Familienfest hoch drei

23. Januar 2012
Die große Zahl an neuen Verwandten soll ein Gewinn für alle sein, keine Verpflichtung. Ihre Familie darf neue, eigene Rituale und Traditionen entwickeln.

Illustration: Carola Holland
Weihnachten bei Familie Stifter ist eine organisatorische Meisterleistung. Denn hier leben (zeitweise) fünf Kinder unter einem Dach, die drei verschiedene Elternpaare haben. Tim, mit 11 Jahren der Jüngste, ist das einzige gemeinsame Kind von Herrn und Frau Stifter. Dazu kommen drei Teenager, die zu Herrn Stifter Papa sagen, und eine Tochter, die Frau Stifter in die Ehe mitgebracht hat. Über die letzten Jahre hat sich ein Ablauf der Weihnachtsfeiern eingespielt, der für alle passt.

Am ersten Schultag im Jänner erzählt Tim: „Am Heiligen Abend feiern wir bei uns daheim, ohne meine drei Brüder, denn die sind bei ihrer Mutter. Dafür sind Mamas Eltern eingeladen. Am nächsten Tag fahren wir dann zu Papas Eltern und treffen dort meine Brüder. Meine Schwester wird dort von ihrem Vater und seiner Freundin abgeholt. Sie bleibt meistens bis Silvester bei ihnen. Am 26. Dezember ist jedes Jahr jemand anderer aus der Verwandtschaft dran, und es gibt ein Familientreffen, wo alle kommen können, die wollen. Ich war mit meinen Eltern dort, aber meine Brüder sind diesmal daheim geblieben und haben ihre neuen Bücher gelesen und DVDs angeschaut.“

Raul bewundert seinen Freund Tim, der da nicht den Überblick verliert. „Kommst du nicht manchmal durcheinander mit so vielen Verwandten?“, will er wissen. Tim lacht: „Doch! Aber Mama hat mir einen Stammbaum mit Fotos gebastelt.“ Wenn Singlemama und Singlepapa eine neue Partnerschaft eingehen, bringen sie ein ganzes Beziehungsgeflecht mit. Da gibt es die Kinder und deren anderen Elternteil, deren neue Partner und Kinder, und dazu sämtliche Eltern, Großeltern, Geschwister usw.

Die große Zahl möglicher Unterstützer und Freunde ist ein Startvorteil von Patchworkfamilien. Andererseits wird die Fähigkeit zur Abgrenzung umso wichtiger, je mehr Verwandte es gibt. Deshalb ist das freiwillige Familientreffen von Familie Stifter am 26. Dezember eine ausgezeichnete Idee. Meint zumindest Raul, der es „öde“ findet, „die Weihnachtsfeiertage bei verschiedenen Verwandten herumzuhocken“, die er das restliche Jahr über nicht sieht.

Raul beneidet Tim auch um die Menge an Geschenken, die man von so vielen Verwandten bekommt. Aber Tim widerspricht: „Ich darf mir zu Weihnachten eine größere Sache wünschen, und die bekomme ich dann von allen zusammen. Mein großer Bruder hat einmal drei Stück vom selben Computerspiel bekommen. Seither machen die Eltern, Stiefeltern und Großeltern sich das vorher aus.“ Tims Mutter legt außerdem Wert darauf, dass unter den Geschwistern Gerechtigkeit herrscht und dass keines der Kinder von irgendjemandem bevorzugt wird.

Unkonventionell geht es beim Familientreffen zu. Dort sind auch Ex-Partner(innen) samt Familie, neuen Partner(innen)n und Kindern eingeladen. Der Halbbruder von Tims Schwester hat für diesen Anlass das altbekannte Engerl-Bengerl-Spiel weiterentwickelt. Eine Liste im Internet garantiert, dass jeder genau ein Geschenk besorgt und genau eine Überraschung bekommt. Tim und seine Geschwister fühlen sich wohl in ihrer Patchworkfamilie. Denn das Wichtigste für Kinder ist das Familienklima. Dieses wird entscheidend von den Erwachsenen geprägt. Wo alle Elternteile einander respektieren und zumindest neutral miteinander reden, geht es den Kindern gut.

Tipps



Aus der Praxis:
Wie gelingen Familienfeste?

Zuerst ist zu klären: Was ist der Anlass, und wer nimmt teil? Bei Geburtstagen steht der/die Jubilar/in im Mittelpunkt und trifft nach Möglichkeit die Entscheidungen. Bei Festen im Jahreskreis (z.B. Weihnachten) kann es schwieriger werden: Die Tante spricht nicht mit dem Vater ihrer Nichten, die Großeltern wollen, dass wie bisher bei ihnen gefeiert wird, die Kinder möchten ihr Familienritual nicht mit Stiefgeschwistern teilen, und außerdem besitzen Sie nur acht Gedecke …

Versuchen Sie nicht, es allen recht zu machen! Betrachten Sie sich nicht als (allein)verantwortlich für sämtliche Familienfeste. Überlassen Sie ruhig anderen das Feld, oder wechseln Sie sich zumindest ab.

Beziehen Sie Kinder in die Vorbereitung ein, und finden Sie heraus, was ihnen am wichtigsten ist. Vergessen Sie jedes „So macht man das eben.“ Ihre Familie darf neue Traditionen entwickeln. Sie darf ein Fest auf mehrere aufteilen, wenn das für sie besser passt. Sie kann an ungewöhnlichen Orten oder zu ungewöhnlichen Zeiten feiern.

Wenn Sie das Fest planen: Verfassen Sie eine To-do-Liste und geben Sie so viele Aufgaben wie möglich ab. Besprechen Sie in der Familie, welche Pannen es bisher bei Festen gab und wie sie vermieden werden.

Wenn Sie Gast sind: Bieten Sie rechtzeitig konkret an, wobei Sie helfen können. Machen Sie keine Fleißaufgaben. Lassen Sie es sich ruhig gut gehen, bleiben Sie aber feinfühlig.

Einfach zum Nachdenken
Wer gehört zur Familie und wer nicht?

Stellen Sie diese Frage verschiedenen Familienmitgliedern. Sie werden sehen: Jeder hat eine andere Antwort.

Das ist in Ordnung. Dennoch muss man wissen, wo man hingehört. Deshalb sind Grenzen ein wichtiges Thema in Patchworkfamilien. Eine klare Außengrenze muss rund um den Familienkern gezogen werden. Diese Grenze darf aber nicht so starr sein, dass sie die getrennt lebenden Elternteile ausschließt. Dann gibt es noch weitere Kreise, in denen sich die übrigen verwandten, verschwägerten und Stief-Familienmitglieder befinden.

Und wer steht jetzt wie zu wem? Die Erwachsenen können sich ja darauf einigen, dass einander alle beim Vornamen nennen.

Im Übrigen überlassen Sie es getrost den Kindern, Bezeichnungen für die Familienmitglieder zu finden. Sie sind meist sehr phantasievoll und sprechen etwa von „Halbmama“ oder „Reservepapa“. Wenn sich die Benennungen im Laufe der Zeit ändern, lässt das auf die Veränderung der jeweiligen Beziehung schließen. Und wenn der Stiefvater zwischendurch einmal „Papa“ gerufen wird, darf ihn das freuen – aber er soll es auch nicht überbewerten.

Autor: Mag.a Katharina Ratheiser

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