sobald die Farbe getrocknet ist, zeichnet Gisela mit Kreide eine Tabelle mit fünf Zeilen und sieben Spalten auf. In jede Zeile kommt der Name eines Familienmitglieds. Über den Spalten stehen die Wochentage.

„So, und jetzt tragt bitte eure fixen Termine ein. Also Nachmittagsunterricht, Musik und Sport.“ Kaja, Natascha und Matthias füllen eifrig die Kästchen. Gisela trägt ihre Yogastunde und den Französischkurs ein. Schnell zeigt sich, an welchen Tagen alle ausgeflogen sind und wann gemeinsame Aktivitäten möglich sind. Letztere werden rot hervorgehoben.

Giselas Lebensgefährte Bernhard kommt dazu, als die vier beim Wochenende angelangt sind. Gisela ist es wichtig, einen halben Tag allein mit ihrer Tochter zu verbringen. Bernhard wünscht sich ein Essen zu fünft am Sonntag. Fürs Einkaufen und Kochen sollen die Kinder reihum jeweils mit einem der Erwachsenen zuständig sein. Mit Hilfe der neuen Tabelle lassen sich auch die Besuchswochenenden besser abstimmen, sodass Bernhard und Gisela regelmäßig zwei Tage für sich haben. Fixtermine bleiben stehen, variable Termine werden am Ende der Woche weggewischt.

Ein Familienplaner an der Wand ist eine von vielen Möglichkeiten, um den Überblick über die Aktivitäten aller Familienmitglieder zu bewahren. Damit Ihre Patchworkfamilie im Alltag funktioniert, müssen die Zahnräder gut ineinandergreifen: Wer holt wen wann wo ab? Wer ist wann unter welcher Nummer erreichbar? Wer kann welche Wege regelmäßig erledigen?
Und zusätzlich: Wer ist wann für welche Haushaltsaufgaben verantwortlich? Die Aufteilung der Pflichten sollte sich an der Auslastung orientieren. D.h. wenn Natascha freitags Flöte und Jazzdance hat, wird sie an diesem Tag nicht mit Badezimmerputzen dran sein.

Bevor er mit Gisela zusammengezogen ist, war Bernhard zwei Jahre lang Alleinerzieher. In dieser Zeit hat er sich angewöhnt, einen Großteil der Hausarbeit selbst zu erledigen. Er bemerkt das, als er sieht, wie selbstverständlich Gisela Arbeiten an Kaja delegiert. Sein erster Versuch, Natascha und Matthias mehr einzubeziehen, schlägt fehl. „Warum bist du so komisch, seit wir alle zusammenwohnen?“, fragen sie. Dabei hat er die Teenager nur um Staubsaugen ersucht. Seine nächsten Vorstöße werden mit Meckern quittiert: „Ich kann das nicht machen, ich muss Mathe lernen“ und „Ja, ja, morgen, ich hab jetzt echt Wichtigeres zu tun“, tönt es aus dem Jugendzimmer.

Ein paar Tage später ruft Matthias seinen Vater an, um ihn zu bitten, die vergessene Sporttasche am Fußballplatz vorbeizubringen. Aber diesmal bleibt Bernhard unerbittlich: „Tut mir leid, ich habe Wichtigeres zu tun, ich muss Mathe lernen“, antwortet er. Langsam wird der Widerstand von Matthias und Natascha weniger, und sie übernehmen regelmäßige Aufgaben. Nicht zuletzt deshalb, weil ihnen alles andere vor der gleichaltrigen Kaja peinlich wäre.

Tipps
  • Sorgen Sie dafür, dass Ihre Familienmitglieder so viele Arbeiten wie möglich gut beherrschen.
  • Lassen Sie nachlässige Familienmitglieder gezielt auf die Nase fallen, wo es nur der Eitelkeit schadet. So lernen sie, dass Sie nicht ohnehin immer einspringen. Streichen Sie den Satz „Ich mach' das schon“ aus Ihrem Wortschatz.
  • Wenn Sie etwas ändern, rechnen Sie mit Widerstand. Vermutlich wird man Sie zunächst ignorieren, dann nicht ernst nehmen („Warum bist du so komisch?“), dann angreifen („Reg dich ab, ich mach das später“). Zuletzt kommt die Einsicht.
  • Solange Ihr Schulkind keine Schwierigkeiten beim Lernen hat, sollte es seine Arbeitszeiten selbst bestimmen. Meist wird es sich intuitiv nach seinem Biorhythmus richten. Eine halbe Stunde Mittagspause ist jedoch das Minimum; und je anstrengender der Vormittag war, desto länger sollte sie sein.
  • Kinder jeden Alters brauchen unverplante Zeit für spontane Ideen, oder auch zum Trödeln. Langeweile ist nichts Schlechtes!
  • Denken Sie daran, dass Kinder durch die Mithilfe im Haushalt wichtige Alltagskompetenz erwerben.

Übersicht zu diesem Artikel:
Seite 1 Uhrwerk Stieffamilie
Seite 2 Wobei Kinder helfen können


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