Montag, 10. Dezember 2018

Termin beim Philosophen

Ausgabe 04/2009
Wer bin ich? Was darf ich hoffen? Was ist der Sinn des Daseins? Doch es sind nicht nur die großen Fragen, auf die wir Antworten suchen. Auch Alltagsprobleme mit Platon oder Sokrates zu lösen, ist heute nicht mehr ungewöhnlich.

Foto: privat
Kant gegen Liebeskummer, Nietzsche vor großen Entscheidungen, Schopenhauer zur schlichten Standortbestimmung? Was ist gut und was ist böse? Die grundlegenden Fragen nach dem Sinn des Lebens stellen sich immer wieder. In den Zeiten der Krise umso mehr als dann, wenn ohnehin alles in Ordnung scheint.

Religion oder Psychotherapie sind freilich nicht jedermanns Sache, wenn es darum geht, sich die Unerklärlichkeiten der Welt zu erklären. Und jeder kommt in seinem Leben an Punkte, an denen er einen Rat, einen Denkanstoß gebrauchen könnte. Was läge da näher, als einen Ausflug in die Philosophie zu machen und sich von interessanten Antworten inspirieren zu lassen, die große Denker gefunden haben. Tatsächlich gibt es dieses Angebot.

Der Philosoph in freier Praxis
Dr. Eugen-Maria Schulak ist gelernter Philosoph, der seit etwa zehn Jahren eine freie Praxis betreibt, in die jeder kommen kann, der Lust auf philosophischen Diskurs hat. Noch vor zehn Jahren war der Philosoph der Einzige, der in Wien ein derart gewagtes Unternehmen aufgezogen hat. Das hat sich mittlerweile geändert, weltweit gibt es heute bereits weit über hundert solcher Praxen, und auch die Idee des „Café philosophique“, wo ein Philosoph ein Thema vor mehreren Leuten aufbereitet und diskutiert, ist inzwischen nicht mehr nur in Frankreich en vogue.

Doch was treibt die Menschen eigentlich in den philosophischen Diskurs? „Es gibt viele gute Gründe, mit einem Philosophen ins Gespräch zu kommen“, sagt Schulak. „Etwa um eine konkrete Lebenssituation durchzudenken, eingefahrene Denkmuster zu erkennen und neue Perspektiven zu erfahren, Meinungen, Werthaltungen und Ansichten zu analysieren oder um ein wesentliches philosophisches Thema umfassend recherchieren zu lassen.“

Lachen ist erwünscht
Und so kommen sie – all jene, die sich zu einem für sie wichtigen Thema, bei dem sie nicht weiterkommen, austauschen wollen, und die allermeisten kommen äußerst reflektiert: „Viele haben das Thema schon aus verschiedenen Perspektiven durchgearbeitet und erwarten sich nun einen sinnvollen Diskurs“, so Schulak, dessen Aufgabe es ist, das genaue Anliegen seines Klienten zu klären, zum Thema zu recherchieren, es zu strukturieren und einen feinen Dialog aufzubauen, bei dem freilich nicht alles todernst abgehandelt werden muss. „Lachen ist in der philosophischen Praxis erlaubt und erwünscht“, betont der Experte. „Und es geht auch nicht um Streit oder Rechthaben, sondern vielmehr darum, dass man guten Willens ist, ein Thema gemeinsam verstehen zu lernen.“
 
Philosophikum für Firmenkunden
Schuler sieht seine Aufgabe darin, die Philosophie praxisnah aufzubereiten und unters Volk zu bringen. So betreut er auch Firmen, die bisher ein- bis zweimal jährlich ihre Kunden zu einem Essen einluden (man kennt das) und die diesen Kunden jetzt ein „Café philosophique“ bieten, bei dem es zum Beispiel um Fragen der Treue (Menschenund Kundentreue) geht oder darum, was einen guten Unternehmer ausmacht. Dabei macht er sehr gute Erfahrungen, denn Kundenessen sind den meisten schon längst langweilig geworden, aber ein zwei- bis dreistündiger philosophischer Diskurs zu einem Thema, das einen interessiert, und von dem man etwas mit „heimnehmen“ kann, ist da schon etwas ganz anderes.

