SEX - wie im Traum

Ausgabe 2013/05

Sexuelle Fantasien? Haben wir alle! Doch wovon träumen wir eigentlich heimlich, und welche Rätsel ranken sich um die Erotik im Kopf?


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Im Bett mit Tom Cruise, ein heißes Strandabenteuer mit Angelina Jolie, Sex mit einem Unbekannten, aufregende Fesselungsspielchen ... Das alles und noch viel mehr kann Inhalt unserer geheimen erotischen Fantasien sein. Und wenn man es auch nicht gerne zugibt, wir alle haben solche Träume, und das ist sogar wissenschaftlich belegt.

Ohne Grenzen der Moral. Eine der bisher größten Studien zu einem Thema, das wohl alle interessiert, über das man aber nicht spricht, belegt, dass 90 Prozent aller Frauen und 96 Prozent aller Männer sexuelle Fantasien haben. „Über Sex fantasieren wir alle, und grundsätzlich gibt es dabei nichts, was man oder frau sich nicht erlauben würde. Erotische Vorstellungen kennen keine Grenzen der Moral!“, bestätigt auch der Wiener Sexualpädagoge Dr. Dieter Schmutzer. Als gesichert gilt, dass konkrete sexuelle Fantasien und die dazugehörigen Bilder spätestens ab der Pubertät und der damit verbundenen vermehrten Ausschüttung von Sexualhormonen bei uns allen auftauchen. Sexuelle Lust und Erotik entstehen im Kopf, denn das Gehirn ist – und darauf kann man gar nicht oft genug hinweisen – das wichtigste Sexualorgan. Dort entscheidet sich, was uns erregt, und alles, was wahrgenommen wird, kann antörnen. Bei hocherotischen Vorstellungen bildet der Körper den körpereigenen Stoff Phenylethylamin, durch den ein Verlangen nach Sex entsteht.

Sexfantasien: Die nackten Zahlen & Fakten

Vor wenigen Jahren veröffentlichte der englische Psychologe Brett Kahr eine wissenschaftliche Studie zum Thema „Sexuelle Fantasien“, für die er 17.000 Frauen und Männer via Fragebogen interviewte. Die Antworten vertiefte das Team der Wissenschaftler rund um Kahr danach mit Gesprächen.
Hier die wichtigsten Ergebnisse:

  • 90 Prozent aller Frauen und 96 Prozent aller Männer haben sexuelle Fantasien.
  • 41 Prozent stellen sich Lustvolles mit Freunden und Bekannten vor.
  • 25 Prozent haben homosexuelle Fantasien, wobei aber höchstens ein Drittel von ihnen Homosexualität auch wirklich lebt.
  • Rund jeder Vierte hat sadomasochistische Fantasien, wobei Frauen stärker zu masochistischen und Männer eher zu sadistischen Fantasien neigen.

Träume kosten nichts. Heute gilt übrigens –  nicht nur unter Sexualwissenschaftlern ­– als erwiesen, dass die Gleichung „Fantasie = Bereicherung“ meist stimmt und dass man sich durch sexuelle Fantasien erlaubte zusätzliche Reize für ein erfülltes Sexualleben holen kann. Die erotischen (Tag)Träume von Männern und Frauen sind schließlich auch Vorstellungen, die erstens nichts kosten, zweitens niemandem wehtun und drittens eben das Sexleben bereichern. „Begreift man Lust mit allen Sinnen, so werden einen die Bilder im Kopf mitunter auch – zum Beispiel in einer im Moment ausgelebten Lust – noch weiterbringen“, so Schmutzer, der auch betont, dass sexuelle Fantasien, die man etwa während des Sex mit dem Partner hat, nichts mit „Betrug im Kopf“ zu tun haben.


Romantik oder Hardcore-Porno? Was die Inhalte dieser Vorstellungen betrifft, so hat sich übrigens in den letzten Jahren einiges geändert. Dieter Schmutzer: „Früher waren solche Fantasien oft auf eher vage Vorstellungen und auf sehnsüchtige Bilder beschränkt, die sich aus dem nährten, was man halt so gehört oder von guten Freunden erzählt bekommen hat. Heute stellen wir fest, dass sexuelle Fantasien bei den Jüngsten und Jungen schon ein gutes Stück mehr von den konkreten Bildern, die man heute überall serviert bekommt, bestimmt sind.“ Diese Tendenz betrifft im Endeffekt uns alle. Die Bilder, die Fernsehen und Internet dazu liefern, werden immer expliziter. Und sind längst allen zugänglich. „Hardcore-Pornos, die sich heute auch schon Zehnjährige aus dem Internet herunterladen, drängen unsere ursprünglichen sexuellen Fantasien oft in eine Richtung, die nicht immer mit den eigenen Wünschen und Bedürfnissen einhergeht“, sagt der Sexualpädagoge, der dazu rät, für sich selbst unterscheiden zu lernen, was die von Internet und Medienkonsum oktroyierten Bilder im Kopf sind. Und welche Fantasien tatsächlich aus einem selbst kommen.

Liebe am Strand oder im Aufzug? Keine Angst, es wird deshalb nicht langweilig, denn „es gibt nichts, was der Mensch sich nicht als sexuelle Fantasie vorstellen kann“, so Schmutzer. Und so träumen Frauen von Liebe am Strand mit Leonardo di Caprio, von einer heißen Nummer mit einem gesichtslosen Fremden im Aufzug oder von einem romantischen Schäferstündchen im Wald mit dem attraktiven neuen Arbeitskollegen. Und die Männer? Nun, bei denen geht es oft schnell und hart zur Sache, vielleicht mit zwei oder drei Frauen zugleich, in verschiedensten Stellungen, an allen möglichen und unmöglichen Orten. Studien zeigen: Männer und Frauen „fantasieren“ eben ganz anders.

