Dienstag, 17. September 2019

Glaube, Hoffnung, Heilung

Ausgabe 06/2011
Wie heißt es doch: Glaube versetzt Berge. Gesünder Leben geht der Frage nach, ob Gebete, Spiritualität oder nur der feste Glaube an Genesung den Krankheitsverlauf beeinflussen können.

Foto: istockphoto.com - Chris Schmidt
Eine positive Erwartungshaltung ist grundsätzllich eine gute Basis für eine erfolgreiche Behandlung, so viel steht fest. Gebete oder Meditation können Patienten Sicherheit und Geborgenheit vermitteln und auch Selbstheilungsprozesse fördern bzw. Linderung bringen. Zahlreiche Studien, vor allem aus den USA – allein in den letzten Jahren über 400 – wollen eindeutig belegen, dass, wer glaubt, weniger Angst verspürt, gesünder und zufriedener ist.

Wer glaubt, lebt länger

Ob Buddha, Jesu oder Allah – es entspricht einem menschlichen Urbedürfnis sich in Krisensituationen oder bei Schicksalsschlägen vertrauensvoll an eine höhere Instanz zu wenden. Was in vielen Fällen sogar messbare Konsequenzen zeitigt. So wurde in einem großen Monitoring – schon vor geraumer Zeit durchgeführt, jedoch immer noch relevant – über 20.000 Personen über einen Zeitraum von neun Jahren beobachtet. Die Studie brachte ein doch recht signifikantes Ergebnis: Bei gläubigen Menschen wurde unterm Strich eine um satte sieben Jahre höhere Lebenserwartung als bei Nichtgläubigen festgestellt. Es zeigte sich, dass nicht nur praktizierende Christen länger leben, sondern Anhänger aller erdenklichen Glaubensrichtungen.

Neben dem offenbar günstigen Einfluss von Religion und Spiritualität auf die Gesundheit, dürfte jedoch auch der Lebensstil von Tiefgläubigen eine wesentliche Rolle spielen, sprich ihr weitgehender Verzicht auf eine exzessive Lebensführung, auf Genussmittel wie Rauchen, Alkohol oder andere schädigende Faktoren.


Glaube als Therapeutikum?

Umgekehrt stellen viele Skeptiker den ursächlichen Zusammenhang zwischen Religiosität und Gesundung in Zweifel. Begründung: Die Studienergebnisse oder die subjektiven Erfahrungswerte seien vielfach zu widersprüchlich. Auch wird oft von einem Placebo-Effekt gesprochen.

Die Frage, ob die Kraft des Glaubens und der Gedanken Heilungsprozesse fördern kann, oder doch eher die Redewendung „Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott“ zutrifft, wird die Forschung sicher noch länger beschäftigen. Eines scheint sich jedoch zu bewahrheiten: „Wer sich als ,Kind Gottes sieht, hat wahrscheinlich ein leichteres Leben. Auch weil er die Verantwortung in die Hände eines höheren Wesens legt und das wirkt allgemein entlastend“, sagt Prim. Univ.-Prof. DDr. Michael Lehofer, der ärztliche Direktor der Sigmund-Freud-Klinik Graz. In unserem Interview haben wir Psychiater Lehofer, der sich seit vielen Jahren mit dem Einfluss von Spiritualität auf die Gesundheit beschäftigt, mit der „Glaubensfrage“ konfrontiert:

Herr Prof. Lehofer, was den Zusammenhang zwischen Religiosität und Gesundheit betrifft, existieren widersprüchliche Studien und Interpretationen. Wie denken Sie darüber?
Religiöser Glaube und Spiritualität können Menschen stabilisieren, indem sie etwa Bindungsdefizite ausgleichen. Bindung ist ja ein Grundbedürfnis der Menschen, welches aber vom sozialen Umfeld nie ausreichend erfüllt wird. Umgekehrt kann Religiösität zur Sucht werden und sich als Wahn gegen das Lebens­potenzial von Menschen richten. Außerdem neigen manche Institutionen dazu, jene Menschen, die sich mit ihr identifizieren, zu versklaven, was für Betroffene sicher nicht förderlich ist.

Es heißt auch immer wieder, dass tief Gläubige eine höhere Lebenserwartung hätten, insbesondere Frauen. Worauf würden Sie das zurückführen?
Wenn das eine fundierte Grundlage hat, könnte man das durch den Stress reduzierenden bzw. den rhythmisierenden Charakter von Religionen erklären.

Kann bei Menschen, die im Gebet Linderung oder Heilung in Krisensituationen oder bei Krankheit suchen, einfach auch eine Art Placebo-Effekt eintreten?
De facto kommen immer wieder spontane Rückgänge von Symptomen vor, die dann dem Gebet zugeschrieben werden. Interessanterweise wird Gott eher das Gute zugeschrieben. Wenn er nicht hilft, misst man dem weniger Bedeutung zu. Echte Wunderheilungen sind definitiv extrem selten. Eine Haltung von innerer Zuversicht scheint etwas überzufällig eine Rolle zu spielen. Die Beispiele dafür sind jedoch so dünn gesät, dass sich das wissenschaftlich nicht belegen lässt.

Welche Gefahren sehen Sie als Psychiater in einer zu starken Abhängigkeit von Heil versprechenden Ritualen bzw. zu viel Gottvertrauen?
Abhängigkeit hat immer mit einer Schwächung des eigenen Selbst zu tun. Es gibt Situationen im Leben, da müssen wir uns auf uns selbst verlassen können. Dieses Potenzial wird durch übertriebenes Vertrauen in eine höhere Macht untergraben. Als Extremfall kennt man die Aufgabe der eigenen Persönlichkeit in einer Sekte. Es gibt jedoch auch in den Hochreligionen sektenähnliche Gruppierungen.

Welche positiven Effekte kann die Therapie „beten und glauben“ bewirken und sind Ihnen solche auch in Ihrer klinischen Praxis untergekommen?
Ich verwende „beten und glauben“ nicht als Therapeutikum, unterstütze aber Menschen, die auf diese Möglichkeiten der Selbststärkung zurückgreifen können und ermutige dieses Verhalten sogar. Auch meine ich, dass es in der klinischen Praxis ungünstig ist, die Bedeutung von Religion und Spiritualität zu leugnen.

Zu welchem Schluss würden Sie persönlich kommen: Macht Glaube nun eher gesund oder eher krank und woran glauben Sie eigentlich?
Doch eher gesund. Allerdings haben uns die religiösen Institutionen meiner Ansicht nach auch unermesslich viel Leid zugefügt. So hebt sich das wieder auf. Ich persönlich bin kein Anhänger des Glaubens, sondern einer mystischen, emanzipierten erfahrungsorientierten Spiritualität.

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