Das Kind wird gehen, die Liebe bleibt

24. Januar 2012
Kinderbetreuung und Erwerbsarbeit bringen unterschiedliche Erlebnisse mit sich. Wichtig ist, dass Ihre Welten nicht auseinanderdriften.

Illustration: Carola Holland
Roland versteht die Welt nicht mehr. Seine Frau Dorothea und er haben sich so sehr eine „richtige Familie“ gewünscht. Beide haben geschiedene Eltern und wollten deshalb zuerst eine stabile Beziehung, dann Kinder. Nach 10 Jahren fanden sie den Zeitpunkt richtig, und seit kurzem sind sie Eltern der kleinen Theresa.

Obwohl Dorothea mit 36 Jahren als späte Mutter galt, war die Schwangerschaft völlig unkompliziert und für beide eine Zeit, die sie bewusst der unbeschwerten Zweisamkeit widmeten. Doch seit Theresa da ist, wird Rolands Frau zunehmend unzufriedener. Aus seiner Sicht hat sie alles, was sie immer wollte: ein gemütliches Zuhause, einen verlässlichen Ehemann und einen liebevollen Vater für ihr Kind.

Als er nicht mehr weiter weiß, wendet sich Roland an eine Beratungsstelle. „Haben Sie denn schon miteinander über dieses Problem geredet?“, ist die erste Frage der Psychologin. Ja, aber die Gespräche enden immer in einer Sackgasse: Dorothea sagt, „du hast ja keine Ahnung“, und zieht sich schmollend zurück.

„Versetzen Sie sich doch einmal in Ihre Frau hinein“, rät die Psychologin. Und Roland wird nachdenklich. An Dorotheas Stelle würde er sich wohl isoliert fühlen, er würde sich nach seinem Bürojob und den Kollegen sehnen und nach der Möglichkeit, spontan etwas mit Freunden zu unternehmen. Er würde sich ärgern, dass er als Hausmann auch noch für die Hausarbeit zuständig wäre, die früher fair aufgeteilt war. Er wäre gereizt, wenn seine Frau abends nach einem zwar anstrengenden, aber auch abwechslungsreichen Tag unter Erwachsenen heim käme. Dann würde er vielleicht sogar eine Umarmung als Forderung missverstehen.

An diesem Abend überrascht Roland seine Frau: „Am Samstag kommt meine Mutter babysitten und ich habe einen Tisch in unserem Lieblingslokal reserviert. Dort ist es übrigens verboten, über Babys zu reden.“ Dorothea lächelt. Er meint weiter: „Ich möchte mit dir über unsere Zukunft sprechen. Wir haben lange auf diese Familie gewartet. Trotzdem ist sie nicht die Endstation. Wir haben aufgehört, Pläne zu machen, und das ist nicht gut.“

Ein Kind ist ein lebendiges Zeichen der Liebe zwischen seinen Eltern. Zugleich stellt es eine Herausforderung für diese Liebe dar. Auch und gerade dann, wenn Sie sich spät dazu entschlossen oder geduldig darauf gewartet haben.
 



Sprechen Sie Veränderungen, die Sie bei Ihrem Partner oder Ihrer Partnerin bemerken, offen an. Vielleicht steckt etwas ganz anderes dahinter als Sie annehmen. Reden Sie miteinander. Fragen Sie, wie sich der/die andere fühlt. Als Erwachsene haben Sie es in der Hand, mit Geduld und Verständnis aufeinander zuzugehen. Jeder muss sich ernst genommen und fair behandelt fühlen. Auch Ängste und Unsicherheiten sollten zwischen Ihnen zur Sprache kommen.

Lassen Sie Ihre Welten nicht auseinanderdriften. Naturgemäß bringen Kinderbetreuung und Erwerbsarbeit unterschiedliche Erlebnisse mit sich. Daraus kann sich ein interessanter Austausch ergeben. Voraussetzung ist, dass Sie wenigstens ab und zu ungestörte Zeit miteinander verbringen.

Trennen Sie Elternschaft und Partnerschaft und geben Sie beidem Raum und Zeit. Gemeinsam ein Kind aufzuziehen ist die Quelle vieler Glückserlebnisse. Sie sollten diese Zeit genießen, weil Sie vorübergeht. Die Basis für die Liebesbeziehung, die Sie danach haben werden, legen Sie jetzt!

Tipps

Wir, das Alter und der Sex
Jedes Paar kennt das: Am Anfang ergeben sich Zeit und Raum für Zärtlichkeit und Sexualität ganz von selbst. Wird die Beziehung dann dauerhaft, gibt es oft (scheinbar) Wichtigeres zu erledigen, man verschiebt Zweisamkeit auf später. Intimität geht verloren. Wer noch keine Rituale fürs gemeinsame Genießen eingeführt hat, sollte es an diesem Punkt rasch nachholen. Durch regelmäßige Zweisamkeit wird das Fundament der Partnerschaft stark und widerstandsfähig.

Es übersteht dann auch Phasen mit weniger sexuellem Kontakt, die sich aus den verschiedensten Gründen ergeben. Auswirkungen aufs Liebesleben haben natürlich körperliche Veränderungen (Krankheiten, Schmerzen), die das zunehmende Alter mit sich bringen kann. Daneben sind Ängste und Stress Lustkiller – genauso wie bei Jüngeren. Viele Probleme, die den Spaß an der Sexualität nehmen, lassen sich durch medizinische Hilfe beheben. Voraussetzung ist, dass man darüber spricht.




Körperliche Nähe bedeutet Lebensqualität, und das in jedem Alter. Schamgefühle sind dabei hinderlich. Wenn Sie im Spiegel nur Falten oder Speckröllchen sehen, denken Sie daran, was dieser Körper für eine Geschichte erzählt. Er hat schwere Arbeiten verrichtet, sportlich trainiert, Kinder geboren, Krankheiten durchgestanden. Leben hinterlässt einfach Spuren.

Sexualität verändert sich mit dem Alter. Es gibt Paare, die darauf ganz verzichten, und solche, die immer wieder Neues probieren. Tun Sie das, womit Sie beide glücklich sind.

Aus der Praxis
Richtig zuhören!

Richtig reden!

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Eltern werden – Partner bleiben Ein Überlebenshandbuch für Paare mit Nachwuchs. von Eva Tillmetz und Peter Themessl, Kösel


Autor: Mag.a Katharina Ratheiser

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