Freitag, 13. Dezember 2019

Leben im Alter

Ausgabe 11/2009
Das klassische Pensionistenheim ist Schnee von gestern. Mit siebzig verbringen die neuen Alten den Winterurlaub in Mallorca und setzen später auf neue Wohnformen mit viel individuellem Freiraum.

Foto: photos.com
Ich wohne, bis ich hundert bin – diesen Satz würden wohl die meisten der heutigen Alten unterschreiben. Sie werden nicht nur älter, sie arbeiten länger, sind aktiver und unternehmungslustiger, als es unsere Großeltern einmal waren – nachrückende Generationen haben daher wenig übrig für traditionelle Angebote. Dringend notwendig sind alternative Wohnformen, die Raum für Flexibilität geben und mit herkömmlichen Klischees und Vorstellungen aufräumen. Bald ist jeder dritte Österreicher über 60, und die Zahl der fitten Rentner mit neuen Bedürfnissen wächst. Kein Wunder, durchlaufen sie doch nach der Pensionierung durchschnittlich noch eine Phase von 20 bis 25 Jahren, und die Medizin hat es so weit gebracht, dass viele von ihnen mobil und längst nicht mehr von gestern sind.

Kontakt statt Isolation
Pensionistenheime, in denen alte, pflegebedürftige Menschen einfach nur medizinisch und pflegerisch versorgt werden, gehen an den Bedürfnissen vorbei. „Der Trend geht in Richtung Wohnen im Heim, und es gibt vermehrt neue Wohnformen wie etwa Seniorenhaus- oder -wohngemeinschaften, wo man versucht, die Atmosphäre des privaten Zuhause in das betreute Wohnen zu integrieren“, sagt Dr. Gerald Gatterer, Leiter der Psychologisch-Psychotherapeutischen Ambulanz und der Abteilung für Psychosoziale Rehabilitation im Geriatriezentrum am Wienerwald. “Die medizinische Betreuung und Pflege ist heute eher das, was sich um ein angenehmes Leben herumgruppiert.” Zudem gibt es international Bestrebungen, die darauf abzielen, die Isolation von Alten unter Alten aufzubrechen: Schulen und Kindergärten werden an Seniorenheime angegliedert, und zwischen den Kids und den Senioren wird reger Austausch gepflegt.

Freiheit mit Einschränkung
Ein Kaffeehaus, ein Friseur oder ein Fußpflegesalon sind heute in den meisten Seniorenresidenzen gang und gäbe. „Es ist wirklich sehr schön hier“, sagt die 90-jährige Paula A., die seit drei Jahren in einem Wiener Seniorenheim lebt und alles andere als pflegebedürftig ist. „In meinem neuen Heim gibt es laufend Veranstaltungen, täglich Kaffeejause, Musikabende und vieles mehr, und in mein Appartement kann ich mir einladen, wen ich will – und sei es ein Bettnachbar“, schmunzelt sie, die diese Wohnform allen empfiehlt, die so wie sie alleinstehend sind und keine Verwandten haben, die sie unterstützen könnten. Ein Wermutstropfen bleibt freilich auch für die lebenslustige Seniorin: „Ganz frei fühle ich mich hier nicht. Das hat schon damit zu tun, dass ich mich wie alle anderen an- und abmelden muss, wenn ich zum Beispiel auf Urlaub fahre oder über Nacht wegbleibe.”

Lebensqualität vernachlässigt
Tatsächlich entscheiden sich noch immer die wenigsten unter den grauen Panthern aus ganzem Herzen für ein Seniorenheim. „Das hat damit zu tun“, erklärt Psychologe Gatterer, „dass Altern und Heime immer noch mit Tod und Sterben assoziiert werden, und viele meinen, sie hätten dort kein richtiges Leben mehr.“

Gatterer kennt aber auch noch andere Gründe: „Immer wieder tauchen auch Berichte über Missstände auf, die dann generalisiert und auf alle diese Institutionen übertragen werden.“ Außerdem seien die Seniorenwohnheime in der Vergangenheit stark auf den letzten Lebensabschnitt ausgerichtet gewesen und hätten nicht viel Wert auf Lebensqualität gelegt. „Das Leben im Heim war früher nicht gerade besonders interessant“, so Gatterer lakonisch.

Trend: Pflege daheim
Kein Wunder also, dass ein Trend auch in Richtung Wohnen und Pflege daheim geht. Und das kann auch gut funktionieren. „Früher war ich immer für die anderen da, und das kommt jetzt zurück“, erzählt die 85-jährige Anci M. „Seit einiger Zeit kann ich aber mit den Beinen nicht mehr so, wie ich es gern hätte – Einkaufen geht nicht mehr, und auch im Haushalt kann ich nicht mehr alles selbst machen. Deshalb habe ich seit Kurzem eine Heimhilfe, die einmal in der Woche zu mir kommt und die schwierigsten Dinge erledigt. Davon abgesehen habe ich sehr viele Freundinnen, die mich besuchen kommen, mir die Zeit vertreiben und mich auch mit Hilfe unterstützen. Ein Heim käme für mich nicht in Frage.“

Das Wohnen in den eigenen vier Wänden wird auch durch findige neue Produkte der Industrie immer leichter: Ein großer roter Knopf auf dem Fernseher als Notruf, Sensoren in den Waschbecken, die ein Überlaufen des Wassers verhindern, sollte man vergessen haben, den Hahn abzudrehen, oder Bewegungsmelder, die automatisch das Licht einschalten, sind nur einige Beispiele dafür, wie man es sich heutzutage zu Hause bequem und sicher machen kann.

