Mittwoch, 20. November 2019

GEBÄREN oder entbinden lassen?

23. Februar 2012
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Unsere Gesellschaft scheint süchtig zu sein nach immer neuen „Kicks“. Und trotz all der Actionbereitschaft sind es paradoxerweise die elementaren Vorgänge des Lebens, die immer mehr ausgeblendet werden. Das Vertrauen in uralte, ganz natürliche Körper-Funktionen, wie z.B. in die enorme Leistungsfähigkeit des Frauenkörpers, kommt uns immer mehr abhanden. Die weiblichen Ideale im 21. Jahrhundert heißen "Schlank, durchtrainiert, widerstandsfähig…”! Körperwahrnehmung, Hingabefähigkeit an natürliche Zyklen und Gebärfähigkeit treten immer mehr in den Hintergrund - und so kommt es, dass heute Generationen junger Frauen heranwachsen, die sich gar nicht mehr vorstellen können, dass ihr Körper im richtigen Moment „einfach funktioniert“.

Die Großmutter meines Mannes verbrachte ihre letzten Tage in einem kleinen Land-Krankenhaus. Nach einem meiner Besuche nutzte ich, deprimiert von den Eindrücken der Palliativstation, die Gelegenheit und fuhr mit dem Aufzug in ein anderes Stockwerk, um die Geburtenstation zu besichtigen. Die Atmosphäre dort war nicht weniger deprimierend: Am helllichten Nachmittag lagen viele (weinende) Neugeborene im Kinderzimmer. Auf meine Nachfrage hin, meinten die Hebammen, dass die jungen Mütter selbst heute, in Zeiten des Rooming-In, ihre Kinder die meiste Zeit abgeben würden - sie wollen lieber ein paar Tage ausruhen…

Wie wir mit Geburt und Tod umgehen, ist Spiegel unserer Gesellschaft!

In unserer modernen, westlichen Kultur finden Anfang und Ende des Lebens meist völlig isoliert statt. Geburt und Tod werden delegiert an Fachleute in “Kranken Häusern”. Betrachten wir die Parallelen zwischen dem Geborenwerden und dem Sterben, so erscheint mir das einsame, verlassene Sterben der Alten wie eine späte (wenn auch unbewusste) Rache all jener, die schon unter unwürdigen Bedingungen geboren wurden.
Wenn wir Menschen wollen, die mutige, tapfere Schwellengänger sind (und ich hätte gerne solche um mich an meinem Sterbetag), so müssten wir sie doch an ihrer ersten Schwelle ins Leben, bei ihrer Geburt, entsprechend empfangen und in die Welt begleiten: mit zärtlicher Ehrfurcht für den Weg, den sie gegangen sind - mit liebevollem Respekt vor der Autonomie ihres Geistes - mit freudiger Neugier auf die “kleinen Wundertüten”, die da in unser Leben gekommen sind!

Als ich selbst Ende der 80er-Jahre das erste Mal schwanger wurde, hatte ich das Gefühl, eine Geburtshilfe im Aufwind zu erleben. Leboyers Gedanken und Ideen von der “Sanften Geburt” waren in aller Munde, die Väter stürmten die Kreißsäle, junge Hebammen entschieden sich wieder für die freie Praxis und Hausgeburtshilfe, die Erwachsenenbildung entwickelte Modelle einer ganzheitlichen Geburtsvorbereitung, schwangere Frauen wurden mehr und mehr ermutigt, ihren Geburtsort bewusst und eigenverantwortlich zu wählen, in den Kreißsälen der Krankenhäuser wurde umgebaut und die althergebrachten unbequemen Gebärbetten durch moderne Einrichtungen in bunten Farben ersetzt.
Trotzdem ist in den letzten Jahren ein beunruhigender Gegentrend in Gang gekommen. Badewanne, Sprossenwand, Matten und Gebärhocker gehören heute zwar zur Standardausstattung fast jedes Krankenhauses - ob und wie oft sie den Gebärenden auch angeboten und bei Geburten praktisch eingesetzt werden, steht auf einem anderen Blatt. All diese Veränderungen scheinen nicht Ausdruck eines tatsächlichen Umdenkens in der Geburtshilfe zu sein, sondern vielmehr Mittel, um Kunden (Patienten) anzuziehen. Ein buntes, gemütliches Kreißzimmer garantiert noch lange nicht, dass sich auch die Hebammen und ÄrztInnen um jene Intimsphäre bemühen, die eine gebärende Frau braucht, um ihr Kind möglichst “menschlich” natürlich zur Welt zu bringen. Die ganze Aufmerksamkeit der Geburtshilfe scheint sich vielmehr seit Jahren auf einen einzigen Punkt zu konzentrieren: Kontrolle!

