Freitag, 24. Mai 2019

Suche nicht, es findet dich: Wie wir ins Glück stolpern

01. Oktober 2010

Wir alle streben danach. In den USA hat es als "Pursuit of happiness" sogar verfassungsrang. Aber was ist Glück? Und wo finden wir es? So einfach, wie es in Ratgebern steht, ist es jedenfalls nicht.


Foto: flickr.com - Apfelherz Schließen Sie die Augen. Sind Sie völlig zufrieden  mit Ihrem Leben? Wenn ja,Gratulation! Dann können Sie aufhören, weiterzulesen. Die anderen aber –und das ist wohl der Großteil – würden gerne etwas ändern. Ein größeres Haus, ein besserer Job, mehr Geld oder Nachwuchs  – die meisten sind ständig damit beschäftigt, an der Erfüllung ihrerWünsche zu arbeiten. So sehr, dass sie dabei ganz vergessen, die Gegenwart zu genießen. Sie sind überzeugt: Wenn erst einmal erreicht ist, was sie anstreben, wird das Leben nicht nur besser, sondern fängt erst richtig an. Doch genau dort liegt die Falle der „Glücksformel“. Denn je verbissener man dem Glück nachläuft, desto unglücklicher fühlt man sich, fand Harvard-Professor und Glücksforscher Daniel Gilbert heraus.

„Die Anerkennung von Differenzen ist Grundvoraussetzung des Glücks. Die Unfähigkeit, sie zu akzeptieren, ist der erste Schritt ins Unglück.“
Michael Hampe, Philosoph

Ein Leben für die Zukunft. „Untersuchungen belegen, dass sich etwa zwölf Prozent der täglichen Gedanken um die Zukunft drehen“, weiß Gilbert. Verantwortlich dafür ist der Frontallappen im Gehirn. Dieser befindet sich direkt über dem Auge, entwickelte sich in der Geschichte des Menschen erst spät heraus und gibt uns die Fähigkeit zu planen. Hinzu kommt, dass Glück heutzutage in unseren Händen zu liegen scheint. Wo wohne ich, was mache ich, mit wem verbringe ich meine Zeit? Mit solchen Fragen waren unsere Vorfahren nicht konfrontiert. Dort, wo sie geboren wurden, haben sie meist auch gearbeitet und gel(i)ebt. Unter anderem durch die Globalisierung bietet sich uns heute aber eine Vielzahl an Optionen. Doch wofür sollen wir uns entscheiden? Daniel Bernoulli, ein niederländischer Universalgelehrter, glaubte im Jahr 1738, die Antwort gefunden zu haben. Er war der Ansicht, dass die Weisheit jeder Entscheidung berechnet werden könne– indem man die Wahrscheinlichkeit, mit der wir durch die Entscheidung das erreichen, was wir wollen, mit dem „Nutzen“ (dem „Guten“, das sich später dadurch einstellt) multipliziert. Die Formel hat nur einen Haken: Den „Nutzen“ kann man nicht vorhersagen. „Also tun wir das, was nur unsere Spezies kann“, sagt Gilbert. „Wir stellen uns vor, was geschehen wird.“ Und bei diesem Vorhersagen von Gefühlen überschätzen wir unser Glück regelmäßig.

Unverhofft kommt oft. „Es passieren eben immer wieder Dinge, die wir nicht geplant oder die wir uns anders vorgestellt haben“, ergänzt Michael Hampe. Und das ist für den Philosophen im Grunde unser größtes Glück. Für ihn gibt es keine natürliche Formel für Zufriedenheit. Wir können unser Glück nicht fixieren oder krampfhaft erhöhen. Aber wir können hineinstolpern und den Moment genießen. Basis dafür ist, sein Leben gut zu führen – nach den eigenen Vorstellungen und im Bewusstsein dessen, was einem gut tut. „Aber das ist nicht alles“, führt der Experte fort, „wahres Glück kann nicht nur aus der Jagd nach vergänglichen Lustmomenten bestehen.“ Es sei vielmehr die Befreiung von inneren Abhängigkeiten und dem dauerhaften Eintauchen in die Gegenwart in ihrer Gesamtheit. „Glück ist eine individuelle Erfahrung und vielstimmig“, führt Hampe fort. Immerhin sei die Philosophie selbst seit Platon in ihren besten Momenten ja auch immer polyphon gewesen. Deshalb wirbt Hampe für ein Philosophieren des „anerkennenden Zeigens von Differenzen“. Außerdem müsse man „in Situationen geraten, in denen man unglücklich ist, um nach dem Glück streben zu können“, meint der Experte. Nur so könne man die Erfahrung richtig (ein-)schätzen.

