Freitag, 19. Juli 2019

Bandscheibenvorfall! Muss ich operieren?

Ausgabe 2019.07/08
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Immer wieder hört man von Bandscheiben-Operationen. Und immer öfter, dass diese gar nicht nötig sind. GESÜNDER LEBEN sprach mit einem Experten, der selbst einen Bandscheibenvorfall erlitt. Dieser meint: „Eine Operation ist der letzte Schritt!“


Foto: © iStock - vadimrysev

Die Bandscheibe ist ganz wichtig für die Beweglichkeit unserer Wirbelsäule. Jeweils zwei benachbarte Wirbel bilden eine Bewegungseinheit bzw. ein Wirbelsegment. Dazwischen liegen Bandscheibe und Wirbelgelenke, welche das Ausmaß der Bewegung steuern. „Die Bandscheibe agiert wie ein Puffer, da sie sich verformen, großen Druck aushalten und Stöße abfedern kann“, erklärt Dr. Thomas Rustler, Oberarzt in der Abteilung für konservative Orthopädie am Orthopädischen Spital Speising im 13. Wiener Gemeindebezirk.

So halten sie Ihre Bandscheiben fit

Ob Sportler oder Couch-Potato, ob jung oder alt, ob Mann oder Frau – vor einem Bandscheibenvorfall ist keiner gefeit. Und doch kann man den Bandscheiben Gutes tun. Etwa indem man dauerhafte einseitige Belastungen – insbesondere langes Sitzen! – möglichst oft unterbricht. „Machen Sie es sich zur Arbeitsroutine, alle 30 Minuten aufzustehen. Gehen Sie zum Drucker, holen Sie sich etwas zu trinken, sprechen Sie mit Ihren Kollegen, statt ihnen ein Mail zu schreiben, oder stehen Sie einfach auf, um sich zu strecken“, rät der Wiener Orthopäde Dr. Thomas Rustler.  

Vermeiden Sie außerdem ungünstige Arbeitshaltungen und falsches Heben: Gehen Sie in die Knie, wenn Sie etwas vom Boden aufheben oder aus der untersten Schublade holen müssen. Die Bandscheibe ernährt sich aber nicht nur durch Bewegung, sondern erholt sich auch während des Liegens, weil sie dabei wieder Flüssigkeit einlagert. 

Muskulatur stärken. Alltagsbewegung allein bringt freilich nichts, denn ohne eine gut trainierte Rücken-, Bauch- und Gesäßmuskulatur kann die Wirbelsäule ihre Funktion nicht erfüllen. Genauso wichtig: Gleichgewichtsübungen, um selbst die kleinsten Muskeln zu trainieren. Im Übrigen gibt es nicht die eine Sportart. „Es braucht Abwechslung und ganzheitliches Training und nach einem Bandscheibenvorfall vor allem ein auf den jeweiligen Patienten abgestimmtes Programm“, weiß Rustler. 

 

 

Riss im Ring 

Die Bandscheibe besteht aus einem festen Faserring und einem weichen inneren Anteil, dem Gallertkern. Mit zunehmendem Alter kommt es häufig zu Verschleißerscheinungen an den Bandscheiben: Unter dem Elektronenmikroskop sind laut Rustler bereits ab dem 18. Lebensjahr Risse im Faserring zu sehen. Das sei, so der Experte, eine ganz natürliche Alterserscheinung: „Bandscheiben degenerieren bei allen, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß. Es gibt Menschen mit riesigen Bandscheibenvorfällen, die keine Schmerzen haben. Und dann gibt es Patienten mit nur sehr kleinen Vorfällen, die aber derart ungünstig liegen – etwa direkt an der Nervenwurzel –, dass die Beschwerden unerträglich sind.“ Bandscheibenvorfall ist also nicht gleich Bandscheibenvorfall. Nicht nur, weil manchmal Schmerzen auftreten und manchmal nicht. Sondern auch, weil beispielsweise bildgebende Verfahren wie MRT oder CT nur die Form des Bandscheibenschadens beschreiben, unabhängig von der Auswirkung auf den Betroffenen. Dann steht im Befund „Bandscheibenvorfall“, der aber für die Beschwerden gar nicht verantwortlich ist. Hingegen kann eine einfache Bandscheibenvorwölbung manchmal heftige Schmerzen verursachen. Nicht zuletzt aus diesem Grund braucht es, so Orthopäde Rustler, „für eine korrekte Diagnose eine Kombination aus einem ausführlichen Anamnesegespräch, einem neuroorthopädischen Status, einer genauen manuellen Diagnostik und bildgebenden Verfahren.“

 

Klassischer Vorfall 

Thomas Rustler hatte vor einigen Jahren selbst einen Bandscheibenvorfall: „Wie aus dem Lehrbuch. Ich hatte zuerst nur Kreuzschmerzen, teilweise sogar in der Nacht. Dennoch bin ich weiter laufen gegangen, wobei die Schmerzen bergauf weniger heftig waren als bergab. Heute ist mir auch klar, warum: Bergauf sind die Nervenlöcher weiter, der Nerv hat mehr Luft. Bergab macht man ein Hohlkreuz und engt den Nerv somit ein“, erklärt Rustler, der freilich ein MRT machen ließ, das jedoch zum damaligen Zeitpunkt unauffällig war. Ein paar Wochen später ging es allerdings Schlag auf Schlag: Während Rustler den Berg hinauflief, erlitt er einen Fallfuß – er konnte den Fuß nicht mehr heben. Abgesehen davon, dass er stark bewegungseingeschränkt war, hatte er höllische Schmerzen, die bis in die Beine ausstrahlten. Wenngleich Thomas Rustlers Vorfall als „klassisch“ bezeichnet werden kann, gibt es das eigentlich gar nicht. Bandscheibenvorfälle können plötzlich auftreten oder schleichend verlaufen, mit Lähmungserscheinungen oder Missempfindungen wie Kribbeln in den Beinen oder Füßen einhergehen oder keine derartigen Beschwerden verursachen. Sie treten häufig beim 4. oder 5. Lendenwirbel auf, können aber an sich in der gesamten Wirbelsäule vorkommen. Eines kann indes gesagt werden: Beim Bandscheibenvorfall handelt es sich stets um einen spezifischen Kreuzschmerz. Das heißt: Er hat eine körperliche Ursache, deren gezielte Therapie den Krankheitsverlauf positiv beeinflussen kann. Im Gegensatz dazu können unspezifische Kreuzschmerzen mittels Röntgen und MRT nicht bewiesen werden, was übrigens bei bis zu 90 % der Fall ist.

Übersicht zu diesem Artikel:
Seite 1 Bandscheibenvorfall! Muss ich operieren?
Seite 2 Konservative Behandlung

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