Platz für Irritationen
Wer aber holt bei ihm in der freien Praxis philosophischen Rat ein? Vor allem Freiberufler, sagt Schulak. Ärzte, Anwälte, Schriftsteller. Eine Tänzerin, die an einer Performance arbeitet und erfahren möchte, was die Philosophen über Jugend und Alter geschrieben haben. Ein Arzt, der eine kleine Klinik in Wien hat und schlicht und einfach Privatunterricht nimmt. Ein Wirtschaftsmagnat, der mit ihm über Macht, soziale Gerechtigkeit und Umverteilung diskutiert: „Im Geschäftsleben muss er Härte und Unbeirrbarkeit ausstrahlen, da ist kein Platz für Irritationen. Doch jemand, der Milliarden bewegt, ist natürlich irritiert.“ Und immer wieder geht es um Standortbestimmungen, erzählt der Philosoph: „Viele Menschen sagen sich, dass wir derzeit in einer sehr unfreien Zeit leben und wollen die Frage der Freiheit aus phisosophischer Sicht geklärt wissen. Dann geht es auch darum zu fragen, warum etwas so ist wie es ist und wie man angesichts dessen seine persönliche Freiheit ohne Illusionen dennoch ausweiten kann.”

Was ist ein gutes Leben?
Auch das Thema Gesundheit findet immer wieder Platz in der philosophischen Praxis. Schulak: „Relativ häufig kommt die Frage nach einem guten Leben. Also was ist ein gutes Leben, wie stelle ich es mir vor, welche Wege kann ich dazu einschlagen - ein klassisches philosophisches Thema, das im weitesten Sinn viel mit Gesundheit und Seelenfrieden zu tun hat“, sagt der Philosoph, der davon überzeugt ist, dass die richtigen (philosophischen) Gedanken außerordentlich viel zur leibgeistigseelischen Gesundheit beitragen. „Wenn man untaugliche Gedanken über die Welt hegt und sie sich so erklärt, dass sie keinen Sinn ergibt, so steht das dem Wunsch nach einem guten Leben diatmetral gegenüber.“ Zu Schulaks Klienten zählen eben auch viele Ärzte. Sein „medizinisches Standbein“ hat der freie Philosoph im „Badener Kreis“ rund um den Arzt und Philosophen Prof. DDr. Karl Spitzy, zu dem auch so illustre Gäste wie Alois Stacher, Giselherr Guttmann oder Maximilian Gottschlich zählen. Der interdisziplinäre Kreis versteht sich als „Diskussionsforum zum Studium der Wege zu einer Partnerschaft zwischen Arzt und Patient“.

Seneca statt Freud?
Dass die Philosophie heute dabei ist, die Psychotherapie abzulösen, weil viele Menschen sich in ihren Hoffnungen enttäuscht von Letzterer abwenden und ihr Heil anderswo suchen, glaubt der diff erenzierte Denker übrigens nicht. Wobei er sich aber vom Berufsstand der Psychotherapeuten klar abgrenzt. Seelendoktorei ist nicht sein Fachgebiet. Wer Derartiges sucht, ist bei ihm an der falschen Adresse und wird auch umgehend an die Kollegen vom anderen Fach verwiesen. Was ihn sonst noch von Psychotherapeuten unterscheidet, ist die Tatsache, dass er weder mit seiner eigenen Meinung hinter dem Berg hält noch dogmatisch einer bestimmten Schule anhängt.

Die Lieblingsphilosophen
Schulak erinnert sich noch allzugut an seinen Philosophielehrer in der Klosterschule, der die Klasse fast ausschließlich mit Augustinus langweilte. Was ihn nichtsdestotrotz zur Philosophie hintrieb, denn im Gegensatz zu seinen Mitschülern, denen das nur ein Gähnen entlockte, reizte ihn der Dogmatismus des AugustinusAnhängers zu konsequentem philosophischen Widerspruch. Dogmatismus ist die Sache des Eugen-Maria Schulak bis heute nicht. Seine persönlichen Lieblingsphilosophen findet er im 19. Jahrhundert und in der Antike. „Schopenhauer, Nietzsche, Platon, Epikur ... das ist wirklich fruchtbares Material für mein persönliches Vorhaben, die Philosophie aus den elitären universitären Gefilden herauszuheben und den Menschen nahezubringen.“

Mehr Info: www.philosophische-praxis.at

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