Das wachsende Bedürfnis nach Kontrolle hat auch die Kinder kriegenden Frauen im Griff. Die neue Generation junger Mütter tendiert immer mehr zum Abgeben von Kompetenzen, zum Verhindern des bislang Unausweichlichen: Wozu bitteschön soll ich solche Anstrengungen und Schmerzen auf mich nehmen, wenn ich mir mein Kind einfach unter Narkose aus dem Bauch herausschneiden lassen kann?

Keep your Lovechannel honeymoonfresh -make a Ceserean!
(Erhalte deine Vagina flitterwochenfrisch-mach einen Kaiserschnitt!)

… dieser amerikanische “Slogan” hat längst auch uns hier im kleinen Österreich erreicht. Zeitungsberichte erzählen uns fast täglich von irgendwelchen Stars der Film- und Musikszene, die “endlich ihr süßes Wunschbaby” bekommen haben oder werden - per geplantem Kaiserschnitt natürlich, um ihre makellosen Körper nicht zu gefährden! Angelina Jolie, Heidi Klum, Claudia Schiffer, Victoria Beckham und alle anderen führen selig vom Titelblatt lächelnd das neue Mutterbild vor: Schwanger-Sein gehört zur neuen Weiblichkeit und ist auch sexy (was man ja durchaus positiv sehen kann) - die Kinder aus eigener Kraft zu gebären, das ginge nun aber doch zu weit…!?

Die steigende Zahl von “Wunschkaiserschnitten” beschäftigt Ärzte, Hebammen und alle anderen, die mit Geburts-, Kinder- und Familienthemen arbeiten, zur Zeit intensivst. In der Auseinandersetzung, wie damit umzugehen sei, haben sich zwei Hauptlager gebildet: Die Einen sehen darin eine begrüßenswerte Stärkung des Feminismus - endlich können Frauen frei entscheiden, was sie sich selbst und ihrem Körper zumuten wollen! Die Anderen machen sich zutiefst Sorgen: Wohin entwickelt sich die Menschheit, wenn wir beginnen, so evolutionäre und natürliche Körpervorgänge wie eine Geburt einfach “zu vermeiden”?
Seit Menschengedenken sind gesunde Mütter und gesunde Babies das Ziel jeder Gesellschaft. Ich meine, die moderne Geburtsmedizin zahlt dafür einen viel zu hohen Preis: durchschnittlich 30% - also rund ein Drittel aller Kinder! - werden in Europa heute per Kaiserschnitt geboren (In Amerika sind es bereits 50% - also jedes zweite Kind). Laut einer deutschen Studie fanden 1996, also bereits vor 10 Jahren, nur noch 6% aller Geburten ohne irgendwelche medizinischen Interventionen statt. Das einzige Argument FÜR diesen radikalen Paradigmenwechsel in der Geburtsmedizin wäre wohl, dass dadurch mehr Babies gesund zur Welt kommen. Tatsache ist aber, dass es in all den Jahren keineswegs gelungen ist, die Mütter- und Säuglingssterblichkeit weiter zu senken.

Aus (unbegründeter) Angst vor einem ruinierten, “ausgeleierten” Beckenboden oder/und vor den Geburtsschmerzen entscheiden sich immer mehr junge Frauen für einen Kaiserschnitt ohne medizinische Indikation. Und in manchen Staaten (wie z.B. Frankreich) findet fast keine vaginale Geburt mehr ohne PDA (Periduralanästhesie, Kreuzstich zur Betäubung der Beckengegend) statt - was u.a. dazu führt, dass ein Kind seinen Geburtsweg ohne die Unterstützung schmerzlindernder Hormone, welche der Körper während einer natürlichen Geburt produziert, gehen muss. Ich hörte von einem Fall, wo eine gebärende Mutter den Anästhesisten, der ihr die PDA setzte fragte, wie lange sie denn für die eigentliche Geburt offline gehen müsse, um rechtzeitig wieder ihre Internet-Korrespondenz aufnehmen zu können…
Mit dem Steigen der Kaiserschnittraten, der kontrollierten, künstlich eingeleiteten und “betäubten” Geburten steigt aber auch die Zahl der Schreibabies, der autistischen oder hyperaktiven Kinder - und das in einem erschreckenden Ausmaß. Wundern wir uns wirklich darüber, dass Kinder, die so geboren werden und sich in ihrem Lebenskampf von Beginn an verlassen fühlen, die Brust verweigern, sich von der Mutter enttäuscht abwenden, unter Aufmerksamkeitsstörungen oder Depressionen leiden?

Übersicht zu diesem Artikel:
Seite 1 GEBÄREN oder entbinden lassen?
Seite 2 Die „selbstbestimmte Geburt“
Seite 3 Geburt


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