Mittwoch, 28. Oktober 2020

Richtig streiten

Ausgabe 04/2010
Türen knallen, Tränen fließen – Streit! Warum wir alle immer wieder in falsche Konfliktmuster fallen und wie man Streitkultur erlernen kann, lesen Sie hier.

Foto: istockphoto.com
Montagmorgen, sieben Uhr früh: Sie wollen sich noch schnell einen Espresso herunterdrücken, bevor Sie zu dem wichtigen Meeting eilen – und da hat doch jemand glatt die letzte Kaffeekapsel verbraucht, ohne neue zu besorgen – ein Jemand, der hoch und heilig versprochen hat, sich immer darum zu kümmern, und da tut dieser Jemand so, als ob nichts wäre. Sie explodieren, der schönste Streit entwickelt sich, und zum Meeting fahren Sie mit einem doppelt flauen Gefühl.

Stress macht Streit
Sie kennen diese ganz typische Konfliktsituation? „Am häufigsten entsteht diese durch Stress – weil man unter Druck das typische Kampf- oder Fluchtverhalten annimmt und die Gelassenheit verliert oder weil im Stress meist die Zeit fehlt, dem anderen zuzuhören oder aussprechen zu lassen“, sagt die Psychologin und Trainerin Mag. Natalia Ölsböck. So streiten Mann und Frau darum, wer was wann machen soll, Geschwister um Spielzeug, Kollegen um die Ränge. Warum das alles so oft schiefgeht, liegt auch daran, dass wir meist gleich unseren ganzen Selbstwert in Gefahr sehen. Die Folge: Wir reagieren mit Angriff oder Verteidigung. Heikel wird es auch durch die fehlerbehaftete menschliche Kommunikation: „Signale, Mimik, Gestik und Sprache reichen nicht aus, um Bedeutungen von Gedanken und Gefühlen auszudrücken. In der Regel sind ausgesendete Nachrichten mit Erwartungen und Interpretationen verknüpft. Da kann es jederzeit zu Fehlern und Widersprüchen kommen“, so Ölsböck.

Konfliktstrategien
Wie unterschiedlich Geschlechter mit Konflikten umgehen, davon weiß Sandra ein Lied zu singen: Während ihr Mann immer gleich in die Offensive geht, schluckt sie sehr oft Ärger hinunter oder vertuscht Probleme, statt sie auszusprechen. Das nährt ernsthafte Konflikte, sie sind nämlich nicht bereinigt, sondern nagen innerlich weiter. „Klassisch ist, dass Frauen öfter in die Harmoniefalle tappen“, bestätigt die Psychologin. „Allerdings entlasten sich Frauen einfach oft durch eine Aussprache mit der Freundin. Männer neigen da eher zum Abreagieren durch Sport. Bei den „ungesünderen“ Strategien greift er eher zu Alkohol, sie eher zu Medikamenten. In direkten Konfliktsituationen können Frauen tendenziell besser kompensieren und Emotionen kontrollieren. Interessant auch, wie verschieden Streit beruflich und privat verläuft. Hans kann zu Hause ganz schön vehement werden, im Job dagegen hält er sich zurück und versucht, immer sein Gesicht zu wahren. „Berufliche Konflikte sind eher Wertkonflikte, wenn es um unterschiedliche Anschauungen geht, privater Streit ist eher ein Sachkonflikt. Auch liegt ein fundamentaler Unterschied darin, dass dabei jeweils völlig andere Teilidentitäten von uns betroffen sind“, so Ölsböck. „Zu Hause können wir so richtig die Sau rauslassen, unser berufliches Ich hingegen agiert meist viel vorsichtiger. Berufliche Auseinandersetzungen verlaufen meist kühl, private hingegen können brennheiß werden.

Frau, Mann, HarmonieFoto: istockphoto.com
Biografie und Körpersprache

Ob kalt oder heiß – Streiten geht oft schief, auch wegen unserer Biografie. Karin hat von ihren Eltern gelernt, dass Bescheidenheit eine Zier ist. Diese Wertvorstellung hat sie vollkommen verinnerlicht. Wenn es in ihrem Job etwa um Gehaltsverhandlungen geht, bringt sie vor dem Chef meist kein Wort hervor. Erwin wiederum ist überzeugt davon, dass ein Mann die Familie ernähren muss. Als er seinen Job verliert, ist sein Selbstwert völlig angeknackst. „Wir bekommen oft Werte aus unserem
Elternhaus mit, die nicht immer vorteilhaft für unsere Konfliktkultur und unser Beziehungsleben sind“, merkt die Psychologin an. „Diese wiederkehrenden Verhaltensmuster sollte man sich bewusstmachen und kritisch hinterfragen.“

Auch hilft es, auf die Körpersprache zu achten, Ich-Botschaften zu senden, aktiv zuzuhören, um dann das Gehörte zusammenzufassen. Ölsböck plädiert deshalb für das entscheidende Quäntchen Eigenliebe: „Die beste Konfliktvorbeugung ist, an seinem Selbstwertgefühl zu arbeiten und schließlich sagen zu können: „Ich bin okay, du bist okay!“ Selbstwert ist somit der beste Schutz vor unangemessenen Konflikten.“

So kann Streiten funktionieren
  • Vermeiden Sie aggressives Auftreten, bemühen Sie sich um Ruhe und strukturiertes Vorgehen. Explosionsartige Auftritte sind meist zum Scheitern verurteilt.
  • Kommen Sie möglichst direkt auf den Punkt. Versuchen Sie das, was Sie stört, so eng wie möglich zu fassen und prägnant zu formulieren.
  • Bleiben Sie sachlich! Negative Äußerungen und Anschuldigen über andere Themen sind fehl am Platz. Sprechen Sie nicht alle Punkte, die Sie stören, auf einmal an. Das überfordert Ihr Gegenüber.
  • Achten Sie auf Formulierungen! Benutzen Sie eher „Ich empfinde“ als „Du hast“ oder „Du bist“. Vermeiden Sie Äußerungen wie „Nie hast du“, „Immer bist du“ oder „Andauernd machst du“.
  • Geben Sie Ihrem Gegenüber Zeit für eine Reaktion. Ein Streit ist kein Monolog – auch der „Streitpartner“ hat ein Recht darauf, seine Meinung zu sagen und Argumente zu bringen.
  • Ignorieren Sie Ihren Streitpartner nicht! Häufig reicht das Hineindenken in den anderen aus, um zu einem versöhnlichen Ende zu kommen.
  • Schlucken Sie nicht einfach etwas runter. Was Sie bedrückt, sollte auch angesprochen werden. Versuchen Sie, Ihre eigenen Gefühle gut zu beschreiben.
  • Seien Sie kompromissbereit! Das ist die beste Voraussetzung für einen konstruktiven und lösungsorientierten Streit.

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