Freitag, 13. Dezember 2019

Alternativen für den Lebensabend

Ausgabe 11/2010
Moderne Formen des Wohnens im Alter tragen den Ansprüchen nach Individualität und Selbstbestimmung Rechnung und bieten so mehr Lebensfreude.

Foto: Elena Elisseeva - istockphoto.com
Geschäftiges Treiben auf einer großen Dachterrasse in Wien-Simmering. Ein Grüppchen hochbetagter Frauen buddelt in der Erde und macht sich an Hochbeeten zu schaffen. Die ambitionierten Gärtnerinnen leben in der Pflege-WG des Diakoniewerks. Wie in einer Studenten-Wohngemeinschaft hat dort jeder sein eigenes Zimmer, und man teilt sich die Gemeinschaftsräume. Was diese WG von einer herkömmlichen unterscheidet? Ihre Bewohner, 13 Senioren, können nicht mehr auf sich alleine gestellt wohnen. In der Erdbergstraße 222 finden sie die nötige pflegerische Betreuung, aber auch für Kurzweil ist gesorgt. Wer will, kann in der Küche und im Haushalt mithelfen – oder eben auf dem Dachgarten. „Wir möchten, dass sich die Bewohner fühlen wie in der Familie“, sagt Alexander Neuhold, der Chef der Pflege-WG. „Und auch wenn viele nicht wissen, welcher Tag gerade ist: Zwiebeln schneiden können sie.“

Lebensqualität in der WG
Die „Hausgemeinschaften Erdbergstraße“ – es gibt nämlich drei davon im gleichen Gebäude – sind so etwas wie ein Vorzeigeprojekt, aber nur ein Beispiel dafür, dass es auch Alternativen zum klassischen Senioren- oder Pflegeheim und der Pflege zu Hause gibt. Gut zu wissen für jene, die sich langsam Gedanken darüber machen, wo sie ihren Lebensabend verbringen wollen bzw. was sie tun sollen, wenn sie einmal nicht mehr alleine zurechtkommen. Das Thema betrifft aber genauso die Generation der heute 40- oder 55-Jährigen – als Söhne und Töchter von zu Betreuenden.

„Es besteht mittlerweile ein Trend zu kleineren Einheiten“, sagt Wiens Seniorenbeauftragte Angelika Rosenberger- Spitzy. Nicht zuletzt deshalb schießen geförderte Senioren-WGs wie zum Beispiel auch die Demenz-WG der Caritas Sozialis aus dem Boden wie die sprichwörtlichen Schwammerln. Man spricht dabei auch von „betreutem Wohnen“. Dieses wird nicht nur wie in den Wohngemeinschaften mit Einzelzimmern, sondern auch anderen Wohnformen praktiziert. Die Palette reicht von barrierefreien Senioren-Kleinwohnungen in normalen Wohnanlagen über Seniorenwohnhäuser mit einem Hausmeister, der kleine Dienste übernimmt, bis zu Häusern mit ausgeprägtem Servicecharakter und Unterhaltungsprogramm. Je nach Belieben können die Bewohner selbst kochen oder sich bekochen lassen, die Wäsche und ihr Appartement selbst säubern oder reinigen lassen. Medikamente werden von der Apotheke angeliefert, und auf Wunsch kommen Friseure, Optiker und Fußpfleger ins Haus. Teilweise sind auch Kurzzeit- oder Langzeit-Pflegestationen vorhanden. Solche Wohnformen liegen oft auch im Umkreis von Alten- oder Pflegeheimen, um bei Bedarf auf die Dienstleistungen und Infrastruktur zugreifen zu können. Vorreiter in Sachen betreutes Wohnen ist übrigens Oberösterreich, wo sich das Angebot „betreubares Wohnen“ nennt. Eine einheitliche Definition fehlt bis dato noch. Die Bewohner müssen aber grundsätzlich fähig sein, ihren Haushalt selbstständig oder unterstützt von mobilen Services zu führen.

