Freitag, 15. November 2019

Keine Chance dem Nachzipf

Ausgabe 2013/05

Der Schulschluss naht mit Riesenschritten – und damit der Druck, einem „Sitzenbleiben“ zu entgehen. Was ist jetzt zu tun?


Foto: Can Stock Photo Inc. - firstbite

In wenigen Wochen ist es wieder so weit: Die Schule schließt ihre Pforten; der Ferienbeginn wird eingeläutet. Davor heißt es aber noch für zahlreiche Schülerinnen und Schüler: lernen, Schularbeiten schreiben und Prüfungen ablegen. Eltern können ihr Scherflein dazu beitragen, ihr Kind gut durch die Schule zu bringen. Die Leistungen muss es natürlich selbst erbringen, aber durch entsprechende Förderung zur Autonomie und des Selbstwertgefühls sowie Anteilnahme am schulischen Geschehen, einem liebevollen Miteinander und dem Schaffen einer adäquaten Lernatmosphäre kann man den kleinen und auch größeren Sprösslingen etwas unter die Arme greifen.

Selbstständigkeit forcieren. „Eltern wollen ihre Kinder natürlich unterstützen. Trotzdem ist es wichtig, dass Heranwachsende Verantwortung für ihr eigenes Lernverhalten übernehmen können“, so Dr. Katharina Turecek, Leiterin des Instituts für Gehirntraining in Wien. Es ist also nicht notwendig, jede einzelne Hausaufgabe zu kontrollieren oder gar mitzulernen. Vielmehr sollten Eltern ihren Kindern vermitteln, dass sie ihnen selbstständiges Lernen zutrauen, gleichzeitig aber signalisieren, dass sie jederzeit mit Unterstützung rechnen können, wenn konkreter Rat gefragt ist. Dabei empfiehlt es sich, zunächst indirekt zu helfen; also vielleicht lieber auf eine ähnliche Problemstellung, die das Kind schon einmal gelöst hat, zu verweisen, ein Buch zum Nachschlagen zu empfehlen oder unverständliche Aufgaben umzuformulieren. „Ein menschliches Gehirn muss die Dinge verstehen; es benötigt Sinn und Ordnung“, weiß Dr. Barbara Knab, approbierte Psychologische Psychotherapeutin und Autorin aus München. „Es eignet sich absolut nicht dafür, größere Mengen an zusammenhanglosen Informationen zu speichern.“

Kommunikation. Wer sich für sein Kind die nötige Zeit nimmt, Prüfungssituationen nachzustellen, indem beispielsweise Vokabeln abgefragt werden oder über gelesene Literatur gemeinsam reflektiert wird und dadurch neue Fragestellungen aufgeworfen werden, unterstützt es nachhaltig im Schulalltag und hält seine grauen Zellen auf Trab. Auch wer es darum bittet, einen bestimmten Inhalt in eigene Worte zu fassen oder in Form einer Zeichnung darzustellen – und es das kann –, fördert Gedächtnisleistung, Wahrnehmungsschärfe und Verständnis. Kinder sind grundsätzlich in der Lage, selbstständig zu lernen. „Es gibt aber drei Stellen, wo es Unterstützung benötigt“, so Knab. „Erstens beim Auswendiglernen und Wiederholen, etwa bei Wörtern einer Fremdsprache, zweitens beim Wecken von Interesse für einen bestimmten Gegenstand und drittens bei Verständnisproblemen. Was das Kind nicht verstanden hat, kann es auch nicht lernen.“

Leistungen anerkennen. Die Grundvoraussetzung dafür, dass Freude am Lernen überhaupt entstehen kann, sind Lernerfolge. „Zeigen Sie Ihrem Kind, dass Sie stolz auf seine Leistungen sind“, so Turecek. „Lernerfolg misst man nicht im Vergleich mit den Klassenkameraden oder anhand der Noten, sondern anhand persönlicher Fortschritte. Nehmen Sie sich darum regelmäßig Zeit für einen anerkennenden Blick oder ein motivierendes Schulterklopfen. Es ist effektiver, dem Nachwuchs so regelmäßig zu zeigen, wie stolz man ist, als hin und wieder mit teuren Belohnungen zu locken.“ Bedingung dafür ist natürlich, dass man den Status quo seines Kindes in den unterschiedlichen Schulfächern kennt. Knab: „Das Allerwichtigste ist, sich dafür zu interessieren, was das Kind Neues gelernt hat.“ Sprich: Anteilnahme zeigen, um den individuellen Fortschritt überhaupt erkennen zu können. „Gibt es Risiko-Fächer, empfiehlt es sich, regelmäßige Lernzeiten einzuplanen, also etwa jeden Samstagnachmittag eine Stunde lang Mathematik zu üben – ganz unabhängig von nahenden Schularbeiten“, erklärt Turecek.

