Sonntag, 15. September 2019

Zielscheibe Mitschüler

Ausgabe 03/2010
Der Spirale von Demütigungen und Gewalt in der Schule kann nur durch das Zusammenspiel von Eltern, Lehrern und Opfer der Schrecken genommen werden. Die Zauberworte bei Mobbing unter Kindern lauten: Früherkennung und Prävention.

Foto: Duncan Walker - istockphoto.com
Andreas war nur noch Häufchen Elend. Er wirkte völlig eingeschüchtert, ging immer mehr auf Tauchstation und weigerte sich, weiter am Unterricht teilzunehmen. Schließlich hatte er depressive Schübe, entwickelte Angstphobien und vermied auch alle außerschulischen Sozialkontakte. Bei den besorgten Eltern des 11-jährigen Gymnasiasten schrillten alle Alarmglocken, sie konsultierten gemeinsam mit ihrem Sohn eine Schulpsychologin. Im Gespräch kam heraus, dass Andreas von seiner Klasse systematisch drangsaliert und von einem Mitschüler sogar regelrecht mit Morddrohungen terrorisiert wurde – „Heute ist dein Todestag!“. Der Täter wurde von der Schule verwiesen. Andreas, seine Zielscheibe, wechselte nach einer Psychotherapie ebenfalls die Lehranstalt.

Wenn die Schule zur Qual wird
Mobbing ist niemals harmlos. Es hat weitreichende Folgen für das gesamte Umfeld – die Betroffenen, die Täter, aber auch für die scheinbar unbeteiligten Dritten – und kann im schlimmsten Fall tragisch enden. Experten gehen davon aus, dass einer von zehn Schülern ernsthaft davon in Mitleidenschaft gezogen ist. Österreich rangiert in der europäischen Mobbing-Statistik übrigens im oberen Drittel. Uneinigkeit herrscht darüber, ob die Zahl der Vorkommnisse im Steigen begriffen ist oder ob sie zuletzt nur vermehrt öffentlich gemacht werden. „Wir verzeichneten 2009 ähnlich viele Anfragen in den Kategorien „Probleme mit Schulkollegen (1859), Gewalt in der Schule (132) und Psychische Gewalt in der Schule (23) wie im Jahr zuvor“, zeigt Birgit Satke von der ORF-Telefonhilfe für Kinder und Jugendliche „147 Rat auf Draht“ auf. Aus ihrer Sicht ist eher keine Steigerung erkennbar.

„Vielfach ist es so, dass der Hilfeschrei nicht von den Betroffenen selbst kommt, sondern die Eltern, die Lehrer oder auch der Schularzt gesundheitliche Probleme, Persönlichkeitsveränderungen und einen unerklärlichen Abfall der schulischen Leistungen aufzeigen“, weiß Dr. Sonja Skof aus Erfahrung zu berichten. Die Kinder würden sich meist viel zu sehr schämen, trauen sich nichts zu sagen, fühlen sich aber völlig außerstande, sich zu wehren und den Konflikt allein zu bewältigen. Skof ist Schulpsychologin im Schulbezirk Wiener Neustadt und beschäftigt sich auch wissenschaftlich mit dem Phänomen Mobbing. Weitere Indizien dafür, dass ein Schulkind seelische und/ oder körperliche Qualen erdulden muss, seien, wenn es etwa lieber zu Fuß geht, als im Schulbus mitzufahren, oder vorschwindelt, es habe sein Geld oder sein Handy nur verloren, schildert sie.

Warum gerade ich?
Zu ersten, kleinen Hänseleien im Schulalltag kommt es meist plötzlich und unerwartet. Diese schlagen dann jedoch häufig in eine unkontrollierte Spirale an Aggressionen um. Für die Ausgrenzung und das Schikanieren einzelner Schüler oder Gruppen gibt es zahlreiche Ursachen. Nicht selten stammen die betroffenen Kinder und Jugendlichen aus überbehüteten Verhältnissen oder aber sie sind Scheidungsopfer oder aus irgendeinem Grund „anders“ in den Augen ihrer Mitschüler. Um in die Schusslinie zu geraten, reicht oft aus, die falsche Kleidung zu tragen – Stichwort Markenkleidungsdiktat. Unfreiwillige Angriffsflächen bieten auch Streber oder „Loser“ sowie Jugendliche mit Migrationshintergrund.

Dass schulische Rahmenbedingungen wie überfüllte Klassen den Ausschlag geben, ist nicht nachweisbar. Begünstigt werden Psychoterror oder Gewalteskalationen unter Schülern jedoch durch autoritäre Führung oder umgekehrt Führungsschwäche der Pädagogen sowie ein generell schlechtes Klima in der Schulgemeinschaft. Auch sind städtische Ballungsräume eher ein Nährboden als ländliche Gegenden. Mädchen und Jungs sind übrigens gleich häufig betroffen.

