Wer bietet Hilfe und Unterstützung an?

27. Januar 2012
Niemand kann sexuellen Missbrauch alleine aufdecken, beenden und allein die Folgen abfangen: Daher gibt es eine Reihe von staatlichen und privaten Stellen, die, von verschiedenen Ansatzpunkten her, kindlichen Opfern sexueller Gewalt, anderen Betroffenen und den Tätern zur Verfügung stehen. Die verschiedenen Einrichtungen sind vernetzt und arbeiten zunehmend zusammen.

Je nach Phase der Aufdeckung des Missbrauches bieten folgende Stellen Unterstützung an:

Die Zielsetzung ist allen gleich: den Opfern so viel Schonung wie möglich zukommen zu lassen, erneute Traumatisierungen zu verhindern und den betroffenen Kindern optimalen Schutz zu gewähren.

Jugendamt
Zuständig für die Jugendwohlfahrt sind die Magistrate und Bezirkshauptmannschaften. Wesentliche gesetzliche Grundlage für die Arbeit der sog. „Jugendämter“ (die je nach Bundesland unterschiedlich bezeichnet werden) ist das Jugendwohlfahrtsgesetz von 1989 – mit den Ausführungsgesetzen in den neun Bundesländern.

Die Jugendämter beraten und unterstützen die Familien bei der Erfüllung ihrer Aufgaben in der Pflege und Erziehung minderjähriger Kinder. Sie haben jedenfalls dann die Verpflichtung einzuschreiten, wenn und insoweit die Erziehungsberechtigten das Wohl des Minderjährigen nicht gewährleisten, wobei in familiäre Bereiche und Beziehungen grundsätzlich nur insoweit einzugreifen ist, als dies zum Wohl der Minderjährigen notwendig ist. Dies ist besonders dann der Fall, wenn zur Durchsetzung von Erziehungszielen Gewalt angewendet oder körperliches oder seelisches Leid zugefügt wird.

Im Wesentlichen bestehen die Möglichkeiten des Jugendamtes in

Von den zur Verfügung stehenden Mitteln ist die jeweils gelindeste, noch zum Ziele führende Maßnahme zu treffen.

Das Jugendamt hat Meldungen über den Verdacht der Vernachlässigung, Misshandlung oder des sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen, welche gemäß § 37 JWG (siehe Anhang Gesetzestexte) oder aufgrund berufs rechtlicher Ermächtigungen oder Verpflichtungen an den Jugendwohlfahrtsträger erstattet werden, personenbezogen zu erfassen und unverzüglich zu überprüfen.

Was geschieht beim Jugendamt?
Die meisten Meldungen über sexuellen Missbrauch kommen als anonyme Anzeigen aus der Umgebung des Kindes, aus der Familie, oft aber auch von Lehrer/innen, Kindergärtner/innen etc. Meldet eine Person dem Jugendamt einen Missbrauchsverdacht, so wird diese zunächst unterstützt, den Kontakt zum Kind zu erhalten, da jemand, der Missbrauch „bemerkt“ oder vermutet, meist eine wichtige Vertrauensperson für das betroffene Kind ist. Die äußeren Verdachtsmomente werden hinterfragt, und über weitere Schritte bzw. Hilfsangebote wird beraten.


Bevor Maßnahmen gesetzt werden, sieht das Jugendwohlfahrtsgesetz vor, dass das Kind angehört wird. Das über 10-jährige Kind ist auf jeden Fall, das unter 10-jährige Kind ist nach Maßgabe seiner Entwicklungsreife zu hören. Erhärtet und bestätigt sich dabei der Verdacht, wird gehandelt:

 


Beratungs-/Unterstützungseinrichtungen
Beratungsstellen und Kinderschutzzentren bieten ein breites Spektrum an Unterstützung mit unterschiedlichen inhaltlichen Schwerpunkten und Ansätzen sowie unterschiedlichen Zielgruppen an. Der Schwerpunkt ihrer Tätigkeit ist die Begleitung von langfristigen Prozessen bei den Betroffenen.

