Dienstag, 12. November 2019

Lernen ohne Angst und Stress

23. Februar 2012
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Die Schule treibt Kindern die Lust am Lernen aus. Je mehr Schuljahre, desto weniger Lust, in die Schule zu gehen. Das ergab eine Studie am Wiener Institut für Psychologie. Eine Bestätigung dessen, was sensible Eltern an ihren Kindern ohnedies bereits nach wenigen Monaten Schulbankdrücken wahrnehmen: “Mein Kind hat sich verändert, ist irgendwie gedämpfter, weniger lebenslustig, verspannter…“ Und offensichtlich auch eine Erklärung dafür, warum ein Großteil der SchülerInnen nach einigen Schuljahren immer unverhohlener seine Freude kundtut, wenn sich durch den Ausfall einer Lehrkraft eine Freistunde ergibt. Und sie sind enttäuscht und verärgert, wenn in einem Jahr die meisten Feiertage “saublöd“ mit Wochenenden zusammenfallen. Zu diesen gehörte auch ich, damals während meiner Schulzeit, hocherfreut und erleichtert, mich an freien Tagen endlich ungestört dem widmen zu können, was mich gerade wirklich interessierte.


Eine andere Studie zeigt auf, dass bei den persönlichen Ängsten der 6 bis 15-Jährigen die Angst vor schlechten Noten unangefochtener Spitzenreiter ist. Auf Angst reagieren wir instinktiv mit Lähmung, Totstellen, Fluchtverhalten… Ich hatte gut getarnte Fluchtstrategien entwickelt. Zudem gehörte ich zum Glück jener Schüler-Spezies an, der es halbwegs leicht fiel, die Antworten auf (ziemlich uninteressante) Prüfungsfragen im Kurzzeitgedächtnis zu speichern. Meinen Eltern wurde an Sprechtagen meist Ähnliches gesagt, wie es Anthony de Mello, Meister tiefer Weisheiten und Einsichten, in folgender Episode beschreibt: “Ihr Sohn ist ein guter Schüler.“, bestätigt der Lehrer den Eltern. “Er könnte aber noch bessere Noten erreichen, wenn seine pure Lebensfreude nicht seinen Lernerfolg behinderte.“

Wie wir am meisten lernen…?

Lernhilfezentren erfahren derzeit einen absoluten Boom. Immer mehr Kinder und Jugendliche benötigen Nachhilfe, sogar schon Volksschüler. “Viele müssen erst wieder das Lernen lernen!“, erzählt ein Institutschef. Dabei gehören Lerntrieb, Neugier und Forscherdrang zum Wesen jedes Menschen, sind in uns grundgelegt wie das Atmen, Essen, Trinken und Verdauen. Niemandem würde es etwa einfallen, den Kopf eines Kindes im Stundentakt in Teller voller Essen zu stoßen, um sicher zu stellen, dass es isst. Unser Lerntrieb ist sogar so stark, dass wir auf Essen, Trinken und Schlafen vergessen, wenn wir von einer Sache ganz gefesselt sind. Zum Lernen müssen wir nicht gezwungen werden, Lernen muss uns nicht beigebracht werden, es kann nur behindert und verhindert werden.
Seit Einführung des Pflichtschulwesens im 19. Jahrhundert hat sich am System unserer Bildungseinrichtungen nicht wirklich Grundsätzliches verändert. Aufgrund neuer Erkenntnisse gibt es neue Lerninhalte, der zu lehrende Stoff und entsprechende Fächer haben sich vermehrt. Die Erkenntnisse der Neurobiologie und der Gehirnforschung über Lern-, Lebens-, Wachstums- und Entwicklungsprozesse aber fanden wenig Berücksichtigung im Bildungs-System (…abgesehen davon, dass Lehrern Methodenvielfalt nahegelegt wird, damit das Schlucken meist unverdaulicher Lerninhalte in schöner Verpackung leichter fällt).
Jede(r) von uns kann selbst nachspüren, wann er oder sie positive Lernerfahrungen hatte und welche Umstände diese ermöglichten. Ich hatte sie dann, wenn sich Erwachsene nicht einmischten oder wenn sie in einer ganz bestimmten Haltung präsent waren: vertrauend, geduldig, großzügig, respekt- und liebevoll; wenn ich es tun wollte, aus mir heraus, angetrieben durch meine Neugier, mein Interesse, meinen Forscherdrang und Erfindungsgeist; wenn ich “alle Zeit der Welt hatte“ und niemand mich in meiner Beschäftigung unterbrach oder antrieb. Heft, Buch, Bleistift, Schulbank und Tafel sind ein schlechter und unzureichender Ersatz für Kinder, die ihre Umwelt am liebsten mit allen Sinnen, mit ihrem ganzen Körper, aus eigenem Interesse heraus, mit großer Lust am Spiel und der Bewegung, allein oder mit Spielgefährten entdecken und erforschen wollen.