Die Methoden, die angewendet werden, sind aber sehr wohl geschlechtsspezifisch. Während Mädchen mit weniger Aggressivität, vielmehr mit subtilen Gemeinheiten, Gerüchten und Intrigen auf der Psychoschiene fahren, sind Buben schneller mit der Faust zur Stelle und spielen gerne ihre körperliche Überlegenheit aus. Erschreckende Dimensionen nimmt eine moderne Variante des Mobbings an: Nämlich Mitschüler in Social Networks in peinlichen Situationen vorzuführen und sie so praktisch vor aller Welt bloßzustellen. Dabei ist der Grat, ob ein Kind Opfer oder Täter wird, oft ein sehr schmaler.

Gemeinsam Auswege suchen
Die negativen Erfahrungen, die ein gemobbter Heranwachsender machen musste, kann er auch als Erwachsener oft nur schwer wieder abstreifen. Aber auch die angelernten Verhaltensmuster von Tätern können ernste Konsequenzen haben. Nicht selten wird dadurch eine kriminelle Laufbahn vorgezeichnet. Deshalb benötigen auch sie Hilfestellung. Wenn keine Gegenmaßnahmen ergriffen werden, kann sich Mobbing wie ein Flächenbrand ausbreiten, warnen Experten. Eltern wie Lehrer sind dazu aufgerufen, sich für diese Thematik zu sensibilisieren, um schleichende Prozesse frühzeitig zu erkennen und zu unterbrechen.

Wenn sich Kinder an ihre Erziehungsberechtigten wenden, sollten sie unbedingt ernst genommen werden. Man muss ihnen mit aller Deutlichkeit signalisieren: Wir dulden kein Mobbing und lassen dich in dieser Situation nicht allein! Dass es oft verblüffend einfach sein kann, die Betroffenen aus ihrer Opferrolle zu befreien, zeigt Schulpsychologin Skof an zwei Beispielen auf. „Einem Buben habe ich einen Kurs für Selbstverteidigung empfohlen und ein anderer ist ins Fitnessstudio gegangen. Das hat super geklappt. Beide können sich nun viel besser behaupten, weil sie Selbstvertrauen aufbauen konnten und auch nicht mehr so schüchtern sind“.


Mehr zum Thema Mobbing
Internet:
www.gemeinsam-gegen-gewalt.at
www.schule.at
www.eltern-bildung.at

Buchtipps :
  • Schnelles Eingreifen bei Mobbing – Strategien für die Praxis von Wolfgang Kindler, Verlag an der Ruhr, ca. € 14,80
  • Mobbing bei Kindern, Erkennen, Helfen, Vorbeugen von Jo-Jacqueline Eckhardt, Verlag Urania, ca. € 12,95
  • Selbstbewusstsein – Fit in 30 Minuten von Barbara Hipp, Verlag Gabal, ca. € 5,90


Was hilft bei Mobbing?

Tipps für Lehrer
  • Die Schüler ermutigen, Vorfälle aufzuzeigen
  • Nie wegschauen bei gewalttätigen Handlungen
  • Die Opfer unterstützen und schützen
  • Die Täter zur Rede stellen
  • Klare Anweisungen und Richtlinien geben
  • Überreaktionen vermeiden
  • Sich nach dem Unterricht Zeit nehmen, um den Konflikt zu lösen

Tipps für Eltern eines Opfers

  • Die Lehrer darauf ansprechen und mit der Schule zusammenarbeiten
  • Das Selbstvertrauen des Kindes aufbauen
  • Neue Kontakte und Freundschaften außerhalb der Schule ermöglichen
  • Das Kind nicht zu sehr behüten
  • Hilfestellung bieten, um neue Reaktionsmuster zu entwickeln
  • Unterstützung in allen Mobbing-Phasen, auch bei Schulwechsel

Tipps für Eltern von Tätern

  • Gewalttätigkeit ernst nehmen und nicht dulden
  • Schriftlich Regeln festlegen
  • Konsequenzen – Strafen – bei Verstoß vereinbaren
  • Das Umfeld des Kindes kennenlernen
  • Viel Zeit mit dem Kind verbringen, um es besser zu verstehen
  • Gemeinsam neue, weniger aggressive Verhaltensmuster finden
  • Das Machtbedürfnis in konstruktive Bahnen lenken
  • Begabungen und Freizeitaktivitäten fördern

Kontakt

  • Gesünder Leben Verlags GmbH
  • Johann Strauss Gasse 7/2/5
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