Pausen einlegen. Sowohl in der Schule als auch daheim sind regelmäßige Erholungsphasen notwendig, um wieder aufnahmefähig zu sein. „Direkt nach der Schule brauchen Kinder eine Pause“, so Knab. Und weiter: „Anfangs sind 20-minütige Lerneinheiten am Stück zu bevorzugen, danach kann man sie auf 45 Minuten ausweiten. Ältere Kinder schaffen auch 90 Minuten. Danach ist jeweils eine Pause notwendig.“ Um die Gedächtniskraft zu optimieren, empfiehlt es sich, einen gesunden Snack wie z. B. Obst oder Nüsse zu sich zu nehmen, ein Glas Wasser zu trinken oder einfach einmal frische Luft zu schnappen, um die Sauerstoffzufuhr, die für das menschliche Gehirn lebensnotwendig ist, zu erhöhen. „Solche Rituale und Regelmäßigkeiten erleichtern den Lerneinstieg und fördern den Lernerfolg“, meint Turecek.

Angenehme Lernatmosphäre schaffen. Kreatives Chaos hin oder her: Ein aufgeräumter Schreibtisch motiviert zum Lernen. Es wird wohl nicht immer leicht sein, dies seinem Kind klarzumachen; dringt der Appell aber dann doch einmal durch, werden Ordnungssinn und die Vorliebe für ein strukturierteres Arbeiten geschärft. Um Haltungsschäden vorzubeugen, sollten Eltern darauf achten, dass sowohl Tisch als auch der dazugehörige Sessel höhenverstellbar sind. „Gestalten Sie eine möglichst störungsfreie Lernumgebung“, rät Turecek. Unnötige Lärmquellen wie z. B. Radio oder Fernseher gefährden die Lernqualität sowie die Konzentration und sollten während des Erledigens der Hausaufgaben nicht stören. Und auch wenn Multitasking-Fähigkeiten vielfach geadelt werden – beim Lernen haben sie nichts verloren. Wer z. B. Musik hört, jeder ankommenden E-Mail Beachtung schenkt, hin und wieder seinen Facebook-Account checkt und glaubt, nebenbei mathematische Textaufgaben lösen zu können, wird – zumindest in den meisten Fällen – scheitern.

Bewegung und Schlafen machen schlau. Körperliche Aktivität fördert die Neubildung von Nervenzellen im Hippocampus, das ist jene Region im Gehirn, die für das Lernen und Abrufen von Inhalten verantwortlich ist. Kein Wunder also, dass Studien mit Grundschulkindern, die täglich Turnstunden absolvierten, bessere schulische Leistungen erbrachten als Vergleichsgruppen. „Nur wer körperlich fit ist, ist auch geistig zu Höchstleistungen in der Lage“, so Turecek. Und: Genügend Schlaf ist bei Kindern und Jugendlichen nicht nur für Gesundheit und Wachstum verantwortlich, sondern sorgt auch dafür, dass sich angeeignetes Wissen konsolidiert. „Während wir schlafen, werden untertags gelernte Wissensinhalte gefestigt“, so Turecek. Ausgeschlafen in den nächsten Tag starten lautet die Devise.

Ein Nachzipf ist keine Katastrophe. Dennoch: Falls der Nachzipf trotz all dieser Ratschläge unaufhaltbar ist: Bitte nicht verzweifeln! „Lassen Sie Ihr Kind erst einmal zwei Wochen richtig Ferien machen, mit viel Bewegung und positiven Eindrücken. Danach empfiehlt es sich, an drei bis fünf Tagen in der Woche zwei Stunden am Tag den Lernstoff, der mit den Lehrkräften abgestimmt wurde, vorzubereiten und den Rest des Tages mit Dingen zu verbringen, die Freude bereiten“, rät Knab. Mit ein bisschen Unterstützung der Eltern, die an einem Zeit- und Lernplan mitfeilen dürfen, kann dann auch nicht mehr viel schiefgehen.

 

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