Lernen oder Unterrichtet Werden?

Unser öffentliches Schulwesen hat Lernen auf “Unterrichtet-Werden“ reduziert. Erwachsene haben in Lehrplänen definiert und vorgeschrieben, welcher Stoff und welche Fertigkeit innerhalb welcher Zeit in den Köpfen aller Kinder und Jugendlichen des jeweiligen Klassenzuges zu sein hat. Ein wöchentlich wiederkehrender Stundenplan schreibt vor, dass alle gleichzeitig zur gleichen Zeit das selbe Interesse für das selbe Fachgebiet aufzubringen haben. Und dieses soll sich auch noch stündlich verändern!
Erwachsene bestimmen also, was Kinder und Jugendliche können und wissen müssen, um im späteren Leben zu bestehen. Lernen ist aber für Kinder und Jugendliche keine Vorbereitung auf das Leben (schon gar nicht auf ein späteres), sondern das Leben selbst. Lernen ist ein spielerischer und schöpferischer Akt im Jetzt. Lernen ist ein innerer Prozess, der in Selbstbestimmtheit gegangen werden will. Kleinkinder haben sehr bald schon die Wörter “Nein!“ und “Selbst!“ in ihrem Wortschatz, um sich gegen Fremdbestimmung und Direktivität zur Wehr zu setzen. Direktivität behindert und verhindert den Aufbau von Verständnisstrukturen in unserem Gehirn - auch wenn sie getarnt wird, z.B. als wohlmeinende Aufforderung, als liebevolles Motivieren oder als hilfsbereites Eingreifen, um zu zeigen, wie es richtig geht. Mit derartigen Eingriffen verhindern wir die Entwicklung der aktiven Intelligenz, die sich vor allem durch einen hohen Grad an Autonomie, Entscheidungskraft, Kreativität, Flexibilität und sozialer Kompetenz auszeichnet, die zur Kooperation und zur Übernahme von Verantwortung befähigt.

Was ist Intelligenz?

Intelligenz hat wenig mit Auswendiglernen und Wissensanhäufung zu tun. Eine derartige Sichtweise von Intelligenz und Bildung hat auch keinen Bezug mehr zu unserer gesellschaftlichen Wirklichkeit, in der neue Technologien laufend die Arbeitswelt verändern, in der die Wissensmenge explodiert und ebenso schnell wieder veraltet. Damit Verständnis und Intellekt auch für noch nicht absehbare Veränderungen in der Zukunft gerüstet sind, braucht es die persönliche Auseinandersetzung mit einer Vielzahl unterschiedlicher und konkreter Wirklichkeiten. Es braucht das freie Experimentieren mit Lebenssituationen, das Sammeln, Vergleichen, Erproben und Einüben vielfältiger Erfahrungen mit unserem Körper und im Umgang und der Auseinandersetzung mit verschiedensten Materialien und Menschen. Schulgebäude, in deren Klassenräumen “Gruppenhaltung“ betrieben wird, scheinen dafür wenig geeignet.
Aus neurobiologischer Sicht ist eine Lernumgebung dann eine gute, wenn sie für Kinder frei von Zurückweisung, negativer Bewertung, Angst und Schmerz ist. In einer Umgebung emotionaler Sicherheit, des Respekts, des Vertrauens und einer Liebe, die nicht mit Bedingungen und Erwartungen verknüpft wird, und die für die jeweilige Entwicklungsphase geeignete Anreize bietet, lässt sich das Lernen des Gehirns gar nicht aufhalten. Kinder müssen zum Lernen nicht motiviert werden, sie sind von Natur aus motiviert. Sie werden mit der selben spielerischen Leichtigkeit die Kulturtechniken des Rechnens, Lesens und Schreibens erlernen, wie das Radfahren oder Hüttenbauen. Gehören doch Ziffern und Zahlen, Buchstaben und Schrift ebenso zu unserer Welt, die sich jedes Kind in seiner natürlichen Neugier erobern möchte. Bei gewollten, erzwungenen Versuchen, ein Kind zum Lernen zu bewegen, geschieht überraschend wenig Lernen. Vielmehr verläuft nach Schätzungen etwa 95% allen Lernens unterhalb unseres Bewusstseinspegels, im freien Spiel, im konkreten Tun, im entspannten Sein.

Übersicht zu diesem Artikel:
Seite 1 Lernen ohne Angst und Stress
Seite 2 Schule ganz anders?


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