Mittwoch, 20. Februar 2019

Halbe Geschwister, ganze Liebe

23. Januar 2012
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Ein gemeinsames Baby steht oft für die Hoffnung auf eine „normale“ Familie. Freuen Sie sich auf Ihr Kind – aber überfrachten Sie es nicht mit Erwartungen. Ihre Familie ist gut, so wie sie ist.

Illustration: Carola Holland
„Vorher habe ich mir gewünscht, dass es ein Babybub wird“, erzählt der fünfjährige Alfons. „Damit ich jemanden zum Spielen habe. Und damit nicht alle Sachen rosa sind.“

Alfons hat seit sechs Monaten eine kleine Halbschwester, Sarah. „Papa sagt, ich kann erst mit ihr spielen, wenn ich in die Schule gehe. Aber Nora lässt mich beim Baden und Anziehen helfen, das ist fast wie Spielen. Ich habe Sarahs Anziehsachen ausgesucht, deshalb sind sie alle blau und grün.“

Alfons’ Vater und seine Freundin Nora waren überglücklich, als sich der geplante Nachwuchs ankündigte. Beide hatten stürmische Zeiten hinter sich, und das Baby sollte die neue Beziehung krönen, einen neuen Lebensabschnitt symbolisieren. Als Noras Bauch unübersehbar wurde, erzählten sie Alfons von seinem Halbgeschwisterl. Der wollte zunächst gar nichts davon wissen: „Wofür brauchen wir ein Baby von Nora? Du hast doch schon mich, Papa!“

Die Ankunft eines Babys bedeutet eine enorme Umstellung. Doppelt schwierig ist sie für ein Kind, das vor kurzem erst die letzte Veränderung erlebt hat: etwa einen Umzug, einen Schulwechsel oder das Zusammenziehen mit einem Stiefelternteil oder Stiefgeschwistern. Gute Vorbereitung ist daher besonders wichtig. Je nach Alter sollten Kinder spätestens zur Mitte der Schwangerschaft vom Familienzuwachs erfahren.

Kinder spüren auch, welche Bedeutung das Nesthäkchen für seine Eltern hat: Es besiegelt die Zusammengehörigkeit und löst das Versprechen ein, dass alles gut wird. Geschwister, die in dieser Familie nur einen leiblichen Elternteil haben, fühlen sich da schnell an den Rand gedrängt. In dieser Situation können sie daher gar nicht oft genug hören und spüren, wie lieb man sie hat.

Nur langsam hat sich Alfons mit dem Gedanken an ein Baby angefreundet. „Wir haben sehr darauf geachtet, dass er sich nicht verdrängt fühlt“, sagt sein Vater. „Er muss sein Zimmer nicht teilen. Und wir haben ihn bewusst in alle Vorbereitungen einbezogen.“

Das erste halbe Jahr mit Sarah war anstrengend. „Nach einer schlaflosen Nacht müssen wir doppelt aufpassen, dass Alfons nicht zu kurz kommt und sozusagen nebenherläuft. Wir dürfen ihn aber auch nicht überfordern. Jetzt ist er der Große, dabei ist er gar nicht groß.“

Sorgen Sie dafür, dass jedes Kind so viel Zeit, Raum und Aufmerksamkeit bekommt wie bisher. Ältere Kinder sollen nicht immer ihre Bedürfnisse und Wünsche zurückstellen müssen. Das ist schwierig in einer Zeit, in der sich der Alltag in erster Linie ums Baby dreht. Trotzdem zahlt es sich aus, und Sie bereiten damit auch den Boden für eine gute Beziehung der Halbgeschwister untereinander.

Allerdings:„Alfons verbringt viel Zeit bei seiner Mutter. Früher haben Nora und ich diese Zeiten gerne zu zweit genutzt. Jetzt, mit Sarah, fällt uns die Trennung viel schwerer“, räumt Alfons’ Vater mit der Illusion auf, dass nun alles perfekt ist. „Manches haben wir uns einfacher vorgestellt. Aber wenn Alfons mit seiner Schwester kuschelt, dann wissen wir auch: Das ist es, was wir uns gewünscht haben.“

Tipps
  • Die Erfüllung eines Kinderwunsches ist Sache der Eltern. Fragen Sie Ihre Kinder daher nicht um das Einverständnis, sondern vermitteln Sie Sicherheit, dass Sie genug Liebe und Energie für alle haben.
  • Haben Sie Verständnis für eventuelle Vorsicht bis Ablehnung der Stiefgeschwister.
  • Informieren Sie Ihre Kinder rechtzeitig über den bevorstehenden Familienzuwachs, und beziehen Sie sie in die Vorbereitungen mit ein.
  • Sorgen Sie in den ersten Wochen nach der Geburt für Unterstützung, damit Sie sich auch den älteren Kindern zuwenden können.
  • Teilen Sie ältere Halbgeschwister nicht ungefragt als Babysitter ein.
  • Auch Stiefgeschwister brauchen all das, was andere Geschwisterkinder benötigen.

Noch ein Kind – ja oder nein?

Denkanstöße als Entscheidungshilfe

  • Wie groß werden die Altersabstände in der Familie sein, und was bedeutet das im Alltag – jetzt, in fünf Jahren, in zehn Jahren?
  • Wie werden wir Berufstätigkeit und Betreuung organisieren – jetzt und später?
  • Haben wir genug Platz für ein weiteres Kind (nach Möglichkeit ein eigenes Zimmer), oder sollten wir übersiedeln?
  • Ist noch ein kindersicherer Platz im Auto oder benötigen wir dann ein neues?
  • Wie sieht unsere finanzielle Situation aus, auch unter Einrechnung der Kinderbetreuung?
  • Wie wird die übrige Familie reagieren? Können wir auf Unterstützung hoffen?
  • Was bedeutet dieses Kind für mich als Mutter/Vater?

Übersicht zu diesem Artikel:
Seite 1 Halbe Geschwister, ganze Liebe
Seite 2 Wussten Sie, dass ...


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