Freitag, 03. Juli 2020

Papa, ich brauche dich

20. Oktober 2011
Väter von Kindern mit Behinderung spielen im Leben ihrer Kinder eine wichtige Rolle. Nicht wie viel Zeit, sondern wie Sie die Zeit miteinander verbringen, ist wichtig.

Illustration: Carola Holland
„Ich habe immer davon geträumt, mit Thomas Fußball zu spielen. In meinen inneren Bildern sah ich uns gemeinsam in Bewegung in der Natur. Als mein Sohn nach seinem Unfall im Rollstuhl saß, fiel ich aus allen Wolken,“ erzählt Markus.

Mehr als Mütter definieren sich Väter über Tätigkeiten, die sie mit ihren Kindern ausüben. Fußball spielen, einen Radausflug machen, ein Baumhaus bauen, angeln gehen, all das sind innere Bilder, die Vätern in den Sinn kommen, wenn sie sich ihre Zukunft mit ihren Kindern vorstellen.

Zum Kontaktaufbau mit ihren Kindern brauchen Väter stärker als Mütter Aktivitäten mit ihrem Kind, um Gemeinsamkeit zu erleben, um sich miteinander gut zu fühlen. Manche Väter sind dabei sehr erfinderisch, andere wieder lassen sich dabei helfen.

„Einmal im Monat begleite ich Thomas zur Ergotherapie. Seine Ergotherapeutin kennt seine Ressourcen sehr genau. Darauf aufbauend findet sie immer wieder neue Spiele, diedie Bewegungsmöglichkeiten von Thomas verbessern und ihm riesigen Spaß machen. Oft kann ich die eine oder andere Spielidee übernehmen, ich muss nicht alles selbst erfinden. Auf Erfahrungen aus meinem Leben kann ich nicht zurückgreifen. Ich hatte noch nie mit einem Menschen zu tun, der nicht gehen konnte. An diesem Ergotherapie-Tag komme ich erst um 10 Uhr ins Büro und bleibe dafür abends länger. Die von Aktivität erfüllte Zeit mit meinem Sohn erlebe ich als sehr hilfreich. Thomas genießt es sichtlich, mir zu zeigen, was er alles kann,“ berichtet Markus.

Tipps für Väter, die das Herz Ihres Kindes erobern möchten
  • Nehmen Sie sich bewusst Zeit zum Spielen mit Ihrem Kind. Legen Sie Ihre Sorgen, Gedanken und Geschäftigkeit wie einen Mantel in der Garderobe ab und widmen Sie sich Ihrem Kind mit Ihrer ganzen Aufmerksamkeit.
  • Beobachten Sie Ihr Kind beim Spielen. Was spielt es gerne? Wo fühlt es sich wohl?
  • Gesellen Sie sich zu Ihrem Kind. Begeben Sie sich auf gleiche Höhe, womöglich auf eine Decke am Boden, in die Sandkiste, an einen Tisch, ins Deckenhaus, in die Hängematte, ins Baumhaus, …
  • Achten Sie auf Reaktionen Ihres Kindes. Ist es neugierig auf Sie geworden? Sprechen Sie mit Ihrem Kind, erzählen Sie ihm, woher Sie gerade kommen, wie es Ihnen geht.
  • Fragen Sie Ihr Kind, wie es ihm geht. Fragen Sie es, was es spielen möchte, egal, ob es sprechen kann oder nicht. Achten Sie dabei darauf, was Ihnen dazu einfällt. Versuchen Sie, die Möglichkeiten Ihres Kindes zu sehen und darauf aufzubauen.
  • Wichtig ist, dass Sie in Kontakt kommen. Das kann durch Blicke sein, durch Berührungen, durch ein Gespräch. Achten Sie auf das Tempo Ihres Kindes. Oft sind es Augenblicke, die Nähe spüren und gemeinsames Glück erleben lassen.
  • Vertrauen Sie auf Ihre väterliche Intuition und seien Sie neugierig, was Sie mit Ihrem Kind erleben!
  • Vielleicht lässt sich daraus ein Ritual gestalten. Ganz gewiss kann eine tragfähige Beziehung zu Ihrem Kind gedeihen, wenn Sie dranbleiben, sich auf Ihr Kind einzulassen.

Manche Selbsthilfegruppen bieten speziell Vätergruppen oder Väterseminare an. Sie stellen eine gute Möglichkeit zum Erfahrungsaustausch dar und können beim Entwickeln einer neuen Vaterrolle unterstützen. Sie erfahren mehr unter www.selbsthilfe.at


In Familien mit Kindern mit Behinderung übernehmen die Väter in einem überdurchschnittlichen Ausmaß die finanzielle Versorgung (mit all ihren Vor- und Nachteilen). Väter erleben ihre Berufstätigkeit häufig als Fels in der Brandung,wenn familiäre Herausforderungen das  Leben erschweren. Es kommt vor, dass sichVäter in ihre Arbeit stürzen, um dem belastenden Familienleben zu entfliehen, manchmal zum Leidwesen der Frauen und auch der Kinder. Die richtige Balance zwischen Beruf, Familie, Partnerschaft und eigenen Bedürfnissen wird hier zum zentralen Thema. Wichtiger, als wie viel Zeit sie zusammen verbringen, ist, darauf zu achten, wie Sie diese Zeit mit Ihrer Familie verbringen. Wenn es Ihnen gelingt, diese Zeit mit ganzem Herzen zu genießen und mit Ihrer ganzen Aufmerksamkeit bei Ihrer Familie zu sein, kommt es nicht so sehr auf das Ausmaß der Stunden an.

Manche Frauen trauen ihren Männern nicht zu, sich gut um ihre Kinder kümmern zu können. Viele schöne Erfahrungsberichte belegen das Gegenteil. Manchmal ist es ein mühsamer Weg, Neues auszuprobieren, aber er lohnt sich immer. Lassen Sie sich nicht von Zweifeln entmutigen. Väter, denen es gelingt, einen passenden Ausgleich zwischen Berufstätigkeit und einer aktiven Vater- und Partnerrolle zu finden, beschreiben diese neue Lebensgestaltung als zutiefst befriedigend und bereichernd. Jede Familie ist gefragt, ihr ganz individuelles Zeitmanagement zu finden.

Dr. Kurt Kallenbach, Professor an der Universität Hamburg, hat sich eingehend mit dem Thema Väter behinderter Kinder beschäftigt. Er prägt den Begriff der „neuen Väterlichkeit“ und kommt zu dem Schluss, dass gelebte Vaterschaft eine echte Bereicherung des Lebens mit ganz eigenen Qualitäten und Sinngebungen mit sich bringt.


Buchtipps:
1. Väter behinderter Kinder von Kurt Kallenbach (Hrsg.), Verlag selbstbestimmtes Leben
2. Aussergewöhnlich: Väterglück von Conny Wenk, Paranus Verlag

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Bundesministerium für Wirtschaft, Familie und Jugend
www.eltern-bildung.at
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