Sonntag, 15. September 2019

Kultobjekt Gewalt

Ausgabe 06/2010
Unsere Jugend wird oft als hemmungslos, brutal, aggressiv eingestuft. Autor, Soziologe und Psychologe Dr. Philip Streit relativiert und warnt zugleich.

Foto: istockphoto.com
Lehrer trauen sich nicht mehr in die Klassen, daheim herrscht blanker Terror und in den Straßen stehen Prügelorgien an der Tagesordnung. Wahr oder aufgebauscht? Statistisch gesehen steigt die Zahl an verurteilten jugendlichen Straftätern leicht an, Delikte wie schwere Körperverletzung sind jedoch eher rückläufig. Angestachelt durch Vorbilder aus Brutalvideos, Spielen oder dem Internet werden Gewalt und unmotivierte Aggression geradezu zum Kult erhoben. Wen wundert‘s: Bis zu ihrem 18. Geburtstag sind Kinder und Jugendliche via Leinwand, Bildschirm und Monitor gemäß einer aktuellen Untersuchung mit bis zu 40.000 Morden konfrontiert!

Böse Kinder, verrohte Teenager
Von reißerischen Medien und populistischen Politikern werden Heranwachsende in Bausch und Bogen als immer skrupelloser und brutaler dargestellt. Tragische Bluttaten wie jene in Wien, als eine 14- Jährige ihre Mutter mit einem Messer ermordete, nähren dieses Bild. Dr. Philip Streit, er arbeitet als Leiter des Instituts für Kind, Jugend und Familie in Graz hauptsächlich mit verhaltensauffälligen Kindern und Jugendlichen, findet in seinem neuen Buch „Jugendkult Gewalt“ (Verlag Ueberreuter) mit Co-Autor Mario Leitner Antworten, nähert sich dem Phänomen aus überraschenden Blickwinkeln und zeigt seine vielfältigen Ursachen auf. So etwa macht er die Beziehungslosigkeit, das Fehlen von Zusammengehörigkeit dafür mitverantwortlich. Er bietet aber auch praxisnahe Tipps für den Umgang mit auffälligen Jugendlichen.

Gesellschaftliche Pulverfässer
Streit spricht eine unmissverständliche Warnung aus: „Wenn wir nicht jetzt reagieren wird die Jugendgewalt in naher Zukunft eine dramatische Entwicklung nehmen. So ist etwa auch die Desintegration von Migranten ein echtes Pulverfass“. Die jungen Menschen müssten heute generell schwierigste Hürden meistern, werden von ihrem sozialen Umfeld aber oft im Regen stehen gelassen. „Wir müssen unsere Verantwortung wahrnehmen und damit sind nicht nur Experten, sondern jeder Einzelne zur Zivilcourage und zum Engagement aufgerufen“, meint Streit. Im Gesünder-Leben-Interview erläutert er, warum es nötig ist, den Problemen Jugendgewalt und Negativ Aggression nicht mit Wegschauen, sondern vielmehr mit „wachsamer Sorge“ zu begegnen.

  • Herr Dr. Streit die Kriminalstatistiken werden oft unterschiedlich interpretiert. Neigt die Jugend heute nun mehr oder weniger zu Gewalt?
    Die Anzeigen sind im Steigen begriffen. Und die Gewalt wird immer jünger, nicht nur weil die Kinder heute früher reif werden, sondern auch weil meist die „Behütetheit“ von früher fehlt. Eltern sind zu wenig präsent und der Leistungsdruck auf die Jugendlichen ist enorm hoch. Das nächste Problemfeld ist die steigende Zahl gestrandeter Migranten. Ein Seitenhieb auf die Politik: Solange Integrationspolitik nicht auf Begegnung setzt, wird sich hier auch nichts ändern. Wenn wir nichts unternehmen, droht noch mehr Jugendgewalt, weil junge Leute heute vor schwierigsten Herausforderungen stehen.