„Liebevolle Zuneigung aktiviert jene Gehirnpartien, die Glückshormone ausschütten.“
Univ.-Prof.inDr.in Rotraud Perner, Gesundheitspsychologin

„Glücklich allein ist die Seele, die liebt“, heißt es bei Goethe. Und tatsächlich: Auch wenn Reichtum und Erfolg heute als Glücksquellen empfunden werden, so erfüllen sie uns nicht völlig. Nur rund zehn Prozent des Glücksniveaus hängen von Umständen ab – also davon, ob wir arm oder reich, dick oder dünn, hübsch oder hässlich, FliesenlegerIn oder FirmenchefIn, verheiratet oder geschieden sind. Die wahren Werte sind andere: Liebe, Respekt, Freundschaft, Treue. „Deshalb ist es auch so wichtig, dass schon Babys  geherzt werden“, wirft PsychologinUniv.-Prof.in i. R. Dr.in Rotraud Perner ein. Liebevolle Zuneigung aktiviert jene Gehirnpartien, die Zentrum für die Ausschüttung von Glückshormonen sind. „So wird eine bestimmte Neurosignatur geschaffen, die den Menschen als Basis für Glücksempfinden durchs Leben begleitet.“ Sie kann im Laufe der Zeit durch Verschiedenes ausgelöst werden. Was das ist, ist individuell – in diesem Punkt geht Perner mit Philosoph Hampe d’accord.

„Je verbissener man dem Glück nachläuft, desto unglücklicher fühlt man sich.“
Daniel Gilbert, Glücksforscher

Das psychische Immunsystem. Dass Beziehungen wichtig für unser Glücksniveau sind, bestätigt auch Forscher Daniel Gilbert. Und selbst wenn alles nicht ganz so rund läuft und es hie und da zum Streit kommt, tun sie uns gut. „Wir Menschen verfügen über ein Phänomen, das ich psychisches Immunsystem nenne.“ Es bedeutet, dass wir Zustände gerne schön reden. So lange, bis wir es selbst glauben. „Wie wir aus Studien wissen, löscht ein eindrucksvoller Moment unsere Erinnerungen an unangenehme Erlebnisse eines Tages einfach aus dem Gedächtnis“, weiß Gilbert. Genauso ist es auch mit Kindern: „Menschen in Beziehungen sind glücklicher als Singles. Aber sobald Kinder da sind, ändert sich vieles. Sie beschweren den Alltag des Paares, weil sie viel Aufmerksamkeit benötigen.“ Wie kann es dann sein, dass viele Eltern ihre Kinder als größtes Glück empfinden? „Ganz einfach“, sagt Gilbert, der übrigens selbst eine Familie hat. „Kinder wirken wie Heroin. Alles, was früher Spaß gemacht hat, verschwindet. Kinder sind ein großer Quell der Freude – aber sie werden zum einzigen, weil sie so viel Zeit in Anspruch nehmen.“ So gesehen ist es völlig nachvollziehbar, dass Eltern in ihre Kinder vernarrt sind – und das ist auch gut so! „Ich bin selbst Vater und Großvater und spiele sehr gerne mit meiner Enkelin“, schmunzelt der Glücksforscher.

Mit Lachen auf der Zielgerade. Auch wenn Glück ein individuelles Erlebnis ist, ein Tipp gilt für alle: „Die Medizin bestätigt: Beim Lachen kommt es zur Ausschüttung von Glückshormonen“, erklärt Mag.a Monika Müksch, Lachmuskeltrainerin aus Wien. In ihren Workshops lernen TeilnehmerInnen, sich fallen zu lassen. Humor – und damit Gelassenheit –ist erlernbar (siehe Interview unten).

Rundum zufrieden. Und wie merkt man schließlich, dass man wirklich glücklich ist? „Ganz einfach“, sind sich alle genannten ExpertInnen aus Psychologie, Philosophie, Glücks- und Lachforschung einig. „Wenn Sie möchten, dass Ihr Leben so weitergeht, wie es gerade eben ist.“


INTERVIEW mit Mag.a Monika Müksch, Lachmuskeltrainerin, www.mueksch.at

Glück und Humor –wie spielt das zusammen?
Neben der Ausschüttung von Hormonen wird auch von der Gelotologie (Lachforschung) belegt: Lachen macht glücklich!

Kann man Humor trainieren?
Ja, etwa durch Lachyoga. Das ist Gymnastik für die Lachmuskeln. Erfunden wurde es von einem indischen Arzt und findet auch in Wien immer mehr Zuspruch.

Darf man mal schlechte Laune haben?
Natürlich. Aber man sollte Strategien entwickeln, schnell wieder fröhlich zu sein, und dem Rat der Zen-Mönche folgen: „Ich entscheide mich täglich neu dafür, glücklich zu sein.“


Autor: Marlene Auer

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