Freitag, 24. Mai 2019

Dolmetscher im Kinderzimmer

23. Januar 2012
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Das Geheimnis erfolgreicher Patchworkfamilien liegt in der Gesprächsfähigkeit. Es ist notwendig, Hoffnungen und Erwartungen auszusprechen, Missverständnisse zu erkennen und sich immer wieder aufs Neue um Verstehen zu bemühen.

Illustration: Carola Holland
Doris weiß sich nicht mehr zu helfen: Sie hat Amelie in den Arm genommen und getröstet, ihr gut zugeredet, sie mit einem Buch abgelenkt, versucht, sie zum Lachen zu bringen, und sie kurz allein gelassen. Nichts hilft. Die Vierjährige hockt am Boden, die Beine angezogen, den Kopf auf den Knien. Seit einer halben Stunde reagiert sie auf nichts, was ihre Stiefmutter Doris tut. Davor hat sie einen kurzen, scheinbar grundlosen Trotzanfall gehabt.

Sprechen ist nur eine von mehreren Möglichkeiten, sich mitzuteilen. Sie setzt einen bestimmten Wortschatz und abstraktes Denken voraus. Gerade Kinder kommunizieren deshalb nicht nur mündlich, sondern auf vielfältige Weise. Was sie nicht sagen können oder möchten, drücken sie mit Körpersprache, durch Verhaltensweisen, oder auch in Zeichnungen aus.

Manches ist in seiner Unmittelbarkeit leicht zu verstehen. Etwa, wenn Amelie ihrem Papa vor Freude um den Hals fällt. Andere Zeichen wie häufigere Wutanfälle, außergewöhnliche Ängstlichkeit oder verdrossener Rückzug sind schwerer zu entschlüsseln. Auch Symptome wie Bauchschmerzen, Bettnässen, Schlafprobleme oder Nägelbeißen stellen die Eltern häufig vor ein Rätsel.

Amelie zeigt ihr Rückzugsverhalten in letzter Zeit öfter. Deshalb beschließt Doris, der Sacheauf den Grund zu gehen. Sie beobachtet genau, was dem „großen Schweigen“ vorausgeht, und versucht, eine Regelmäßigkeit zu finden. Und tatsächlich: Immer hat Doris kurze Zeit davor etwas in Amelies Tagesablauf verändert. Heute etwa hat sie auf dem Heimweg vom Kindergarten nicht, wie gewohnt, einen Abstecher zum Bäcker gemacht.

Es sieht so aus, als würden Amelie zur Zeit sogar kleine Veränderungen verunsichern. Vielleicht verarbeitet sie ja noch die kürzliche Übersiedlung und den Kindergartenwechsel? Doris bespricht mit ihrem Lebensgefährten, wie sie noch mehr Routine ins Familienleben bringen können. Sie wollen beobachten, ob das Amelie hilft.

Beim Übersetzen des kindlichen Verhaltens ist oft Ihre Phantasie gefragt. Hören Sie Ihrem Kind aufmerksam zu, nehmen Sie sich Zeit für Gespräche, und konzentrieren Sie sich auf die Botschaften zwischen den Zeilen. Wenn Sie eine Vermutung haben, sprechen Sie diese vorsichtig und verständnisvoll an.

„Mir fällt auf, dass du montags oft Kopfweh hast“, sagt Philipps Vater zu seinem 16-jährigen Sohn. „Könnte das etwas mit der Schule zu tun haben?“ Zuerst möchte Philipp nicht darüber reden. Doch als ihm eine Woche später wieder der Kopf brummt, kommt er von selbst zu seinen Eltern. Gemeinsam finden sie in einem längeren Gespräch heraus, dass Philipp sich von einem Lehrer ungerecht behandelt fühlt. Daneben gibt es ein Problem mit einem Klassenkollegen, der montags ins Nachmittagsturnen geht.

Für viele Schwierigkeiten lässt sich im Gespräch eine Lösung finden. Wenn ein Problem sehr belastend ist oder längere Zeit anhält, finden Sie Hilfe bei Familienberatungsstellen, Erziehungsberatung oder Kinderpsychologen.

Tipps
  • Erzählen Sie Ihrem Partner/Ihrer Partnerin von Ihrem Alltag, Ihren Gefühlen und Vorstellungen.
  • Nehmen Sie sich immer wieder Zeit, dem Partner/der Partnerin und den Kindern aufmerksam zuzuhören.
  • Wenn Sie sich missverstanden fühlen, ziehen Sie sich nicht schmollend zurück, sondern machen Sie Ihren Partner/Ihre Partnerin darauf aufmerksam und erläutern Sie Ihr Anliegen nochmals.
  • Bemühen Sie sich, die Körpersprache Ihrer Kinder zu verstehen, und übersetzen Sie Gefühlsausdrücke.
  • Beachten Sie körperliche Symptome, die Hinweise auf Probleme von Kindern oder Erwachsenen sein können, nehmen Sie diese ernst und suchen Sie nach der Ursache.
  • Wenn Missverständnisse an der Tagesordnung sind, Sie sich emotional voneinander entfernen oder immer unzufriedener werden, dann suchen Sie eine Beratungsstelle auf. Alte Gesprächsmuster kann man oft nur mit fachlicher Hilfe ändern.

Übersicht zu diesem Artikel:
Seite 1 Dolmetscher im Kinderzimmer
Seite 2 Familienrituale


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