Samstag, 23. Februar 2019

Ganz Ohr sein

23. Februar 2012
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Das Tomatis Hörtraining kann psychische und physische Probleme lösen.


Joachim Kunze betrachtet meine Hörkurve. “In diesem Frequenzbereich hören Sie etwas schlechter…“, sagt er und zeigt auf den nach unten laufenden Graphen, “…hatten Sie mal Probleme im Bereich der Lendenwirbel?“. Ich bin überrascht, denn in dieser Region meines Rückens plagte mich lange Zeit tatsächlich ein Bandscheibenvorfall.

Der Leiter des Tomatis-Instituts in Hamburg fährt mit dem Finger auf dem Papier ein Stück weiter. Bei den hohen Frequenzen entdeckt er ebenfalls ein Abfallen der Kurve. “… schon mal Schwierigkeiten mit dem Gleichgewicht gehabt?“ fragt er weiter. Da brauch ich gar nicht lange zu überlegen - ist es doch keine vier Monate her, dass mein linkes Gleichgewichtsorgan einen Totalausfall erlebte. An Aufstehen war für mehrere Tage kaum zu denken, das Klo erreichte ich nur torkelnd. So wurde mehr oder weniger unfreiwillig mein Interesse am Organ “Ohr“ geweckt. Später erzählte mir ein Freund von der “Tomatis-Hörkur“, die seiner Schwester und ihrem legasthenischen Kind geholfen hätte.

Die Theorie des französischen Hörforschers Alfred Tomatis besagt, dass das Ohr der Spiegel unserer geistigen und körperlichen Verfassung ist. Könnte das wirklich stimmen? Reflektiert unsere Hörkurve tatsächlich den Zustand von Geist und Körper?

Der erste Eindruck

… ist zumindest verblüffend, denn für Joachim Kunze ergeben sich offensichtlich nur aus dem Hörtest Hinweise auf meine gravierendsten somatischen Defizite. Nach der Bestandsaufnahme soll die Therapie folgen, für die nächsten zehn Tage werde ich täglich zwei Stunden lang mit Musik kuriert. Die “Tomatis-Hörkur“ soll die geschwächten Frequenzen im Ohr wieder normalisieren. Lösen sich danach alle Probleme von selbst?
Im Kopfhörer schnarrt und zischelt es. Gut, dass ich Mozart genauso gern mag wie Techno, denn ansonsten fiele mir die Entspannung schwer. Die Musik klingt hell und schrill, sämtliche Bässe sind entfernt. Dabei wechselt in unregelmäßigen Abständen die Frequenz, wird dann für ein paar Sekunden noch höher, kaum noch wahrnehmbar. Trotz dieser ungewöhnlichen Beschallung entspannt man dabei schnell, viele Patienten schlafen während des Hörens sogar ein. Auch ich mache ein Nickerchen und wache erst wieder auf, als die voluminösen Stimmen von gregorianischen Chorälen in mein Ohr dringen.

Die Kur wirkt offensichtlich. Schon am zweiten Tag bemerke ich eine Veränderung an mir: ich wache morgens ungewohnt früh auf und fühle mich trotzdem frisch und ausgeschlafen. Zudem stellt sich eine gewisse Gelassenheit, eine positive Gesamtstimmung ein, die ich mir anders nicht erklären kann.

Jeder hört anders

Lange Zeit bestand unter Wissenschaftlern Unklarheit, ob und ab wann der menschliche Fötus in der Lage ist, zu hören. Mittlerweile steht fest, dass wir schon im zarten intrauterinen Alter von viereinhalb Monaten Geräusche erkennen können. Das Ohr ist also unser erstes funktionsfähiges Sinnesorgan. Aus diesem Blickwinkel heraus, behauptet Tomatis, ist die Stimme unserer Mutter die erste auditive neurologische Matrize im Nervensystem. Und die von ihm entwickelte “Hörkur“ bemüht sich um die musikalische Rückführung des Ohres in diesen ursprünglichen Zustand, indem vorhandene Barrieren abgebaut werden.


Mit dem ersten Schrei nach der Geburt beginnt unser autonomes Leben, ab diesem Moment versorgt sich das System Mensch selbst mit Energie. Ein selbstregulierender Kreis entsteht: Die vom eigenen Körper ausgesandten Schallwellen werden vom Ohr aufgenommen und stimulieren Hirn und Körper. Im Lauf der kindlichen Entwicklung setzen sich Erfahrungen und Erlebnisse in der Psyche fest und führen nach und nach zu einer Veränderung des Hörens. Jedes Individuum hört nun anders.

Hörkur für Kinder

Hier setzt die Arbeit des Tomatis- Instituts an, von der sich vor allem Mütter mit jenen Kindern Hilfe erhoffen, die extrem unkonzentriert oder nervös sind, Lernschwierigkeiten oder Sprachstörungen haben. Wie beispielsweise Uta Bremer und ihr Sohn Alexander. Den elfjährigen Junge plagten seit Jahren schlechte Schulnoten, er war hektisch und stotterte, sein geringes Selbstwertgefühl wollte er durch ständige Kaspereien und das Ärgern von Schulkameraden kompensieren. “Die Probleme waren massiv“, erinnert sich die Mutter, “und die konsultierten Kinderärzte und Psychologen wussten keinen Rat mehr.“


Im Tomatis-Institut unterzogen sich Sohn und Mutter einer Kur, für beide wurde ein individuelles Hörprogramm entwickelt. Schon nach ein paar Tagen wurde Alexander entspannter, konnte ruhig in der U-Bahn sitzen und erledigte seine Schulaufgaben mit mehr Elan. Die Leistungen in der Schule stabilisierten sich. “Früher wollte er jeden Abend zum Einschlafen zu uns ins Bett“, erzählt Frau Bremer, “heute schläft er gerne allein.“ Aber auch die Mutter spürte Veränderungen: “Ich gewann Distanz zu meinem Sohn, viele meiner Ängste gingen verloren.“ Die Fixierung auf das jüngste ihrer drei Kinder ließ nach, auch sie entwickelte neues Selbstbewusstsein. In den über 200 Instituten auf der Welt behandelt man aus diesem Grund Mutter und Kind immer zusammen. Sobald sich der geliebte Nachwuchs verändert, beginnt auch die Mutter ihre Erfahrungen zu relativieren. Die ewige Sorge um den Sprössling weicht einem gesunden Zutrauen in die neu gewonnenen Fähigkeiten. Und dieses Vertrauen spürt das Kind - auch ohne sprachliche Kommunikation.

Übersicht zu diesem Artikel:
Seite 1 Ganz Ohr sein
Seite 2 Wirkung auf allen Ebenen
Seite 3 Neue Zugänge


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