Montag, 23. September 2019

Die Rosinen des Elternseins

23. Januar 2012
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Jemanden gern zu haben setzt voraus, seine Persönlichkeit, Talente und Eigenheiten zu kennen. Das ergibt sich im Zusammenleben, wenn man Zeit und Aufmerksamkeit mitbringt.

Illustration: Carola Holland
„Wie war’s in der Schule?“, fragt Martina. Die Antwort ist ein unverständliches Grunzen. Der Rucksack landet im hohen Bogen in der Ecke, und Raphael sieht seine Stiefmutter herausfordernd an. Martina will sich nicht ärgern und verschwindet im Schlafzimmer. Das ist ihr Rückzugsort, den sie vor einem halben Jahr, als sie mit ihrem zweiten Mann und dessen beiden Teenagern zusammengezogen ist, zur „Erwachsenenzone“ erklärt hat. Raphael kennt diese Grenze und überschreitet sie heute bewusst. „Bitte geh doch in dein Zimmer“, bleibt Martina immer noch freundlich. „Du hast mir gar nichts zu sagen!“, murmelt Raphael und macht es sich am Fußende ihres Bettes bequem.

Diesen trotzigen Satz bekommt fast jede Stiefmutter (und jeder Stiefvater) irgendwann zu hören. Statt sich angegriffen zu fühlen ist es besser, nach den Ursachen zu fragen: Ist das Kind wütend über die Gesamtsituation? Unsicher über seinen Platz in der neuen Familie? Oder hat es Angst, seine leibliche Mutter zu „verraten“, wenn es der Stiefmutter folgt? Hat der Widerstand überhaupt etwas mit der Familienform zu tun?

Bei Raphael steckte diesmal pubertäre Lust am Austesten von Grenzen dahinter, wie sich später herausstellte. Da nahm ihn nämlich sein Vater beiseite und sprach ihn auf die Sache an. Obwohl es in diesem Fall gar nicht um die neue Rollenverteilung ging, wiederholte er am Ende des Gesprächs: „Martina ist nicht deine Mutter. Sie hat aber als Erwachsene und als Mitbewohnerin sehr wohl etwas zu sagen. Ich wünsche mir, dass du höflich zu ihr bist, auch wenn ich nicht da bin.“

Höflichkeit wünscht sich auch Herbert von seiner achtjährigen Stieftochter Lisa. Als er sich vor drei Jahren in ihre Mutter verliebte, war die Freude groß, auch gleich ein Kind zu haben. Mit seiner Vorstellung von einer glücklichen Kleinfamilie stand er aber allein da: Sooft er sich liebevoll um Lisa kümmern wollte, zeigte die ihm die kalte Schulter. Mischte er sich in die Erziehung ein, nahm es ihm seine Freundin übel. Hielt er sich heraus, ebenfalls. Schließlich konnte ein Termin bei der Familienberatungsstelle einige Missverständnisse ausräumen. Das Paar lernte dort auch, dass es Jahre dauern kann, bis sich eine Patchworkfamilie stabilisiert hat. Herbert erwartet nicht mehr, Lisas Zuneigung auf Knopfdruck zu bekommen. Er weiß, dass jeder Tag ein Stück zur gemeinsamen Geschichte beiträgt. Und gemeinsame Geschichte ist der Boden, auf dem Freundschaft, Vertrauen und Zuneigung wachsen.

Stiefväter und Stiefmütter haben die besten Karten, wenn sie einen Platz in der zweiten Reihe einnehmen. Dieser hat auch Vorteile! Probleme wie schlechte Schulnoten muss man nicht auf sich beziehen und nicht lösen. Man bekommt nicht alles zu spüren und hat den besseren Überblick. Dass man anfangs zum Kinderalltag vor allem „Rosinen“ – wie z.B. Spielen und Freizeitunternehmungen – beitragen kann, macht eine entspannte Beziehung zum Stiefkind möglich, vergleichbar der einer Tante oder eines Onkels.

Tipps
  • Lassen Sie als Stiefelternteil auch sich selbst zur Gestaltung der neuen Beziehung Zeit.
  • Wenn Sie eigene Kinder haben, stehen Ihnen diese selbstverständlich gefühlsmäßig näher. Sie dürfen Unterschiede machen! – Solange diese niemanden kränken oder beschämen.
  • Besprechen Sie die Regeln für die Patchworkfamilie gemeinsam mit den Kindern.
  • Überlegen Sie die passende Gestaltung von Besuchszeiten bzw. -wochenenden mit allen Beteiligten.
  • Besprechen Sie Unklarheiten oder Erziehungsunterschiede mit Ihrem Partner, Ihrer Partnerin, und bemühen Sie sich in wichtigen Bereichen um einen einheitlichen Erziehungsstil. Halten Sie die vereinbarte Linie konsequent ein – auch in Abwesenheit des/der anderen.
  • Achten Sie auf respektvollen Umgang mit allen Familienmitgliedern.
  • Sagen Sie Ihren Kindern klar, dass Sie Respekt gegenüber Ihrem Partner, Ihrer Partnerin erwarten. Nehmen Sie sich Zeit und haben Sie Verständnis für die Empfindungen Ihrer Kinder.

Aus der Praxis:
Was brauchen " Wochenend-Kinder?"
Kinder oder Jugendliche, die nur einen Teil der Zeit oder nur am Wochenende bei Ihnen wohnen, brauchen unbedingt einen eigenen Platz für ihre persönlichen Dinge. Optimal ist ein eigenes Zimmer. Wo das nicht möglich ist, muss der eigene Bereich mehr sein als ein unpersönliches Gästebett. Spielsachen oder Gegenstände des zu Besuch kommenden Kindes sind für Geschwister, die immer hier wohnen, tabu.

Wochenend-Kinder brauchen außerdem einen liebevollen Übergang. Schaffen Sie ein passendes Ritual zur Begrüßung, etwa eine kleine Jause im Familienkreis, bei der auch der Ablauf des Wochenendes besprochen wird. Kinder, die in mehreren Haushalten zuhause sind, müssen sich überall willkommen fühlen.

Übersicht zu diesem Artikel:
Seite 1 Die Rosinen des Elternseins
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