Freitag, 13. Dezember 2019

Mein Leben nach dem Koma - Neues Leben

Ausgabe 2015.09
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Neues Leben. Als das Mamasein dann sickerte, war dies eine Motivation für Thimm, noch härter an ihrer Genesung zu arbeiten. Heute geht es ihr gesundheitlich „schon ziemlich gut“. Sie lebt, nachdem sie einige Jahre in einem betreuten Wohnhaus gelebt hat, eigenständig in einer kleinen Wohnung. Auf den ersten Blick ist Thimm ihre überstandene Erkrankung nicht anzusehen. Und doch hat sich sehr viel verändert. Sie lebt heute tatsächlich ein „neues“ Leben. Ihre Ehe ging in die Brüche, das Paar teilt sich, nach einem Kampf vor dem Richter, das Sorgerecht für die Tochter. „Ich bin völlig begeistert, dass mein Wunsch, Mutter zu werden, endlich in Erfüllung gegangen ist!“, lächelt Thimm. Die Annäherung zwischen Mutter und Tochter hätte zwar etwas gedauert, heute verstehen sich beide jedoch „sehr gut“. „Ich liebe sie und sie liebt mich auch. Wir unternehmen sehr viel gemeinsam.“ Alle 14 Tage ist Marie bei ihrer Mama. „Ich bin zwar traurig, dass ich die ersten Lebensjahre meiner Tochter verpasst habe, jedoch schaffe ich es, nicht darüber nachzudenken. Ich möchte nicht depressiv werden.“ Nur wenn Thimm auf der Straße einer jungen Mutter mit Baby begegnet, „denke ich daran, dass ich das auch gern erlebt hätte.“

Vom Meeresgrund an die Oberfläche. Und was hat sich sonst noch für Thimm verändert? Sie hat einen neuen Partner, der mit ihr ab und zu  joggt. „Das genieße ich sehr.“ Ihre Leidenschaften, das Tauchen und das Motorradfahren, darf sie heute nicht mehr ausüben, Autofahren und Reisen per Flugzeug sind auch verboten. Dafür geht Thimm heute schnorcheln und schwimmen, betreibt Yoga, ist in der örtlichen Kirchengemeinde aktiv und Teil der dortigen Instrumentengruppe. „Mein neues Lieblingshobby ist aber Zumba.“ Thimm trinkt jetzt lieber Tee statt Kaffee, Saftpackungen müssen einen Drehverschluss haben, da ihr die Kraft in den Händen fehlt, sie zu öffnen. Alltägliches wie Abwaschen oder Anziehen geht langsamer als früher vor sich. Große Probleme bereitet ihr noch das Kurzzeitgedächtnis: „Mithilfe von Fotoalben und anderen Kleinigkeiten kamen die Erinnerungen an das Leben vor dem Wachkoma nach und nach zurück. Je älter die Erinnerungen, desto leichter fallen sie.“ Arbeiten (Thimm war Diplom-Verwaltungsfachwirtin) kann sie nicht mehr, muss mit einem geringen monatlichen Beitrag an Pflegegeld auskommen. Die Krankenkasse, obwohl vom Krankenhaus bestätigt, strichen ihr Physiotherapie und Ergotherapie, weshalb sie dies nun selbst zu Hause in die Hand nimmt. „Ich bin genügsamer geworden“, sagt sie. Thimm beschreibt sich selbst als ehrgeizig und furchtlos. Trotzdem sei sie ruhiger, geduldiger geworden. „Ich bin jetzt viel dankbarer als früher.“ Und dann spricht die Taucherin aus ihr: „Jeden Tag aufs Neue bin ich überglücklich darüber, dass ich wieder sprechen und meinen Alltag selbstständig gestalten kann. Ich war ganz unten auf dem Meeresgrund und habe es geschafft, mich aus dem zerstörten Schiffswrack zu befreien, mir meine Luft einzuteilen und mich durch das grüne Dunkel bis an die Oberfläche hinaufzukämpfen. Dorthin, wo die Sonne scheint und die Strahlen hell und freundlich auf den Wellen glitzern.“

Buchtipp

BuchIhre ganze Geschichte erzählt Carola Thimm in ihrem Buch „Mein Leben ohne mich.
Wie ich 5 Jahre im Koma erlebte“ (Patmos Verlag).

