Freitag, 18. August 2017

Gemeinsam statt einsam

Ausgabe 2016.11
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Selbsthilfegruppen: Sie stellen für Betroffene ein Sicherheitsnetz dar. Sie fangen in schwerer Zeit auf, ermutigen und informieren – und das auf Augenhöhe.


Foto: © Can Stock Photo Inc. - Bialasiewicz

Seit Anfang des Jahres ist Daniel Teil einer Selbsthilfegruppe für Depression und Angststörungen. „Zugegeben, beim ersten Besuch war mir etwas mulmig zumute, aber das hat sich sehr schnell gelegt!“, erzählt uns der 32-Jährige. Seit vielen Jahren hat Daniel mit Angstzuständen und auch Depressionen zu kämpfen. Zahlreiche Psychotherapien hat er schon hinter sich, die allerdings alle nicht den gewünschten Erfolg brachten: „Ich hatte das Gefühl, dass ich zwar rede und rede, es mir letztendlich dadurch aber nicht besser geht. Auch die finanzielle Frage war ein entscheidender Grund, die Therapie abzubrechen.“ Denn Daniels psychische Probleme wirkten sich sowohl auf sein Privat- als auch das Berufsleben aus: Er war längere Zeit arbeitslos und somit „finanziell ausgebrannt“, wie er selbst sagt. Auch seine damalige Beziehung ging aufgrund Daniels Depressionen und Ängsten in die Brüche: „Meine Ex-Freundin konnte nicht nachempfinden, wie es mir geht, war mit meiner Problematik überfordert. Ich fühlte mich allein und unverstanden.“ Aufgeben kam für Daniel trotzdem nicht infrage, weshalb er sich nach kostenlosen Angeboten auf die Suche machte, „mit denen ich meine Psyche stützen konnte“. Bei pro mente Wien, der etablierten Gesellschaft für psychische und soziale Gesundheit (www.promente-wien.at), fand Daniel schließlich Hilfe – und zwar auf Augenhöhe: Neben einer Peerberatung besucht er seit Februar einmal wöchentlich eine Selbsthilfegruppe. „Das tut mir sehr gut“, betont er mit fester Stimme. „Es hilft, die eigene Geschichte in einem Rahmen zu erzählen, in dem man weiß, dass man verstanden wird, manchmal auch ohne viel Worte. Das entlastet und fördert auch die Selbstreflexion.“ Zudem, lacht er, sei die Stimmung in der Gruppe beinahe immer positiv. „Bei uns rennt der Schmäh, man kann sich aber genauso ausheulen, ohne Angst haben zu müssen, verurteilt zu werden. Die Gruppe ist ein Sicherheitsnetz, das einen auffängt.“

Defizite ausgleichen. Daniel ist nur einer von rund 250.000 Österreichern, die aktuell Unterstützung, Trost und Aussprache in einer Selbsthilfegruppe suchen. Laut ARGE Selbsthilfe Österreich, dem Selbsthilfe-Dachverband Österreichs, gibt es hierzulande rund 1.700 Selbsthilfegruppen, „die sich mittlerweile als wesentlicher Bestandteil der Gesundheitsversorgung etabliert haben“, betont Maria Grander, Obfrau der ARGE Selbsthilfe Österreich (www.selbsthilfe-oesterreich.at). „Selbsthilfegruppen entstehen oft aufgrund von Defiziten im Gesundheitssystem.“ Laut der Studie „Wirkung von Selbsthilfegruppen auf Persönlichkeit und Lebensqualität“ des Fonds Gesundes Österreich aus dem Jahr 2005 (befragt wurden 458 Teilnehmer und Teilnehmerinnen unterschiedlichster Selbsthilfegruppen) geben eine Vielzahl der Selbsthilfegruppen-Teilnehmer an, mit der Behandlung und Betreuung seitens Ärzten und Krankenhäuser unzufrieden zu sein: vor allem mangelnde Gesprächskultur, zu geringes Spezialwissen über die Begleitumstände der Krankheit sowie Unwilligkeit und Inkompetenz bei der erwünschten oder erforderlichen Aufklärung sind nur einige der Kritikpunkte seitens der Betroffenen. Die Selbsthilfe-Bewegung will diesen Mangel ausgleichen, so Grander. „Selbsthilfegruppen kommen dem Bedürfnis vieler Menschen entgegen, selbstständig zu sein, auf sich selbst zu schauen und eigenverantwortlich für seine Gesundheit zu sorgen.“