Jung und Alt
Heute wird generell darauf geachtet, so viel Privatsphäre und Selbstständigkeit wie möglich zu garantieren, gleichzeitig aber die höchste Sicherheit zu bieten. Integrieren statt trennen, lautet eine weitere Prämisse zukunftsträchtigen Seniorenwohnens. Man kommt zunehmend davon ab, Senioren in eigenen Einheiten „abzuschotten.“ „Das letzte große Haus für Pensionisten wurde 1995 gebaut“, erläutert Seniorenbeauftragte Rosenberger-Spitzy. „Generationen-Wohnen“ forciert das Zusammenleben von Jung und Alt. Seit sieben Jahren funktioniert das im Kolping-Haus „Gemeinsam Leben“ im 10. Bezirk, bald wird ein zweiter Bau dieses Typs in Wien 21 fertiggestellt. Beide stehen rüstigen bis pflegebedürftigen Senioren ebenso offen wie Müttern und Kindern. Und das ist nur eine Spielart von Generationen Wohnen. Andere Modelle des Mehr-Generationen- Wohnens sprechen auch Familien an.

Wer in seinen eigenen vier Wänden bleiben möchte, für den ist das Modell Tageszentrum interessant: Dieses bietet eine fundierte Betreuung zwischen 8 und 17 Uhr, was etwa pflegenden Angehörigen entgegenkommt. Pluspunkte: Soziale Kontakte holen alte Menschen aus ihrer Isolation, und es gibt einen strukturierten Tagesablauf. Angeboten werden bedarfsgerechte Pflege sowie Gruppen- und Einzelangebote wie Physiotherapie, Musikgruppen oder auch nur Beratung. Wenn nötig, gibt es auch Unterstützung bei der Körperpflege. Stichwort Transport: Eigene Spezialtaxis holen die Senioren von zu Hause ab und bringen sie um 17 Uhr wieder nach Hause. Um Alzheimer- und Schlaganfall-Patienten kümmern sich spezielle Tageszentren.

Wenn es nicht mehr alleine geht: Rat & Infos

Wenn Sie für sich selbst oder für einen Angehörigen eine alternative Wohn- und Betreuungsform ins Auge fassen, will das von langer Hand geplant und auch gut durchkalkuliert werden. Hier einige sachdienliche Eckdaten:
  • Pflegegeld: € 154,– bis € 1.656,– monatlich, je nach Pflegestufe. Es muss mindestens ein Pflegebedarf von 50 Stunden monatlich vorliegen. Infos: www.bundessozialamt.gv.at bzw. Tel. 05 99 88
  • 24-Stunden-Betreuung: Selbstständige Betreuung wird mit max. € 550,– pro Monat gefördert, unselbstständige mit max. € 1.100,–
  • Wartezeiten für Betreuungseinrichtungen: Eilt die Sache, gibt es immer Unterbringungsmöglichkeiten. Schwieriger ist es, in der Wunsch-Wohnform unterzukommen. WGs etwa haben lange Wartelisten, weil es wenige Plätze gibt. In den „klassischen“ großen Altenheimen des Kuratoriums für Wiener Pensionistenwohnhäuser, den „Häusern fürs Leben“, wiederum kommt man rasch in der Stadt unter und langsamer im Grünen. Bei den Geriatriezentren, wie die Pflegeheime nunmehr heißen, herrscht ein Run auf die modernen Häuser.
  • Finanzierung: Für Pflegeheime, Pflege-WGs und „Häuser fürs Leben“ gilt: Reichen Pension und Vermögen nicht aus, um die vollen Kosten zu zahlen, behält der Fonds Soziales Wien (FSW) 80 Prozent davon für die Unterbringung ein. 20 Prozent bleibt dem Senior als Taschengeld. Auch die meisten privaten Einrichtungen werden gefördert. Infos: Fonds Soziales Wien, Tel. 01/245 24.
  • Senioren-WGs: Anbieter sind in Wien etwa die Diakonie und das Hilfswerk. www.diakonie.at, www.hilfswerk.at
  • Pensionisten-Wohnhäuser: Anmeldung ab 60 Jahren etwa beim Kuratorium für Wiener Pensionisten- Wohnhäuser möglich. www.kwp.at, Tel. 01/31 39 90
  • Tageszentren: kosten 24 Euro täglich. Der Besuch wird pro Tag mit dem Satz für eine Heimhilfestunde gefördert.
  • Generationen-Wohnen: Infos unter: www.gemeinsam-leben.at
Oma, BlumenFoto: Elena Elisseeva - istockphoto.com

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  • Gesünder Leben Verlags GmbH
  • Johann Strauss Gasse 7/2/5
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