Freitag, 15. November 2019

Wenn sich die Wut auf den eigenen Körper richtet Selbstverletzendes Verhalten bei Jugendlichen

01. September 2011
Meist fällt es Eltern nur zufällig auf, wenn ihre Tocher / ihr Sohn Verletzungen und Narben – häufig an den Unterarmen oder an den Oberschenkeln hat. Warum fügen sich Teenager solche Verletzungen selbst zu?

Foto: flickr.com - _rockinfree Eltern reagieren häufig mit großer Besorgnis, Schuldgefühlen, Verständnislosigkeit aber auch Hilflosigkeit und Angst. Viele Fragen drängen sich auf, wie zum Beispiel: Muss ein Arzt aufgesucht werden? Wie kann ich meinem Kind helfen? Handelt es sich dabei um Selbstmordabsichten? Kann der Aufmerksamkeit auf das Verhalten eine Weiterführung der Verletzungen (etwa um Wünsche oder Forderungen durchzusetzen) folgen?

Selbstverletzendes Verhalten tritt bei Jugendlichen leider häufiger auf, als man annimmt. Meist handelt es sich um ein „Ritzen“ mit verschiedensten Gegenständen (Messer, Schere, Rasierklinge, Nadel), Verbrennungen durch Zigaretten, ein Zerkratzen der Haut, ein Sich-Beißen und folgend ein Aufkratzen der Verkrustungen der Wunden. Die Verletzungen werden am häufigsten an Armen und Händen, seltener an den Oberschenkeln, Bauch und Gesicht durchgeführt. Die autoaggressiven Handlungen werden von den Jugendlichen nicht geplant, die Folgen nicht überlegt. Hinter selbstverletzenden Verhaltensweisen steht jedoch nicht primär die Absicht, sich zu töten.

Formen von selbstverletzenden Verhaltensweisen
Wichtig ist bei selbstverletzenden Verhaltensweisen zwischen nur wenige Male auftretenden Handlungen und häufig durchgeführten Handlungen mit meist sehr tiefen Wunden zu unterscheiden: Selbstverletzungen, die nur einmalig oder im Rahmen einer kurzen Phase auftreten, nehmen bei Jugendlichen immer mehr zu und sind oft schon bei 11- und 12-jährigen Kindern zu finden. Die zugefügten Verletzungen sind dabei meist nur oberflächlich und hinterlassen kaum Narben. Die Ursachen dieser leichten Form selbstverletzender Verhaltensweisen sind sehr vielfältig. Meist treten sie in Belastungssituationen, bei großer Anspannung, nach Kränkungen, Konflikten und Auseinandersetzungen auf. Die Jugendlichen empfinden dabei Wut, Aggressionen, aber auch Hilflosigkeit und Verzweiflung, mit denen sie durch die Selbstverletzung umzugehen versuchen. Oft wird auch versucht, damit den Erwachsenen emotional wehzutun oder die eigenen Wünsche und Interessen durchzusetzen. In manchen Fällen werden die Verletzungen gemeinsam mit anderen – zum Beispiel im Rahmen von „Mutproben“ – durchgeführt. Dabei geht es oft darum zu zeigen, dass Schmerzen ausgehalten werden können. In allen Fällen werden die zugefügten Schmerzen deutlich wahrgenommen und als unangenehm empfunden.

Dem gegenüber stehen selbstverletzende Verhaltensweisen, die von einer geringen Anzahl von Jugendlichen sehr häufig (bis zu mehrmals am Tag) und in stärkerem Ausmaß (die Verletzungen betreffend) durchgeführt werden. Die Heranwachsenden verspüren dabei den ständig vorhandenen Impuls sich zu verletzen. Dieses Bedürfnis steigert sich immer mehr bis zu einer intensiven Anspannung und Drucksituation, in der dem Impuls nachgegeben wird. Die durchgeführte Verletzung bringt jedoch nur für kurze Zeit Erleichterung, bald darauf nimmt die Anspannung neuerlich zu. In der Situation selbst wird der zugefügte Schmerz kaum empfunden, die kurzfristige Entspannung überwiegt. Bei diesen Jugendlichen bestehen häufig eine tiefgreifende Beeinträchtigung in der emotionalen Beziehung zu anderen, deutliche Schwierigkeiten mit Nähe und Vertrauen sowie ein problematisches Verhältnis zum eigenen Körper, der als fremd empfunden und abgelehnt wird. Diese Problembereiche können oft auf traumatisierende Erfahrungen zurückgeführt werden. Für die Jugendlichen spielt dabei die Kontrolle über die Verletzung, die ihnen sonst meist von anderen zugefügt wurde, eine wichtige Rolle.

Umgang mit selbstverletzendem Verhalten
Selbstverletzendes Verhalten stellt – in leichter Form – einen Versuch der Heranwachsenden dar, mit der Pubertät umzugehen. Die Pubertät ist eine für Eltern und Kinder schwierige Situation: Als Elternteil erkennt man seine Kinder im Verhalten kaum wieder. Die Jugendlichen fühlen sich meist von den Erwachsenen unverstanden, häufige Auseinandersetzungen mit den Eltern sind die Folge. Bei selbstverletzenden Verhaltenswiesen ist es wichtig, das Verhalten der Jugendlichen als Ausdruck eines Bewältigungsversuches dieser schwierigen Phase zu sehen und sich als Elternteil nicht zu sehr von seiner Sorge, Angst, aber auch möglichen Schuldgefühlen und Hilflosigkeit leiten zu lassen. Man sollte Jugendliche auf die Verletzungen ansprechen und versuchen, das Verhalten (auch wenn die Gründe von den Kindern selbst nicht genau benannt werden können) zu verstehen. Man sollte seine Besorgnis äußern und den Jugendlichen aufzeigen, dass man bei verschiedensten Problemen als Ansprechpartner zur Verfügung steht. Gleichzeitig sollte aber auch mitgeteilt werden, dass Selbstverletzungen nicht befürwortet werden – ohne dabei mit Strafen zu reagieren. Bei den schwerwiegenden Formen selbstverletzender Verhaltensweisen und einem wiederholten Auftreten ist es wichtig, sich an professionelle Helfer (durch Ärzte, Psychologen, Psychotherapeuten) zu wenden, da in diesen Fällen umfassende Unterstützungsmaßnahmen erforderlich sind.

Für eine Unterstützung im Umgang mit selbstverletzendem Verhalten sowie bei der Einschätzung des Schweregrades stehen Ihnen die PsychologInnen der MAG ELF mit „Rat und Tat“ zu Seite.


Autor: MMag. Simone Bieglmayer, Klinische- und Gesundheitspsychologin

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