Wie kann sexuelle Gewalt an Kindern verhindert werden?

27. Januar 2012
Vorbeugung durch Erziehung


Trotz der Thematisierung des sexuellen Missbrauchs bestehen Mythen und Klischees, die aufgelöst werden müssen.

Die traditionelle, aber unzureichende Aufklärung

 

Das größte Risiko stellt das sexualfeindliche Klima dar, in dem über Körper und Sexualität nicht gesprochen wird, weil den Kindern die Worte und die Voraussetzungen fehlen, Gefahren zu erkennen, sich gegen Übergriffe zu wehren und rechtzeitig Hilfe zu suchen. Als zweites Risiko tritt die autoritäre Erziehung hinzu, die es dem Kind unmöglich macht, gegenüber Erwachsenen „NEIN“ zu sagen.

 

Sexualerziehung als Aufbau einer Barriere gegen Grenzüberschreitungen
Erziehung gestaltet sich durch Beziehung – besonders, wenn es um Vermittlung von Wissen über den eigenen Körper, den Intimbereich geht.

Sexualerziehung kann somit v. a. auf der Basis tiefen Vertrauens erfolgen, der „professionelle“ Raum von Schule oder Kindergarten allein ist da zu wenig.

Ehrlichkeit, Glaubwürdigkeit und Verständlichkeit sind die Maximen:

 

Sexualerziehung wird zu einer Maßnahme der Prävention gegen Missbrauch, wenn sie – als Teil der Erziehung verstanden – Kindern und Jugendlichen von Anfang an jene Beziehung zum eigenen Körper mit all seinen Organen vermittelt, die ihnen Selbstbestimmung auf dem Weg zum Du in all seinen Facetten, auch der erotisch sexuellen, ermöglicht. Dieser früh entwickelte Mut zu Selbstsicherheit und damit auch Verteidigung der Integrität des eigenen Körpers kann Missbrauch und Misshandlung zwar nicht verhindern, er kann aber zumindest eine Barriere gegen Grenzüberschreitung darstellen.

 

Starke und unabhängige Kinder

 

Prävention ist keine punktuelle Maßnahme, sondern eine grundlegende Erziehungshaltung.

 

Lernen, sich zu behaupten: 7 Botschaften an Kinder

Über deinen Körper bestimmst du allein!
Du hast das Recht, zu bestimmen, wie, wann, wo und von wem du angefasst werden möchtest.
Erwachsene müssen lernen, den Körper von Kindern zu respektieren: Oft werden Kinder von Erwachsenen angefasst, geküsst oder hochgehoben, ohne dass auf ihre verbalen oder nonverbalen Zeichen geachtet wird. Ein Kind darf auch ein Geschenk annehmen, ohne dass es dafür Onkel oder Tante umarmen und küssen muss. Kindern muss vermittelt werden, dass sie einzigartig und liebenswert sind. Wenn Kinder auf ihren Körper stolz sind, können sie ihr „kostbares Gut“ besser schützen.

 

Deine Gefühle sind wichtig!
Du kannst deinen Gefühlen vertrauen. Es gibt angenehme Gefühle, da fühlst du dich gut und wohl. Unangenehme und seltsame Gefühle sagen dir, dass etwas nicht stimmt. Es ist gut, wenn du mit uns über deine Gefühle sprichst, auch wenn es schwierige Gefühle sind.
Kinder müssen wissen, dass sie anders fühlen können und dürfen als ihre Eltern. Mit diesem Wissen und dem Ernstnehmen der eigenen Gefühle fällt es ihnen leichter, sich unangenehmen Berührungen mit deutlichen Worten zu entziehen, weil sie nicht befürchten müssen, dass sie deswegen auch von den Eltern oder ihrer Vertrauensperson abgelehnt werden. Wenn Kinder unangenehme Gefühle beachten und ausdrücken können, ist das eine Stufe zum Schutz vor sexuellem Missbrauch.