Die Angebote sind für die Opfer und den nicht missbrauchenden Elternteil – oder die Vertrauensperson des Opfers – zum Teil unentgeltlich und können zeit lich so lange wie notwendig durchgeführt werden. Die Finanzierung erfolgt im Wesentlichen durch staatliche Subventionen.

Für Opfer, Familienangehörige, Vertrauenspersonen des Opfers und den nichtmissbrauchenden Elternteil umfasst das Angebot

 

Für professionelle Helfer/innen werden weiters Fall-/Helfer/innenkonferenzen und Supervision angeboten.

Daneben kümmern sich auf sexuelle Gewalt an Kindern spezialisierte Einrichtungen um Präventionsarbeit im weiteren Sinne. Sie veranstalten Schulungen für relevante Berufsgruppen und Interessierte und stehen für Referate und Vorträge zur Verfügung. Im schulischen und außerschulischen Bereich werden Workshops für Kinder angeboten, um mit ihnen zu erarbeiten, wie sie auf Grenzverletzungen reagieren können, und um ihre eigenen Fähigkeiten, sich zu wehren, zu stärken.

Die Kinderschutzzentren helfen unmittelbar, unbürokratisch, niederschwellig und kostenlos in akuten Krisen und bei allen Formen von Gewalt gegen Kinder. Einige bieten auch langfristige Beratungen und Psychotherapie für alle Betroffenen an und unterstützen Personen, die Gewalt an Kindern oder Jugendlichen wahrnehmen und verhindern möchten.

Die Kinder- und Jugendanwaltschaften setzen sich für die Wahrung der Rechte von Kindern und Jugendlichen ein und vermitteln bei Konflikten mit Erwachsenen und Behörden. Sie stehen den Kindern vor allem in sehr schwierigen Situationen wie Gewalt, Missbrauch und Diskriminierung zur Seite.

Einige Beratungsstellen, insbesondere Männerberatungsstellen, bieten Informationsgespräche, Beratungen und Therapie für Täter an.

Psychotherapeutische Einrichtungen
Psychotherapie für Opfer von Missbrauch

Wunden heilen bedeutet, wieder vertrauen zu lernen

Durch sexuellen Missbrauch ist nicht nur ein Kind missbraucht worden, sondern

 

In der Psychotherapie geht es um die emotionale und kognitive Einordnung des Geschehenen und oft auch um das Verstehen, was da passiert ist.

Psychotherapie übernimmt eine Mittelrolle zwischen Gesellschaft und dem Einzelnen bzw. der Familie, der/die zur Therapie kommt. Therapeut/innen unterstützen die Betroffenen beim Zurückfinden in gesellschaftlich akzeptable Formen von Nähe und Sexualität. In der Theorie geht es um Neukonstruktion von Beziehungen und im Speziellen um Familienbeziehungen, weil die Familie lernen muss, damit umzugehen.

Die immer wieder auftretenden Themen in der Psychotherapie sind:


Parteiliche Beratung
Dabei wird mit den Beteiligten getrennt gearbeitet. Die räumliche Trennung von Täter und Opfer ist nach diesem Modell Voraussetzung für die Aufarbeitung des Missbrauchs. Die Gefahr, dass der Täter die Familie während der Beratung weiter manipuliert und den Missbrauch fortsetzt, soll auf diese Weise verhindert werden. Psychotherapie ist immer ein langwieriger Prozess, eine Hilfe für innere Prozesse der Klienten, für das Verstehen und Lernen von alternativen Beziehungselementen.


 

Krankenhäuser, Ärzte und Ärztinnen
Auch Ärzt/innen können Ansprechpersonen bei einem Missbrauchsverdacht sein. Ärzt/innen sind grundsätzlich zur Verschwiegenheit verpflichtet. Ergibt sich jedoch für den Arzt/die Ärztin der Verdacht, dass eine minderjährige Person misshandelt, gequält, vernachlässigt oder sexuell missbraucht worden ist, so hat er/sie Anzeige an die Polizei und Meldung an den zuständigen Jugendwohlfahrtsträger  zu erstatten.


