Sonntag, 29. November 2020

Mein Leben mit Querschnittslähmung - Freigeist

Ausgabe 2019.07/08
Seite 2 von 2

 

Freigeist

Als Rabenmutter galt sie mitunter in ihrem sozialen Umfeld, was Susanne noch heute wütend macht: „Ich hätte ihm keinen Gefallen getan, hätte ich ihm jeden Handgriff abgenommen. Ich kann ihn doch nicht zu Tode pflegen!?“ Christopher nickt dankbar: „Sie hat mir zwar gelehrt, Hilfe anzunehmen – etwas, das mir sehr schwer fällt –, aber sie lässt mich niemals hilflos fühlen. Ich komme im Leben sehr gut selbst zurecht!“ Denn „gefesselt“ ist er an den Rollstuhl keineswegs: Christopher lebt alleine in einem Haus, in das er erst nach seinem Unfall zog. Beim Bauen half er mit, war für die Elektroinstallationen zuständig. Eigenständig schupft er den Haushalt, erledigt Einkäufe oder mäht den Rasen. „Alles andere würde mein Ego nicht vertragen“, lacht er. „Wenn man will, kann man alles!“ Dank eines speziell umgebauten Autos kann er selbst fahren, lässt gern bei einem Waldausflug die Seele baumeln, kurvt mit einem Quad durch die Natur und reist mit Freunden zu Festivals („Bei matschigem Boden montiere ich mir Bretter unter die Räder!“) oder gern mal nach Wien zum Fortgehen. „Dorthin zu können, wohin ich möchte: Das bedeutet für mich Freiheit.“ Ja, der heute 28-Jährige steht selbstbewusst mit beiden Beinen im Leben. Das darf man sagen, Christopher Moser selbst wäre der Letzte, der an dieser Stelle nicht lachen würde. „Schwarzer Humor ist okay“, sagt er. Immer wieder an seinen Unfall erinnert zu werden, sei aber manchmal hart, „besonders, da man selbst ja eigentlich bereits damit abgeschlossen hat“. Es ist die Umgebung, die mit Christophers Situation eher Probleme hat als er selbst: „Ständig möchte man mir helfen, ohne zu bemerken, dass dabei Grenzen überschritten werden. Ich sitze im Rollstuhl und bin nicht auf den Kopf gefallen!“

 

Das Leben geht weiter 

Hat der Unfall gar keine Narben auf der Seele hinterlassen? „Ich bin näher am Wasser gebaut als früher, fange bei Blödsinn im Fernsehen zu heulen an“. Und: „Ich bin bodenständiger, lebe nicht mehr nur von Tag zu Tag.“ Klar, manchmal muss „er schon schlucken“, wenn er das Verlangen verspürt, einfach mal wieder auf den nächsten Berg zu steigen. „Aber dann baue ich sofort eine innerliche Mauer auf und konzentriere mich wieder auf andere tolle Dinge in meinem Leben.“ Zum Beispiel seinen Hund Ralphi, der kurz nach dem Unfall bei ihm ein neues Zuhause fand und maßgeblich an Christophers – auch mentaler – Genesung beteiligt war: „Er war nicht nur Ablenkung, durch das Kümmern um ihn hatte ich ein Ziel, eine Perspektive.“ Die hohen Ansprüche, die er an sich selbst stellt, ließen ihn auch die Beziehung zur damaligen Freundin kurz nach dem Unfall beenden: „Ich wollte nicht, dass sie sich mit meiner Situation auseinandersetzen muss, wollte ihr mehr bieten. Heute bereue ich diese Entscheidung.“ Denn sowohl er als auch Mutter Susanne haben gelernt: „Das Leben geht weiter – nur eben anders!“ 

 

Experten Meinung

Prof. Dr. Wolfgang Serles, Neurologe am Wiener AKH, klärt in GESÜNDER LEBEN auf. 

Bei einer Querschnittslähmung handelt es sich um eine Unterbrechung der Nervenfaserbahnen im Bereich des Rückenmarks. Zu den akuten Ursachen gehören allen voran Traumata. Wenn eine Druckausübung auf das Rückenmark langsam erfolgt, sprich: über Monate oder Jahre, handelt es sich um eine chronische Ursache, wie zum Beispiel (gutartige) Tumore. Auch Hämatome oder epidurale Infektionen wie Abszesse können eine Querschnittslähmung auslösen.  

Charakterisiert ist eine Querschnittslähmung durch eine Lähmung unterhalb jenes Bereichs, in dem die Schädigung erfolgte. Auch ein Verlust der Sensibilität in diesem Bereich sowie das Unvermögen, Harn und Stuhl zu halten beziehungsweise diese gar nicht ausscheiden zu können, sind typisch. Diese sind auch davon abhängig, ob das Rückenmark strukturell verändert beziehungsweise zerstört oder ob es, zum Beispiel durch eine Erschütterung, nur kurzzeitig außer Gefecht gesetzt wurde. 

Die Behandlungsmöglichkeiten richten sich nach der Ursache: Bei einem Trauma muss in bestimmten Fällen das Rückenmark entlastet oder die Wirbelsäule operativ stabilisiert werden. Auch bei Tumoren, epiduralen Abszessen oder Blutungen ist eine (rasche) OP notwendig. Bei Entzündungen wird meist mit Kortison beziehungsweise Antibiotikum behandelt, eine OP ist nicht immer notwendig. 

Auch die Prognose hängt von der Art der Verletzung ab. Ist die Kontinuität der Nervenfasern nicht mehr gegeben beziehungsweise das Rückenmark zerstört, ist es unwahrscheinlich, dass sich eine Querschnittslähmung zurückbildet. Betroffene von epiduralen Blutungen oder Abszessen erholen sich gut. Nach einem Trauma bestimmt der initiale Lähmungsgrad die Pro-gnose. Als schwierig in der Rehabilitation gelten die sensiblen Ausfälle sowie die Kontrolle von Stuhl und Harn. Funktioniert Letzteres bald wieder, darf das als prognostisch gutes Zeichen gewertet werten. 

Übersicht zu diesem Artikel:
Seite 1 Mein Leben mit Querschnittslähmung
Seite 2 Freigeist

Aktuelle Ausgabe & E-Paper


cover 2020-10 130x173Aktuelles Heft 10/2020

Die nächste Ausgabe erscheint am 20. November 2020

 

Unsere Ausgabe 09/2020 als E-Paper Lesen!

Aktuelle Online Umfrage

Lachen Sie gerne?

Kontakt

  • Gesünder Leben Verlags GmbH
  • Johann Strauss Gasse 7/2/5
  • 1040 Wien, Österreich

Information