Donnerstag, 24. Oktober 2019

Familienfest hoch drei

23. Januar 2012
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Die große Zahl an neuen Verwandten soll ein Gewinn für alle sein, keine Verpflichtung. Ihre Familie darf neue, eigene Rituale und Traditionen entwickeln.

Illustration: Carola Holland
Weihnachten bei Familie Stifter ist eine organisatorische Meisterleistung. Denn hier leben (zeitweise) fünf Kinder unter einem Dach, die drei verschiedene Elternpaare haben. Tim, mit 11 Jahren der Jüngste, ist das einzige gemeinsame Kind von Herrn und Frau Stifter. Dazu kommen drei Teenager, die zu Herrn Stifter Papa sagen, und eine Tochter, die Frau Stifter in die Ehe mitgebracht hat. Über die letzten Jahre hat sich ein Ablauf der Weihnachtsfeiern eingespielt, der für alle passt.

Am ersten Schultag im Jänner erzählt Tim: „Am Heiligen Abend feiern wir bei uns daheim, ohne meine drei Brüder, denn die sind bei ihrer Mutter. Dafür sind Mamas Eltern eingeladen. Am nächsten Tag fahren wir dann zu Papas Eltern und treffen dort meine Brüder. Meine Schwester wird dort von ihrem Vater und seiner Freundin abgeholt. Sie bleibt meistens bis Silvester bei ihnen. Am 26. Dezember ist jedes Jahr jemand anderer aus der Verwandtschaft dran, und es gibt ein Familientreffen, wo alle kommen können, die wollen. Ich war mit meinen Eltern dort, aber meine Brüder sind diesmal daheim geblieben und haben ihre neuen Bücher gelesen und DVDs angeschaut.“

Raul bewundert seinen Freund Tim, der da nicht den Überblick verliert. „Kommst du nicht manchmal durcheinander mit so vielen Verwandten?“, will er wissen. Tim lacht: „Doch! Aber Mama hat mir einen Stammbaum mit Fotos gebastelt.“ Wenn Singlemama und Singlepapa eine neue Partnerschaft eingehen, bringen sie ein ganzes Beziehungsgeflecht mit. Da gibt es die Kinder und deren anderen Elternteil, deren neue Partner und Kinder, und dazu sämtliche Eltern, Großeltern, Geschwister usw.

Die große Zahl möglicher Unterstützer und Freunde ist ein Startvorteil von Patchworkfamilien. Andererseits wird die Fähigkeit zur Abgrenzung umso wichtiger, je mehr Verwandte es gibt. Deshalb ist das freiwillige Familientreffen von Familie Stifter am 26. Dezember eine ausgezeichnete Idee. Meint zumindest Raul, der es „öde“ findet, „die Weihnachtsfeiertage bei verschiedenen Verwandten herumzuhocken“, die er das restliche Jahr über nicht sieht.

Raul beneidet Tim auch um die Menge an Geschenken, die man von so vielen Verwandten bekommt. Aber Tim widerspricht: „Ich darf mir zu Weihnachten eine größere Sache wünschen, und die bekomme ich dann von allen zusammen. Mein großer Bruder hat einmal drei Stück vom selben Computerspiel bekommen. Seither machen die Eltern, Stiefeltern und Großeltern sich das vorher aus.“ Tims Mutter legt außerdem Wert darauf, dass unter den Geschwistern Gerechtigkeit herrscht und dass keines der Kinder von irgendjemandem bevorzugt wird.

Unkonventionell geht es beim Familientreffen zu. Dort sind auch Ex-Partner(innen) samt Familie, neuen Partner(innen)n und Kindern eingeladen. Der Halbbruder von Tims Schwester hat für diesen Anlass das altbekannte Engerl-Bengerl-Spiel weiterentwickelt. Eine Liste im Internet garantiert, dass jeder genau ein Geschenk besorgt und genau eine Überraschung bekommt. Tim und seine Geschwister fühlen sich wohl in ihrer Patchworkfamilie. Denn das Wichtigste für Kinder ist das Familienklima. Dieses wird entscheidend von den Erwachsenen geprägt. Wo alle Elternteile einander respektieren und zumindest neutral miteinander reden, geht es den Kindern gut.

Tipps
  • Achten Sie bei Zeichnungen und Erzählungen darauf, wie Ihr Kind seine Familie sieht, und respektieren Sie seine Erlebnisweise.
  • Verpflichten Sie Ihre Kinder nicht ungefragt zur Pflege der unterschiedlichen Familienkontakte.
  • Besprechen Sie mit Ihren Kindern Verwandtschaftsbesuche sowie Familienfeste, und beziehen Sie sie in die Gestaltung mit ein.
  • Machen Sie sich Ihre persönlichen Beziehungen im neuen Familiensystem bewusst, und gestalten Sie diese individuell.
  • Sprechen Sie offen mit Ihrem Partner/Ihrer Partnerin, wie es Ihnen im großen Familien- und Freundeskreis geht.
  • Setzen Sie Prioritäten und pflegen Sie bewusst Ihre Kernfamilie.
  • Stehen Sie zu Ihrer Partnerin/Ihrem Partner, wenn er/sie von Ihrer Familie kritisiert oder respektlos behandelt wird.

Übersicht zu diesem Artikel:
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