Richtet sich der Verdacht gegen einen nahen Angehörigen, so kann die Anzeige an die Polizei so lange unterbleiben, als dies das Wohl des Minderjährigen erfordert und eine Zusammenarbeit mit dem Jugendwohlfahrtsträger und gegebenenfalls eine Einbeziehung einer Kinderschutzeinrichtung an einer Krankenanstalt erfolgt. Wenn der verdächtige Angehörige nicht (mehr) kooperativ ist, muss der Arzt/die Ärztin Anzeige erstatten.


In den Fällen einer vorsätzlich begangenen schweren Körperverletzung hat der Arzt/die Ärztin auf bestehende Opferschutzeinrichtungen hinzuweisen.

 

Kinderschutzgruppen in den Spitälern
Die Aufdeckung von Gewalt an Kindern und die Einleitung von adäquaten Schutzmaßnahmen sind komplexe Aufgaben. Ein multiprofessioneller Zugang erleichtert es, körperliche, psychische und sexuelle Gewalt am Kind frühzeitig zu erkennen und bei hoher emotionaler Beteiligung im Umgang mit Opfern von Gewalt sachlich zu bleiben. Kinderschutzgruppen als Teil einer Kinderabteilung (Pädiatrie, Kinderchirurgie, Kinder- und Jugendpsychiatrie) haben auch das Ziel, zur Sensibilisierung, Weiterbildung und zu fachlichem Austausch beizu tragen.


Mit dem Bundesgrundsatzgesetz zum Krankenanstaltenrecht (2004) wurden die Länder verpflichtet, in jeder Krankenanstalt, in der eine Kinderabteilung geführt wird, eine Kinderschutzgruppe einzurichten und ihre Aufgaben festgelegt.

 

Kinderschutzgruppen sind informelle, multidisziplinär zusammengesetzte Gruppen an Krankenanstalten, in denen Vertreter/innen verschiedener medizinischer Berufe (Ärzt/innen, Pflegepersonal, MTA, Röntgenassistent/innen etc.), Psychologen/ innen und Sozialarbeiter/innen zusammenarbeiten. Aus juristischer Sicht ist eine KSG ein beratendes Gremium, welches im Auftrag der zuweisenden stationsführenden Ärzt/innen Anamnese und Befunde erhebt, eine Diagnose stellt, eine Einschätzung der Gesamtsituation erarbeitet und einen abschließenden Befundbericht abgibt, der – rechtlich betrachtet – einem Gutachten entspricht. Die Mitglieder der Kinderschutzgruppen treffen sich regelmäßig, wobei die Frequenz von der Anzahl der Verdachtsfälle abhängt. In Krisensituationen wird das Team ad hoc einberufen.

 

Polizei
Erfolgt eine Anzeige wegen sexuellen Missbrauchs von einem Kind bei der Polizei, übernimmt meist eine erfahrene Kriminalbeamtin (die manchmal auch ausgebildete Sozialarbeiterin ist) den Fall.

Zunächst versucht sich die Beamtin ein Bild der Situation zu verschaffen und lädt das Opfer mit einer Vertrauensperson zu einem Gespräch ein. Das Kind kann meist wählen, ob die Vertrauensperson bei dem Gespräch anwesend sein soll oder nicht.

Wichtig ist, dass es der Beamtin gelingt, eine Vertrauensbasis zu dem Kind aufzubauen – das Gespräch wird also mit harmlosen Dingen beginnen und sich vorsichtig dem eigentlichen Thema nähern. Dem Kind bleiben aber unangenehme Fragen in vielen Details nicht erspart. Denn die Basis für das weitere Vorgehen stellt die Glaubwürdigkeit der Antworten dar.

Ist es zu Geschlechtsverkehr gekommen, oder werden körperliche Spuren - etwa von Gewaltan wendung – vermutet, erfolgt eine gynäkologische Untersuchung bzw. eine Untersuchung durch den Amtsarzt/die Amtsärztin. Erhärtet sich für die Kriminalbeamtin der Verdacht, dass sexueller Missbrauch vorliegt, informiert sie die Staatsanwaltschaft und das Gericht (auch während des Journaldienstes), die gegebenenfalls einen Haftbefehl gegen den Täter ausstellen.

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