Sonntag, 31. Mai 2020

Du würdest wollen, dass wir glücklich sind

25. Januar 2012
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Vom Tod des Partners sind Sie und Ihr Kind betroffen. Trauer hat viele Formen, und alle sind normal. Denn Kinder bis zur Pubertät trauern anders als Erwachsene.

Illustration: Carola Holland
Wenn ein Familienmitglied stirbt, ist das ein einschneidendes Erlebnis für jeden Menschen. Manchmal passiert es völlig unerwartet, manchmal hat man damit gerechnet. Immer geschieht es viel zu früh. Besonders schwer ist es, wenn man neben der eigenen Trauer zusehen muss, wie Kinder einen Elternteil verlieren. So wie bei den Brüdern Max und Christopher, beide im Volksschulalter. Ihre Mutter hatte Brustkrebs und musste ein Jahr nach der Diagnose den tapferen Kampf aufgeben.

Die Buben sind nicht unvorbereitet, als sie ihre Mutter zum letzten Mal im Spital besuchen. Trotzdem begreifen sie erst Wochen später, was es bedeutet, dass Mama für immer weg ist. Während Christopher, der Ältere, sich zurückzieht und nur das Nötigste redet, reagiert Max mit einem Rückschritt ins Trotzalter. Er ist wütend auf alle, besonders auf Mama, weil sie ihn allein gelassen hat. Und er macht nachts wieder ins Bett.

Je nach Alter und Temperament trauern Kinder unterschiedlich: manche heftig wie Christopher, andere still wie Max. Ab etwa 10 Jahren beschäftigen sie sich auch mit ethischen und religiösen Fragen rund ums Sterben. Dann brauchen sie Erwachsene, die sich nicht vor einer Diskussion drücken, sondern offen darüber reden, was sie selbst glauben und wie es ihnen mit dem Verlust geht.

Der Vater der Buben muss selbst erst einmal damit fertig werden, dass er mit 35 Witwer ist. Dieses Wort kam in seinem Lebensplan nicht vor. Dass er den Kindern ebenso wenig wie sich selbst den Trauerprozess ersparen kann, hat er verstanden. Deshalb hat er sie selbstverständlich zum Begräbnis mitgenommen. In ihren schwarzen Hosen sind sie dort gestanden und haben ihrer Mama zwei Rosen auf den Sarg gelegt. Dran gehängt waren Briefchen, die ihr Vater nicht gelesen hat. Denn Abschiednehmen ist auch etwas sehr Intimes, Persönliches. Ums Handgelenk trugen Max und Christopher die Armbänder aus Leder mit den kleinen Anhängern, die ihre Mutter ihnen beim letzten Gespräch geschenkt hat. Sie haben sie seither nie abgenommen.

Lassen Sie Kinder ihr eigenes Abschiedsritual finden. Rose, Briefchen und Armband waren es in diesem Fall. Und benützen Sie keine Umschreibungen, wenn Sie vom Sterben reden. Denn ein kleines Kind bekommt vielleicht Angst vorm abendlichen Einschlafen, wenn es hören muss, „Mama ist eingeschlafen“. Besser ist die Wahrheit: „Mama kommt nicht wieder, sie wird nicht mehr lebendig. Jedes Lebewesen muss irgendwann sterben. Es ist natürlich, darüber traurig zu sein.“

Auch Annettes Mutter ist Alleinerzieherin nach dem Tod ihres Partners. Sie war im fünften Monat schwanger, als ihr Freund beim Klettern abstürzte. Annette hat ihren Vater nie kennen gelernt. Aber die Fünfjährige weiß eine ganze Menge über ihn: Papas Lieblingsessen war Spinatstrudel. Den mag sie nicht. Aber sie mag Blumen genauso gern wie er. Außerdem hat sie ein Muttermal am Hals, an derselben Stelle wie er. In ihrem Zimmer hängt eine Collage mit Fotos von ihrem Vater. Die meisten sind Schnappschüsse, manche verschwommen, aber das macht nichts. Auf einer Aufnahme sieht man das Muttermal ganz genau.

Kindern, die sich an einen Elternteil nicht erinnern, fehlt ein Teil ihrer Wurzeln. Sie können helfen, indem Sie viel über den Verstorbenen erzählen. Am besten im Rahmen geruhsamer Gespräche, z.B. beim Durchblättern eines Fotoalbums. Dabei sollten Sie den Elternteil weder besser noch schlechter machen. Kinder wollen und brauchen ein möglichst realistisches Bild von den beiden Menschen, die sie in die Welt gesetzt haben.

Annettes Mutter hat es damals nicht ohne therapeutische Hilfe geschafft. Die nahm sie in Anspruch, weil in ihrem Kopf nur mehr zwei Gedanken kreisten: „Ich hätte ihn bei dem schlechten Wetter nicht klettern gehen lassen dürfen“ und „Warum hat er mir das angetan?“ Sie hat gelernt, dass sowohl Schuldgefühle als auch Wut zur Trauer gehören und auch wieder vergehen. Ihr Freund fehlt ihr immer noch, aber inzwischen lebt sie so, wie er es sich für sie und das gemeinsame Kind gewünscht hätte. Immer öfter entdeckt sie, dass sie auch wieder glücklich sein kann.

Tipps
  • Informieren Sie Ihr Kind in verständlicher Form über den Tod des Elternteils. Oder sorgen Sie dafür, dass dies eine vertraute Person in einer für das Kind passenden Form macht.
  • Beantworten Sie die Fragen des Kindes ehrlich und einfach.
  • Denken Sie daran, dass Wut, Schuldgefühle und oft auch körperliche Beschwerden zur Trauer gehören.
  • Suchen Sie Abschiedsmöglichkeiten, bei denen Ihr Kind aktiv mitgestalten kann (z.B. eine Zeichnung in den Sarg oder aufs Grab legen, wegschwimmen oder wegfliegen lassen).
  • Nehmen Sie sich Zeit, die Vorgänge rund um das Begräbnis zu besprechen.
  • Es kann bis zu einem Jahr dauern, bis der ärgste Schmerz nachlässt. Lassen Sie sich selbst und Ihren Kindern Zeit.
  • In der ersten Zeit sind Behördenwege zu erledigen. Lassen Sie sich helfen.
  • Auch wenn Kinder Zeit zum Trauern hatten, tauchen in jeder neuen Entwicklungsphase
  • und bei besonderen Ereignissen wieder Fragen nach der verstorbenen Person auf. Stehen Sie immer wieder neu mit Antworten und Trost zur Verfügung.
  • Wenn ein Gespräch besonders schwierig ist (z.B. bei Mord oder Selbstmord), ist es hilfreich, Kontakt mit einer Therapeutin oder einem Therapeuten aufzunehmen.
  • Suchen Sie für sich selbst verständnisvolle Gesprächspartner. So entsteht nicht die Gefahr, dass Ihr Kind zu einer Art Ersatzpartner(in) wird.
Übersicht zu diesem Artikel:
Seite 1 Du würdest wollen, dass wir glücklich sind
Seite 2 Wie Kinder trauern


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