Freitag, 19. Juli 2019

Mein Leben mit Querschnittslähmung

Ausgabe 2019.07/08
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Innerhalb von Sekunden änderte sich das Leben für Christopher Moser für immer: Seit einem Unfall sitzt der Kärntner im Rollstuhl. „Gefesselt“ ist er daran aber nicht, seine Selbstständigkeit hat er sich erhalten. Das Leben geht weiter – nur anders, als Trafikant!


Foto: © Ece Karatas

Es geschah an einem Samstag im Februar 2012. Der Kärntner Christopher Moser, damals 21 Jahre jung, war als Koch viel unterwegs, unter anderem auch in Lech am Arlberg. An diesem Abend war er zu einer Geburtstagsfeier in einem Club eingeladen, aber: „Rauschig war ich goa ned!“ Im Gegensatz zum guten Kumpel, mit dem er abends nach der Feier zu Fuß den Heimweg antrat. Der Schnee lag meterhoch, der Boden war rutschig. „Ich wollte schauen, ob mein Freund eh noch hinter mir ist.“ Da überquerten die beiden Männer gerade eine Fußgängerbrücke. Eine Brücke, die nicht ausreichend gesichert war, das Geländer war nur circa 60 Zentimeter hoch. Die folgende Sekunde sollte Christophers Leben für immer verändern: Als er sich zu seinem Kumpel umdrehte, rutschte er aus und fiel von der Brücke. Drei Meter in die Tiefe. „Ich weiß nur noch, wie ich plötzlich auf der präparierten harten Skipiste, die sich darunter befand, lag“, berichtet er mit fester Stimme. „Der Notarzt, den mein Freund rief, erzählte mir später, dass ich wie am Spieß geschrien habe vor Schmerzen.“ 

 

 

Pack ma‘s an! 

Im Krankenhaus wurde Christopher zweimal notfalloperiert. Der siebente Brustwirbel wurde beim Unfall beschädigt, „der zwölfte wurde komplett zertrümmert und erwischte das Rückenmark.“ Im Krankenbett auf der Intensivstation erlebte Christoper seine erste und hoffentlich letzte Nahtoderfahrung: Ich lag verkabelt da und plötzlich sah ich auf mich hinab, konnte mich und meine Umgebung ganz deutlich sehen. Es war, als wäre ich neben mir gestanden.“ Schon damals, irgendwo zwischen Leben und Tod, war Christophers Mantra, das fortan zu seinem Lebensmotto werden sollte, stärker als jeder Schmerz, jedes körperliche Leiden: „Aufgeben gibt’s nicht!“ Das signalisierte er auch seiner Mama Susanne, als diese ihn das erste Mal im Krankenbett sah: „Er hat mir mit dem Peace-Zeichen zu verstehen gegeben, dass alles okay ist“, erzählt sie. „Von da an wusste ich: Wir schaffen es!“ Christopher selbst kann sich an die Wochen im Krankenhaus nur noch bedingt erinnern, so vollgepumpt war er mit Schmerzmitteln und anderen Medikamenten. Nicht er, sondern die Mama weiß noch genau, wie er war, der Moment der Diagnose: „Als ich vom Arzt die Worte ‚Es ist Querschnittslähmung!’ hörte, ging ich buchstäblich in die Knie. Gleichzeitig wusste ich, was zu tun war – nämlich nicht verzagen, sondern weiterleben. Ganz nach dem Motto: Mach ma, tu ma, pack ma’s an!“

 

Dankbarkeit

In der darauf folgenden Reha lernte Christopher mit seiner neuen Situation und seinem neuen Leben, das von nun an im Rollstuhl stattfinden sollte, umzugehen. Es war nicht leicht, gibt er zu, aber auch hier wehrte er sich mit aller Kraft, in ein dunkles Loch zu fallen: „Im Rehazentrum waren Menschen um mich, die ihren gesamten Körper nicht mehr bewegen, nicht mal die Zahnbürste halten konnten. Da wusste ich, wie viel Glück ich eigentlich hatte.“ Dankbarkeit, das ist ohnehin etwas, das ihn seit dem Unfall beinahe tagtäglich begleitet: „Nichts ist für mich mehr selbstverständlich. Ich konzentriere mich ausschließlich auf das Positive und nicht auf jene Dinge, die nicht mehr möglich sind.“ Möglich, das heißt: Arme, Oberkörper und Kopf sind frei beweglich, die Beine zwar gelähmt, aber „zwischendurch habe ich Muskelkrämpfe. Sprich, meine Muskeln arbeiten noch etwas.“ Freies Stehen klappt nicht, mit Abstützen ist es jedoch zu schaffen. „Mit einer komplizierten Behandlung wäre es eventuell sogar möglich, dass ich wieder gehen kann – aber nur unter ständigen Schmerzen.“ Dann lieber auf den Rollstuhl angewiesen sein, sagt er bestimmt und blickt einem unbeirrt in die Augen. „Ein Leben unter permanenten Schmerzen ist kein Leben.“ So, wie es jetzt ist, sei es gut. „Ich bin glücklich.“

 

Von der Mama zum Coach 

Christopher Moser umgibt eine bemerkenswerte Aura der Stärke, des Optimismus, des Selbstbewusstseins, der Ausgeglichenheit, gepaart mit Stolz und ein klein wenig Sturheit. „Ich will ganz normal behandelt werden!“, stellt er klar. „Mitgefühl ist okay, aber sicher kein Mitleid!“ Natürlich habe sich sein Leben seit dem Unfall verändert – auf eine Weise, die er niemals für möglich gehalten hätte. Seinen Traumjob als Koch musste er aufgeben, wusste viele Jahre lang nicht, wie es beruflich weitergehen sollte. „Es war zwar immer mein Lebenstraum, den ganzen Tag nur am PC zu zocken und nicht arbeiten zu müssen“, grinst er schelmisch, „aber als es dann so weit war, stellte ich mir bald die Fragen: Was will ich vom Leben? Wohin soll mein Weg mich führen, was will ich noch erreichen?“ Seine Mutter schlug vor, im Trafik-Gewerbe tätig zu werden – was auch klappte: Seit wenigen Monaten ist Christopher stolzer Trafikbesitzer (das Geschäft passten sie seinen Bedürfnissen an), seine Mutter und eine weitere Angestellte unterstützen ihn dabei. Nicht dass Christopher darauf angewiesen wäre, im Gegenteil. „Alles, was geht, möchte ich selbst machen.“ Susanne: „Ich habe ihn nie verhätschelt, nie zu sehr bemuttert. Selbstständigkeit war meinem Sohn seit jeher immens wichtig, das wollte ich ihm nicht nehmen. Ich wechselte nach dem Unfall von der Mutterrolle in die Rolle der Trainerin und des Coachs.“ 

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