Zu Hause oder Heim?
Über die individuellen Vorlieben der Senioren beim Wohnen lässt sich auch einiges aus psychologischer Sicht sagen. Gatterer: „Die Studien zeigen im Großen und Ganzen, dass Personen, die immer gern allein gelebt haben, dazu tendieren, zu Hause zu bleiben, auch wenn sie mehr Pflege benötigen, während Menschen, die gern in einem sozialen Kontext gelebt haben, eher früher ins Heim übersiedeln.“

Abgesehen davon hat die Wissenschaft auch erkannt, dass etwa Demenzkranke mit entsprechender Betreuung besser in den eigenen vier Wänden aufgehoben sind, denn der Wechsel in ein Heim verursacht oft eine Verstärkung der Verwirrtheitszustände und einen rascheren Abbauprozess. Gatterer: „Die Heime der Zukunft werden wahrscheinlich nur mehr Personen ab Pflegestufe 3 oder 4, die intensivste medizinische und pflegerische Betreuung brauchen, beherbergen.“

Ich wohne, also bin ich
Das sehen auch die Sozialforscher so, wobei sie auch die Notwendigkeit struktureller Veränderungen in der Betreuung betonen. Durch ambulante Pflege, Therapiemöglichkeiten, Prävention und andere Maßnahmen müsse erreicht werden, dass Menschen, die nur leicht pflegebedürftig sind, so lange wie möglich in ihrem eigenen Zuhause bleiben können. Dies würde einen enormen Anstieg an Lebensqualität bedeuten und sich somit positiv auf deren Gesundheit auswirken. Auch Architekten haben sich bereits der Problematik angenommen. Dies belegte unlängst eindruckvoll eine Ausstellung im Wiener Architekturzentrum. Fazit der Veranstalter: Ältere Menschen sind eine durchaus heterogene Gruppe, was ihre Bedürfnisse betrifft. Die Skala reicht von aktiven Pensionisten, die gerne auf Reisen gehen, bis zu der immer größer werdenden Gruppe von pflegebedürftigen Menschen. Deshalb ist es auch so wichtig, die Palette der Wohnmöglichkeiten im Alter zu hinterfragen und zu erweitern.

Die Antworten finden sich im Pflegeheim, in verschiedenen Formen betreuten Wohnens sowie im Mehrgenerationenwohnen. Bleibt hingegen der Umgang mit älteren Menschen gleich und verharrt man in der derzeitigen Strategie, dann muss man mit einem Anstieg des Bedarfs an Pflegebetten bis 2030 um etwa 90 Prozent rechnen. Der Titel der engagierten Ausstellung war daher auch zugleich Programm: „Ich wohne, bis ich hundert bin.“

Infos:
BM für Soziales & Konsumentenschutz: Tel. 0800 20 16 22, Fax: 01/71100-16332, E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann. .
Internet: www.bmsk.gv.at


Gepflegt alt werden

Zahlen & Fakten
In Österreich brauchen 357.000 Menschen ständig Pflege. Das sind vier Prozent der Gesamtbevölkerung – Tendenz steigend. Und Pflege ist teuer:
  • Professionelle Hilfe zu Hause (z.B. Pflege, Reinigungsdienste): € 8,65–27 pro Stunde.
  • Essen auf Rädern: rund € 220,–pro Monat.
  • Ein Heimplatz: zumindest € 2.400,– monatlich.
  • Privatheimplätze sind in der Regel je nach Ausstattung um vieles teurer.

Die Höhe des gesetzlichen Pflegegeldes hängt vom Ausmaß der Behinderung und dem benötigten Pflegeaufwand ab, z.B:
  • Stufe 1 (mehr als 50 h Pflegebedarf) monatlich € 148, 30.
  • Stufe 3 (mehr als 180 h Pflegebedarf) monatlich € 421,80.
  • Stufe 7 (schwerste Pflegebedürftigkeit, mehr als 180 h Pflegebedarf): € 1562,10.

Wenn Pflegegeld nicht ausreicht

Rund 80 Prozent der derzeit in Österreich pflegebedürftigen Personen werden in ihrer vertrauten Umgebung von Angehörigen, Nachbarn oder Freunden betreut. Nimmt man zusätzlich dazu auch noch professionelle Hilfe in Anspruch, wird das laufende Einkommen und das gesetzliche Pflegegeld in den meisten Fällen nicht ausreichen. Neben dem Pflegegeld, der Pension oder Rente wird daher auch das Vermögen zur Deckung der Heimkosten herangezogen. Wenn das Einkommen und das Vermögen zur gänzlichen Abdeckung der Heimkosten nicht ausreichen, kommt meist die Sozialhilfe für den Restbetrag auf – für private Heime gilt das jedoch nur eingeschränkt. In einigen Bundesländern werden die noch offenen Heimkosten aber nicht von der Sozialhilfe getragen, sondern vom Ehegatten oder anderen Familienangehörigen eingefordert. Je nach Bundesland gibt es unterschiedliche Regelungen.

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  • Gesünder Leben Verlags GmbH
  • Johann Strauss Gasse 7/2/5
  • 1040 Wien, Österreich

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