Dienstag, 10. Dezember 2019

Frust statt Lust

Ausgabe 2013/06
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Sexuelle Lustlosigkeit betrifft immer mehr Frauen – aber auch Männer. Wir verraten Ihnen, welche Ursachen dahinterstecken und was Sie dagegen tun können!


Foto: Can Stock Photo Inc. - konradbak


Schatz, heute nicht, ich hab Migräne!“ Ob nun wirklich der Kopf schmerzt oder nicht – sexuelle Lustlosigkeit ist ein Alltagsphänomen, vor allem in langjährigen Beziehungen. Wobei: Ist es wirklich ein Problem, wenn man lieber im Bett ein Buch liest, als mit seinem Partner zu schlafen? „Wenn beide Personen in der Beziehung damit einverstanden sind, ist das okay!“, versichert Sexualtherapeutin Nicole Kienzl (http://psy-praxis.com/). In der Praxis sei es dann aber doch öfter der Fall, merkt die Therapeutin an, dass der eine Partner öfters Sex will als der andere. „Der Hunger des einen ist immer größer als der des anderen.“ Wobei nicht automatisch der Mann derjenige sein muss, der mehr Sex fordert.

Lustlos – was heißt das? Frauen sind davon aber doch öfter betroffen als Männer: Rund 30 Prozent der Frauen erleben mindestens einmal in ihrem Leben eine Lustlosigkeits-Phase, so Kienzl, bei Männern sind es ca. 15 Prozent. Eine US-amerikanische Studie aus dem Jahr 2008 gibt sogar noch höhere Zahlen an: Von 31.000 Frauen gaben 40 Prozent an, gelegentlich oder häufig keine Lust auf Sex zu haben. 10 Prozent der Frauen meinten, sehr unter ihrer Lustlosigkeit zu leiden. Aber: Wie oft ist denn nun normal? Jeden Tag, einmal wöchentlich oder einmal im Monat? „Das ist unterschiedlich und kommt auf das Paar an“, betont Kienzl. Einen normhaften Soll-Wert, wie oft ein Paar Sex haben muss, gibt es nicht. Und auch wenn uns die Medien etwas anderes vorgaukeln: Sexualität ist knifflig, individuell und muss von jedem so gelebt werden, wie er oder sie es für richtig hält. Auch gar keinen Sex zu haben kann okay sein – sofern beide Partner damit einverstanden sind. Von einer Störung spricht die Psychotherapie erst dann, wenn mindestens sechs Monate keine Lust auf Sex vorhanden ist.


Sexuelle Funktionsstörungen. Die Wissenschaft unterscheidet zwischen verschiedenen sexuellen Funktionsstörungen, unter anderem: Appetenzstörung (das vollkommene Fehlen von sexueller Lust, Gedanken, Fantasien etc.; eher selten), Unerregbarkeit (der Penis wird nicht steif bzw. die Vagina nicht feucht) und Orgasmusschwierigkeiten (zu frühes/spätes Kommen bzw. gar nicht kommen zu können). Vereinfacht und zusammenfassend ausgedrückt: All diese Funktionsstörungen können zur sexuellen Lustlosigkeit führen. Wird „er“ nicht richtig oder lange genug steif und passiert dies vielleicht sogar mehrmals hintereinander, stellt sich beim Mann (und eventuell bei der Frau) Frustration und Angst ein, der Leistungsdruck wird immer größer. „Bei Männern ist dies die häufigste Ursache für Lustlosigkeit“, so Kienzl. Die Angst zu versagen wird so groß, dass man dementsprechende Situationen lieber von vornherein meidet. Wenn die Frau wiederum nicht feucht genug wird, tut der Geschlechtsverkehr weh, die Lust schwindet. Auch Probleme mit dem Orgasmus beider Geschlechter mindern früher oder später den Spaß am Sex. „Natürlich spielen hier auch psychische Faktoren eine wichtige Rolle“, betont Kienzl. Wer nicht abschalten und sich nicht fallen lassen kann, wer stets die Kontrolle behalten möchte, mit seinem Körper unzufrieden ist oder ständig das Gefühl hat, der Partner hätte kein Interesse mehr, kann auch den Sex nicht genießen.

Lustkiller Stress. Oftmals sind es aber auch äußere Einflüsse, die negativ auf den Sex einwirken. „Es ist nicht selten, dass sexuelle Unlust unbewusst als Waffe in der Beziehung eingesetzt wird, wenn zum Beispiel latente Aggressionen gegenüber dem Partner bestehen“, betont Kienzl. Streitet man oft miteinander, ist man eifersüchtig oder hat man das Gefühl, sich auseinanderzuleben (vor allem für Frauen von Bedeutung), kriselt es oft auch im Bett. Ein ganz wichtiger Faktor ist zudem Stress: Dieser lässt nämlich den Serotonin-Spiegel sinken. Wer also während einer Phase der Trauer, der beruflichen Schwierigkeiten oder der Doppelbelastung Beruf/Familie keine Lust auf Sex verspürt, reagiert nicht ungewöhnlich. Auch die Geburt eines Kindes zieht Veränderungen im Sexualleben nach sich, so Kienzl: „Frisch gebackene Eltern müssen sich daran erinnern, dass sie nicht nur Mama und Papa, sondern auch sexuelle Wesen sind.“  Und: Auch Krankheiten, chronische Schmerzen, Depressionen sowie bestimmte Medikamente (z. B. Antidepressiva) können zu sexueller Lustlosigkeit führen.

Wenn der eigene Körper fremd ist. All das, betont Kienzl, sind jedoch niemals die einzigen Gründe, wieso man mit dem Partner nicht mehr schlafen möchte. Die häufigste Ursache für sexuelle Unlust sei nämlich die Nicht-Kommunikation zwischen den Partnern. Die eigenen Wünsche, Bedürfnisse, Begierden, ja: Fantasien, werden nicht angesprochen, sogar hintangestellt. „Beim Sex tendieren wir dazu, es nur dem anderen recht zu machen, und vergessen dabei allzu leicht auf uns selbst“, sagt Kienzl. Das betrifft vor allem Frauen, die häufig gar nicht wissen, was sie erregt und was ihnen sexuell gefällt – „das ist aber entscheidend für guten Sex!“, betont Kienzl. „Nicht der Partner kann herausfinden, was einen anmacht, sondern nur man selbst. Es ist MEIN Körper, MEINE Sexualität und MEINE Verantwortung!“ Während Selbstbefriedigung, inklusive des Konsums von Pornofilmen, für Männer ab dem Zeitpunkt der Pubertät etwas Selbstverständliches ist und diese ihre Bedürfnisse und ihren Körper deshalb genau(er) kennen, ist dieses Thema für viele Frauen nach wie vor etwas Fremdes, mitunter gar Verwerfliches. Auch Fantasien, die vielleicht nicht der gesellschaftlichen Norm entsprechen, verunsichern viele Frauen – zu Unrecht, wie Kienzl klarstellt: „Fantasie und Realität sind zwei Paar Schuhe!“ Für Frauen habe die Moral, so Kienzl, einen viel höheren Stellenwert beim Sex als für Männer, was sie häufig im Bett gehemmt werden lässt. Die Folge: Was man selbst eigentlich möchte, wird hintangestellt. Kienzl: „Der Sex läuft nur noch über den kleinsten gemeinsamen Nenner – das ist natürlich langweilig.“

Übersicht zu diesem Artikel:
Seite 1 Frust statt Lust
Seite 2 Nähe und Distanz

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