Erfahrungsaustausch. Innerhalb dieser Selbsthilfegruppen wird der Betroffene selbst zum Experten, der Erfahrungsaustausch auf Augenhöhe steht im Mittelpunkt. Grander: „Hier finden sich – auf freiwilliger Basis! – Menschen zusammen, die gemeinsam ihre Krankheit oder ihre Behinderung bewältigen wollen. Zudem hängt jede Selbsthilfegruppe vom Engagement eines jeden Einzelnen ab.“ Dabei wichtige Schlagwörter: Authentizität, Identifikation, Verständnis, Austausch, Zusammenhalt und Gleichberechtigung. Laut oben genannter Studie können Selbsthilfegruppen-Teilnehmer besser mit ihrer Krankheit umgehen, wissen besser über sie und deren Behandlungsmöglichkeiten Bescheid, haben weniger Angst vor der Krankheit und erleben sich allgemein und gegenüber Ärzten selbstbewusster. Die Gespräche in der Gruppe über die eigenen Gefühle sowie der gegenseitige Erfahrungsaustausch werden dafür als besonders relevant genannt. „Eine Selbsthilfegruppe kann jedoch keine professionelle medizinische bzw. therapeutische Behandlung ersetzen, vielmehr ist sie als eine zusätzliche Ergänzung zu verstehen!“, betont Grander.

Geschützter Rahmen. Wie aber kann man sich Selbsthilfegruppen nun konkret vorstellen? Wir haben uns zwei Selbsthilfe-Angebote genauer angesehen, die sich zwar im Angebot und ihrer Darstellungsweise nach außen hin stark unterscheiden, die aber das gemeinsame Ziel verbindet, Betroffenen einen geschützten Rahmen zu bieten. Denn eine Grundregel aller Selbsthilfegruppen ist es, dass nur Betroffene (bzw. deren Angehörige) an den gemeinsamen Treffen teilnehmen dürfen. Auch die Leitung der Gruppentreffen übernimmt ein Betroffener. Bei der Angst- und Depression-Selbsthilfegruppe, an der auch Daniel teilnimmt, ist dies Ulrike S., die aufgrund des Anonymitätsrechts, das einem im Rahmen der Selbsthilfe gewährt wird, nicht mit ganzem Namen genannt werden will. Die 53-Jährige war selbst Teilnehmerin einer Selbsthilfegruppe, bevor sie sich entschied, sich bei pro mente zur Gruppenleiterin ausbilden zu lassen. „Jede Gruppe wird stark durch ihre Teilnehmer sowie ihrer Leitung geprägt“, betont sie. „Ich habe noch keine zwei Treffen erlebt, die gleich abgelaufen wären.“ Sie selbst lässt bei den wöchentlichen Treffen, die rund zwei Stunden dauern und in den hellen Räumlichkeiten des pro-mente-Wien-Selbsthilfebüros in entspannter Atmosphäre stattfinden, die Teilnehmer über die Themen entscheiden, über die gemeinsam in der Runde gesprochen werden soll. „Mir geht es vor allem darum, die präsente Stimmung aufzufangen und den Teilnehmern die Möglichkeit zu bieten, über jene Aspekte der Krankheit sprechen zu können, die sie im Alltag aus Scham verschweigen. Eine positive Stimmung soll nicht erzwungen werden, vielmehr steht das Gefühl von Akzeptanz und Da-sein-Dürfen im Vordergrund.“ Da-sein-Dürfen, das bedeutet sowohl zuhören, als auch seine eigenen Erfahrungen weitergeben. Ratschläge à la „Du musst!“ werden vermieden. Themen, die besprochen werden, sind breit gefächert und reichen von Bewältigungsstrategien bis zur Erfahrung mit Medikation. Utensilien wie ein „Rede-Ball“ oder eine Klingel helfen, eine geregelte Gesprächskultur einzuhalten. Auch eine Abmeldung bei Fernbleiben ist erwünscht. „Das ist eine Frage der Achtung und Wertschätzung. Wichtig ist aber, dass jeder für sich selbst verantwortlich ist.“ Aktuell besteht die Gruppe, die Ulrike leitet, aus 10 Teilnehmern zwischen 30 und 55 Jahren, der Anteil von Männern und Frauen ist ausgeglichen. Zum Teil haben sich bereits Freundschaften herausgebildet, berichtet Daniel: „Wir gehen ab und zu etwas trinken oder Eis essen. Hier sparen wir absichtlich Themen der Gruppe aus.“ Ulrike betont aber: „Unser Ziel ist es, dass unsere Teilnehmer wieder ohne die Gruppe auskommen. Wir wollen sie unterstützen, erneut in die eigenständige Handlungsfähigkeit zu finden.“

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