 

 

 

„Vollkommene Gesundung ist ein Einzelfall!“

Prim. Dr. Johann Donis,
Vorsitzender der Österreichischen Wachkoma-Gesellschaft (www.wachkoma.at) im Gespräch mit GESÜNDER LEBEN.

GESÜNDER LEBEN: Wie viele Personen sind von Wachkoma betroffen?
Johann Donis: Insgesamt gibt es 800 bis 1000 Wachkoma-Patienten hierzulande. Circa die Hälfte davon wird in Pflegeeinrichtungen betreut, die andere Hälfte zu Hause.
GL: Was sind die Ursachen eines Wachkomas?
Wachkoma entsteht immer nach einer schweren Schädigung des Gehirns, sei es durch eine Mangeldurchblutung – dies ist klassischerweise der Herz-Kreislauf-Stillstand –, schwere Schädel-Hirn-Traumata, zum Beispiel nach Unfällen oder durch Sauerstoffmangel. Die derzeit häufigste Ursache sind schwere Schlaganfälle. Auch Meningitis, Hirntumore oder neurodegenerative Erkrankungen, zum Beispiel Morbus Parkinson, können die Ursache sein.

GL: Und die Symptome?
Im Wachkoma ist die Verbindung vom Großhirn zum Stammhirn unterbrochen. Die Patienten haben zwar die Augen geöffnet, zeigen aber keine äußerlich erkennbare Bewusstseinsregung. Es fehlt also eine bewusste Wahrnehmung. Funktionen wie Atmung und Verdauung funktionieren zwar, gezielte Bewegungen oder Kommunikation sind aber nicht möglich. Die Augenbewegungen sind schwimmend, auch die Funktion von Darm und Blase ist nicht möglich. Ein Schlaf-Wach-Rhythmus ist jedoch vorhanden.

GL: Wie kommuniziert man richtig mit Wachkoma-Patienten?
Genauso, als ob man mit einem gesunden Menschen kommunizieren würde. Das heißt, man muss die Grundeinstellung mitbringen, dass diese Person alles von ihrer Umwelt mitbekommt. Wichtig ist zudem, in einer emotionalen Bindung zum Patienten zu bleiben.

GL: Was nehmen Wachkoma-Patienten von der Umwelt wahr?
Das hängt vom Stadium der Erkrankung ab. Diese ist kein statischer, sondern ein dynamischer Zustand. Wir können davon ausgehen, dass im Vollbild des Wachkomas keine bewusste Wahrnehmung vorhanden ist. In der weiteren Entwicklung beginnt erst die bewusste Wahrnehmung. Erstes Zeichen hierfür ist immer der spezifische Blickkontakt. Als nächster Schritt kommen die Blickfolgebewegungen, gefolgt von Ergreifen und Abwehren von Personen oder Gegenständen. Ein ganz wichtiger Schritt ist das Dazukommen der situativ richtigen Emotionalität: Lachen bei Freude, Weinen bei Trauer. Hier entsteht auch die erste Möglichkeit, in Kommunikation zum Patienten zu treten. Für mich ist jemand dann aus dem Wachkoma „erwacht“, wenn er „Ja“ und „Nein“ sagen kann.

GL: Wie oft kommt ein „Erwachen“ vor?
Im Sinne einer Entwicklung von einfachen Ja-Nein-Codes: In 80 % der Fälle. Personen, die nach einem Wachkoma so gut wie vollkommen gesunden, sind absolute Einzelfälle und prozentual nicht mal erfasst. Die Regel ist, dass Wachkoma-Patienten schwerstens behindert bleiben.

GL: Wie sieht die Betreuung von Wachkoma-Patienten aus?
Wachkoma geht mit mehr oder minder schweren Komplikationen einher. Dies können Störungen des vegetativen Nervensystems sein, aber auch Muskelschwund oder Wundliegen der Haut. Künstliche Ernährung und die Frage nach der richtigen Sonde, da der Patient nicht selbst schlucken kann, sind genauso ein Thema wie das Reinhalten der Atemwege. Wichtig: Die Frage des bewussten Wahrnehmens soll nicht darüber entscheiden, ob jemand ordentlich betreut wird oder nicht!

Übersicht zu diesem Artikel:
Seite 1 Mein Leben nach dem Koma
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