Wovon wir träumen

Die häufigsten sexuellen Fantasien

Sexuelle Fantasien treten entweder tagsüber oder beim sexuellen Akt auf. Jeder Mensch entwickelt dabei entsprechend seiner Persönlichkeit unterschiedliche erotische Szenarien. Doch auch wenn sexuelle Fantasien von einer Person zur anderen unterschiedliche Formen annehmen können, kann man einige Grundtendenzen ausmachen, die nach Geschlecht unterschiedlich sind.

FRAUEN:

  • Frauen träumen oft davon, an einem abgelegenen, naturbelassenen, wilden Ort wie etwa einem Strand oder Wald oder aber auch in der Öffentlichkeit wie auf einem Parkplatz, in einem Aufzug oder am Arbeitsplatz Sex zu haben.
  • Auch sexuelle Fantasien mit einer spezifischen Person wie einem Star, einem Kollegen, Freund oder einem Fremden treten häufig auf.
  • Manche Frauen stellen sich besondere sexuelle Praktiken wie Fesseln, Augenverbinden oder erotische Spiele mit Lebensmitteln vor.
  • Schließlich können sich sexuelle Fantasien von Frauen auch auf eine bestimmte Situation beziehen (Sex mit einer Frau oder mehreren Partnern haben, die Lieblingsfrau in einem Harem sein, vor einem männlichen Publikum einen Striptease vollziehen ...).

 

MÄNNER:

  • Männliche Fantasien sind im Vergleich dazu meist „wilder“ und expliziter.
  • Fellatio, Exhibitionismus, Partnertausch, Sex mit zwei oder mehr Frauen gehören zu den verbreitetsten männlichen Sexualfantasien, die im Übrigen auch häufiger realisiert werden als erotische Träume von Frauen.



Flucht aus dem Alltag. Wenn man so vor sich hinträumt, fantasiert man sich meist in der Realität völlig unerreichbare Geschichten zusammen, die aber – gerade bei Frauen – auch sehr romantisch sind und bei denen Sinnlichkeit eine große Rolle spielt. „Das ist ein Stück weit auch Flucht aus dem Alltag, ein Heraustreten aus dem eigenen konkreten sexuellen Erleben, das vielleicht gerade nicht so aufregend ist oder bei dem man sich zusätzliche erotische Reize wünscht“, erklärt Schmutzer.
Der deutsche Psychologe Prof. Ulrich Clement meint ergänzend: „Sexfantasien sind oft Wünsche, die nicht realisiert werden müssen. Sie können völlig absurd und weltfremd sein und müssen nicht von der Absicht zu handeln leben.“

Rezeptfreie Selbstmedikation. Offenbar bietet die Fantasie vielen Menschen die Möglichkeit, den Beschränkungen ihres Alltags zu entkommen und neue Partner und neue Techniken auszuprobieren – solche nämlich, zu denen ihnen im wirklichen Leben der Mut oder die Möglichkeiten fehlen. „Viele sexuelle Fantasien enthalten ein Element der Wunscherfüllung, wobei der Orgasmus nur erreicht werden kann, indem der Wunsch in Erfüllung geht“, fand der britische Wissenschaftler Brett Kahr in einer großen  Studie zum Thema heraus (siehe Kasten auf Seite 76). Tatsächlich ermöglichen uns sexuelle Fantasien die Erholung von Alltagsproblemen und führen zu sofortiger körperlicher Entspannung wie auch zu psychischer Erleichterung, wenn uns Ängste, Konflikte oder auch Depressionen zu überrollen drohen. Sie stehen uns sozusagen als rezeptfreie Selbstmedikation zur Verfügung und sind eine Art Weiterentwicklung kindlicher Spiele.

Tabubrüche sind völlig normal. Allerdings gehen manche dieser Fantasien auch weit über die Grenzen des „Erlaubten“ hinaus und erschrecken den oder die Träumer/in. So stellen sich viele Frauen öfter einmal vor, vergewaltigt zu werden, und sie empfinden dabei Lust und Erregung. Und Männer, die das in der Realität niemals tun würden oder wollten, träumen mitunter davon, eine Frau einmal „so richtig ranzunehmen“. Muss man sich deshalb Sorgen machen? Schmutzer kalmiert: „Das ist völlig normal. Fantasie kennt keine Grenzen, und wenn wir auch manchmal versuchen, sie zu kontrollieren, werden dabei doch oft auch Kräfte frei, die diese Kontrolle sprengen.“ Der Sexualpädagoge empfiehlt, diese Fantasien einfach anzunehmen und sie auch zu genießen. Allerdings können extreme Fantasien auch „gefährlich“ sein bzw. einen tiefen, nicht aufgearbeiteten Konflikt oder ein Kindheitstrauma anzeigen. Übrigens: Inhalt und Struktur unserer Fantasien hängen stark von unseren Erfahrungen in Kindheit und Jugend ab, und: Bei durch traumatische Erlebnisse geprägten Menschen können sie auch zerstörerisch auf die eigene Psyche und die Beziehungen zu anderen wirken.

Es fließen lassen. Doch in den meisten Fällen sind Sexfantasien – wie dargestellt – etwas ganz Normales, und sie können auch eine ganzheitlich gelebte Sexualität fördern. Begreift man Lust und Sex mit allen Sinnen, so wird das rein körperliche Miteinander auf ganz natürliche Weise auch Bilder auslösen und umgekehrt. „Es fließen lassen“ ist das von Experten empfohlene Motto!

 

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