 


 

Es gibt angenehme und unangenehme Berührungen
Es gibt Berührungen, die sich gut anfühlen und glücklich machen. Es gibt aber auch solche, die komisch sind, Angst machen oder sogar wehtun. Erwachsene haben nicht das Recht, ihre Hände unter deine Kleider zu stecken, dich an der Scheide, am Penis, am Po oder an der Brust zu berühren. Manche Menschen möchten so von dir berührt werden, wie du es nicht willst, aber niemand hat das Recht, dich dazu zu überreden oder dich dazu zu zwingen.
Wichtig ist, dass Körperteile und Handlungen genau benannt werden. So kann auch herausgefunden werden, was vom Kind angenehm und was zumindest komisch empfunden wird. Kinder müssen darin unterstützt werden, selbst bestimmen zu können, welche Berührungen für sie angenehm sind und welche nicht.

 

Du hast Recht, NEIN zu sagen!
Überlege mit anderen, in welchen Situationen es schlecht sein kann zu gehorchen.

Kinder sollten in Alltagssituationen lernen, ihre Bedürfnisse wahrzunehmen und ihre Grenzen zu setzen. Erwachsene müssen ihnen die Gelegenheit dazu geben und diese Grenzen akzeptieren, um sie auf die Abwehr allfälliger Angriffe vorzubereiten.

Natürlich muss ihnen auch klargemacht werden, dass es Situationen gibt, in denen nahe Körperkontakte unangenehm, aber trotzdem unumgänglich sind – beim Arzt oder Zahnarzt etwa.

Die Erziehung zur eigenbestimmten Grenzziehung durch die Kinder führt dazu, dass Kinder auch lernen, die Grenzen anderer zu akzeptieren – und manchmal auch zu „lästigen“ Diskussionen und Machtkämpfen. Aber das Ziel – der Schutz vor sexuellem Missbrauch – ist dies wohl wert.

 

Es gibt gute und schlechte Geheimnisse!
Es gibt gute Geheimnisse, die spannend sind und Freude machen. Schlechte Geheimnisse fühlen sich schwer und unheimlich an und machen ein ungutes Gefühl. Solche Geheimnisse solltest du weitersagen, auch wenn du versprochen hast, es nicht zu tun.


Es geht darum, Kindern den Unterschied zwischen Kindergeheimnissen (Überraschungen, Streichen mit Gleichaltrigen) und Erpressung und Bestechung klarzumachen. Kinder müssen ermuntert werden, ihnen anvertraute Geheimnisse, die sie belasten oder bedrücken, ohne schlechtes Gewissen weiterzuerzählen.

 

Sprich darüber und suche Hilfe!
Wenn dich ein unheimliches Geheimnis oder ein Problem belastet, bitte ich dich, es mir oder einer anderen Person, der du vertraust, zu erzählen. Und höre nicht auf, es zu erzählen, bis dir geholfen wird. Lass uns eine Liste von den Menschen machen, mit denen du über „schwierige Dinge“ reden kannst.

Kinder kommen immer wieder in Situationen, in denen sie sich alleine nicht mehr zurechtfinden. Oftmals wenden sie sich auch an Erwachsene, die ihnen nicht richtig zuhören, nicht glauben oder sie nicht verstehen. Kinder sollen daher ermutigt werden, nicht aufzugeben und jemand anderen um die richtige Unterstützung zu bitten. Sie müssen wissen, dass es ihr Recht ist, sich Hilfe zu holen.

 

Du bist nicht schuld!
Du hast gelernt, dich zu wehren – du wirst aber trotzdem missbraucht. Aber schuld bist du daran nicht. Auch wenn du immer wieder hörst, du wärest selbst schuld – das stimmt einfach nicht! Schuld sind immer nur die Erwachsenen, die so etwas mit dir tun.


Kinder, die sexuell ausgebeutet werden, fühlen sich immer schuldig, weil ihnen dies vom Täter suggeriert wird, damit sie nicht über die Gewalterfahrung sprechen.

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