Mittwoch, 03. Juni 2020

Mit Kindern über den Tod reden

01. September 2011
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Immer wenn die fünfjährige Anna zu mir in Therapie kam, baute sie im therapeutischen Sandkasten einen Friedhof. Sie vergrub Menschen, Tiere und Bausteine im Sand. Darüber baute sie Bäume, Straßen, Zäune und Autos Menschen kamen in dieser oberirdischen Welt nicht mehr vor!

Foto: flickr.com - triggerhapi Wenn sie das nächste Mal kam, fragte sie: „Was hast du beim Aufräumen gefunden?“ Dann musste ich ganz genau sagen, welche Dinge ich im Sand gefunden hatte. Dieses Spiel spielten wir lange Zeit ohne dass Anna bereit gewesen wäre, über den Tod ihres Bruders zu reden. Erst nach längerer Zeit des vertrauten Umgangs mit mir begann Anna zu reden: „Tommy war krank, er ist jetzt im Himmel, da ist es schön, aber in der Erde ist es finster und kalt ..., vielleicht kommt er zu meinem Geburtstag wieder“.

Die Erzählung des Kindes zeigt deutlich, dass es zwar von den Eltern Erklärungen über den Tod des Bruders bekommen hat, aber noch nicht zu der Einsicht gelangt ist, dass Verlust und Trennung unaufhebbar sind, dass der Tod endgültig ist. Der Tod des Bruders war zu Hause schon lange kein Thema mehr, aber für Anna noch immer präsent und nicht verarbeitet. Erst als die Eltern wieder mit Anna über Tommy zu sprechen begannen und ihr sagten, dass sie Tommy sehr lieb gehabt hätten, aber Anna kein bisschen weniger lieb haben würden, konnte Anna auch in der Therapie Fortschritte machen und die von Tommy „geerbten“ Spielsachen ohne Schuldgefühle verwenden.

Über den Tod zu reden ist ein Tabu
Viele Erwachsene scheuen sich davor mit Kindern über den Tod zu reden und der Tod ist heutzutage noch immer ein Tabu im Leben von Kindern. Trotzdem kann ihnen auf Dauer die Kenntnisnahme des Todes nicht erspart werden. Irgendwann wird ein geliebtes Tier oder ein geliebter Mensch sterben. Gerade in unserer so hoch technisierten Welt ist es wichtig, dass Kinder den Kreislauf des Lebens kennen lernen, um nicht eines Tages völlig ahnungslos und unvorbereitet mit dem Sterben konfrontiert zu werden. Eltern sollten Kinder zunächst einmal nicht vor der Erfahrung des Todes bei Pflanzen und Tieren bewahren, sondern sich als Vorbereitung für spätere, vielleicht noch schmerzlichere Verluste, sinnvolle Rituale des Verabschiedens ausdenken und die Kinder darin unterstützen.

Soll man Kinder zum Begräbnis mitnehmen?
An der Beerdigung von Verwandten sollte man Kinder in angemessener Weise teilhaben lassen. Wichtig ist immer, die Gefühle und das Alter der Kinder zu beachten, um ihre Fragen beantworten zu können. Denn beantworten muss man sie. Es ist ungeheuer wichtig, dass Kinder in dieser schwierigen Situation nicht allein gelassen werden. Meist sind die Erwachsenen mit ihrer eigenen Trauer so beschäftigt, dass sie die emotionalen Reaktionen ihrer Kinder übersehen. Die Kinder werden „geschont“ und von allem ferngehalten, was häufig dazu führt, dass sie sich anfangen zu fürchten und Angst vor dem „Unheimlichen„ entwickeln.

Junge Kinder verfügen über kein inneres Wissen, dass alles Leben begrenzt ist. Die Endgültigkeit wird oft als vorübergehendes Weggehen missverstanden. Während in früheren Zeiten Kinder viel häufiger mit einem Todesfall in der Nachbarschaft konfrontiert wurden, erleben sie heute das Sterben und Abschiednehmen kaum in nächster Nähe, es findet in der Regel fernab in der Anonymität einer Klinik statt. Für Kinder ist es daher manchmal besonders schwierig, ihre Trauer zu verarbeiten.

Kinder erleben den Tod nicht wie Erwachsene
Um verstehen zu können, was der Tod eines nahen Angehörigen für ein Kind bedeutet, müssen wir uns klar machen, dass jeder Tod für jedes Kind völlig einzigartige Auswirkungen hat. Dabei spielen nicht nur das Alter des Kindes, seine Reife, seine Ich-Stärke und seine entwicklungsspezifischen Probleme eine Rolle, sondern auch die Vorerlebnisse, die es in seinem Leben gehabt hat; ebenso wie seine ganz persönliche Beziehung zum Verstorbenen.

Bis zum dritten Lebensjahr kann das Kind nur sehr wenig mit dem Begriff des Todes anfangen. Es hält das Ereignis für reversibel. Jemand der weggegangen ist, kann auch wieder kommen, wie beim Verstecken spielen.

Erst mit dem vierten Lebensjahr entwickelt das Kind eine begrenzte Vorstellung vom Tod. Das Gefühl der Trauer, der subjektive Zeitbegriff (Vergangenheit - Gegenwart - Zukunft) sind aber noch nicht dieselben wie für den Erwachsenen.

Mit fünf Jahren versteht das Kind, dass der Tod etwas Endgültiges ist. Es weiß, dass tote Tiere nicht atmen, kalt sind und sich nicht mehr bewegen. Das sachliche Interesse am Tot-sein herrscht auch dann vor, wenn es keinen unmittelbaren Anlassfall in der Umgebung des Kindes gibt. Kinder in diesem Alter stellen im Zusammenhang mit Leben und Sterben viele Fragen und die Erwachsenen sollten einfache Antworten geben, so gut sie es eben können.


Übersicht zu diesem Artikel:
Seite 1 Mit Kindern über den Tod reden
Seite 2 Trauer und Trost


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