  • Mobbing, körperliche und sexuelle Übergriffe – im Extremfall Amoklauf und Mord – geht die Jugend dabei tatsächlich immer brutaler vor?
    Gott sei Dank entfällt nur ein relativ niedriger Prozentsatz der Verurteilungen, nämlich fünf Prozent, auf schwere Gewaltakte. Es ist aber tatsächlich eine Tendenz zu brutalerem und skrupelloserem Vorgehen im Alltag zu erkennen, weil die Begegnung mit anderen immer problematischer wird. Amokläufe etwa haben immer eine Vorgeschichte: die der Entfremdung und des Rückzugs. Das Internet wird für viele zur Plattform, wo sie sich selbst, aber auch Vorbilder finden können. Die Virtualisierung von sozialen Kontakten schafft eine Distanz, hinter der man sich bequem verschanzen kann, z.B. wenn jemand einen anderen zusammenschlägt, das filmt und ins Netz stellt, bleibt er anonym und kann trotzdem damit prahlen und sich so Beachtung holen.

  • Der Themenkreis ist ja sehr komplex, können Sie trotzdem kurz die Hauptursachen zusammenfassen?
    Ich meine, die Hauptursache ist in der wachsenden Beziehungslosigkeit zu suchen. Es mangelt an Zusammengehörigkeit, menschlichen Bindungen, auch herrscht ein Kommunikationsvakuum – dieses wird oft durch Gewalt gefüllt. Ein hohes Gefahrenpotenzial geht sicher von blutrünstigen, brutalen Video- und Computerspielen aus. Hier kann man sich mutig und stark fühlen und erntet ein Feedback, das man im richtigen Leben nicht bekommt. Die Spieleindustrie trägt dazu bei, dass die Gewalt regelrecht zum Kult erhoben wird. Eine bekannte Tatsache ist, dass diese auch durch schlechte, sozioökonomische Rahmenbedingungen begünstigt wird.

  • Wie sollen Gesellschaft, Politik und die Exekutive in die Verantwortung genommen werden? Wie kann man vorbeugen?
    Auf was wir setzen sollten, ist bessere Kooperation und mehr gegenseitige Wertschätzung, statt Konkurrenzdenken und Ausgrenzung. Ein funktionierendes Miteinander ist eigentlich das, was der Mensch will. Das kann eher nicht von oben geregelt werden … Es kommt viel mehr auf das Engagement jedes Einzelnen an, Aggression und Gewalt durch mehr Achtung füreinander überflüssig zu machen. Ein junger Mensch, auch wenn er noch so gewalttätig ist, sucht eigentlich Halt und will, dass man erkennt, was auch an Gutem in ihm steckt. Prävention funktioniert nur dann, wenn das gesamte soziale Umfeld einbezogen wird.

  • Früher waren Aggression oder Gewalt eher männlich. Holen die Mädchen hier auf, wie auch der tragische Mordfall von Wien Margareten zeigt?
    Schwere körperliche Gewalt und verbale Attacken kommen erfahrungsgemäß bei Buben zehnmal häufiger vor als bei Mädchen. Greifen Mädchen jedoch zu diesen Mitteln, stehen sie Jungs in puncto Brutalität in nichts nach. Im konkreten Fall eskalierte die jahrelange Beziehungslosigkeit und Sprachlosigkeit in einer Affekthandlung. Wenn wir wie bei der konkreten Tragödie weiter wegschauen, dann werden sich derartige Vorfälle in Zukunft häufen und damit spreche ich eine deutliche Warnung aus!

  • Wie können Eltern, Lehrer und Freunde gefährdete Jugendliche unterstützen, um nicht weiter abzurutschen?
    Ich plädiere für eine „wachsame Sorge“. Das soll heißen, ihnen zu signalisieren: Ich bin für dich da, ich stehe zu dir, aber ich dulde nicht dein aggressives Verhalten. Für einen fruchtbaren Dialog braucht es seitens erwachsener Bezugspersonen – auch eines Therapeuten – eine Menge an Engagement und Zivilcourage. Aggression ist an sich ein sinnvolles Verhalten. Es schützt uns, wenn unsere soziale und körperliche Integrität gefährdet ist. Den bösen Menschen per se gibt es definitiv nicht. Es kommt eher auf die Umstände an, ob sozial unverträgliche Aggression entsteht oder nicht.

BUCHTIPP:

Jugendkult Gewalt – Was Kinder aggressiv macht, von Philip Streit, Verlag Ueberreuter, € 19,95

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