Freitag, 13. Dezember 2019

Das Leben ist nicht völlig planbar

24. Januar 2012
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Es kann sein, dass sich Ihre Hoffnung auf ein gesundes Kind nicht erfüllt.

Illustration: Carola Holland
„Es war das überwältigendste Erlebnis meines Lebens“, beschreibt Birgit die Geburt ihres Sohnes Felix. Sie war damals 37 und der Bub ein Wunschkind. „Doch als der Arzt ihn mir in die Arme legte, wusste ich sofort, dass etwas nicht in Ordnung war.“

Bei den Routineuntersuchungen während der Schwangerschaft war das Down-Syndrom von Felix nicht bemerkt worden. „Im ersten Moment war ich nur geschockt. Auch über mich selbst – weil ich Gedanken hatte wie: Was habe ich falsch gemacht? Wofür werde ich bestraft? Das muss ein Irrtum sein, das ist nicht mein Baby …“

Mit dem Alter der Mutter steigt die statistische Wahrscheinlichkeit von Chromosomenstörungen. Die bekannteste Abweichung ist das Down-Syndrom (Trisomie 21). Bei einer 25-jährigen Schwangeren liegt die Wahrscheinlichkeit, ein Kind mit Down-Syndrom zu bekommen, bei weniger als 0,1 %, bei einer 35-jährigen bereits bei etwa 0,3 %. Mit 40 steigt das Risiko auf 1 %, mit 45 auf ca. 3 %.

„Der Schockzustand dauerte Wochen an. Rückblickend scheint mir aber, dass Felix intuitiv wusste, wie er mein Herz gewinnt.“ Heute ist er zwei Jahre alt, gut entwickelt, aufgeweckt und fröhlich. Seine Eltern sind froh, dass sie die Diagnose nicht während der Schwangerschaft erfahren haben. „Ich glaube, wir hätten uns das nicht zugetraut“, meint Birgit. „Damit hätten wir unendlich viel versäumt. Felix ist das Kind, das für uns bestimmt war. Das beweist er uns jeden Tag mit seiner Liebe.“

Birgit engagiert sich in einer Selbsthilfegruppe. Regelmäßig wird sie von Eltern kontaktiert, die z.B. nach einer Fruchtwasseruntersuchung mit der Diagnose Down-Syndrom konfrontiert sind. „Diesen Müttern und Vätern rate ich, Kinder mit Down-Syndrom kennen zu lernen, wenn sie einen Schwangerschaftsabbruch in Erwägung ziehen. Dann können sie sehen, wie diese Kinder das Leben ihrer Mitmenschen bereichern.“

Laut Gesetz ist ein Schwangerschaftsabbruch bei „ernster Gefahr“ möglich, also wenn das Ungeborene geistig oder körperlich schwer geschädigt ist.

Sich für oder gegen ein behindertes Kind entscheiden zu müssen kann überfordern. Entlastung bringt eine einfühlsame Begleitung, wo in geschütztem Rahmen Platz für Zweifel, Hoffnung, Trauer und Abschied ist. Beratungsstellen helfen, die langfristigen Folgen jeder Entscheidung durchzudenken und informieren auch über Unterstützung beim Leben mit einem behinderten Kind.

Birgit verspricht niemandem, dass es einfach sein wird. „Es hat Monate gedauert, bis ich zu Fremden sagen konnte: Ich habe ein behindertes Kind.“ Die Reaktionen waren oft unverständlich und manchmal verletzend. „Auch für unsere Partnerschaft war die erste Zeit eine Belastungsprobe. In gewisser Weise mussten wir Abschied nehmen von unserem Traumkind. Und offen werden für die Besonderheit unseres realen Sohnes.“

Heute achten Birgit und ihr Mann auf Pausen vom Thema Down-Syndrom. Sie lassen ihre eigenen Bedürfnisse nicht zu kurz kommen. Sie kümmern sich gezielt um Entlastung im Alltag und nehmen Hilfe an. Letztlich hat ihre Situation sie noch näher zusammengebracht.

Tipps für Eltern eines behinderten Kindes
  • Suchen Sie eine spezialisierte Beratungsstelle auf. Sie werden dort einfühlsame Begleitung finden.
  • Informieren Sie sich über Frühförderinstitute, Selbsthilfegruppen und Familienunterstützung beim Leben mit einem behinderten Kind.
  • Suchen Sie sich Entlastung im Alltag, nehmen Sie Hilfe und Unterstützung an. Versuchen Sie, Energie aufzutanken.
  • Beschäftigen Sie sich nicht ununterbrochen mit dem Thema Behinderung. Versuchen Sie, etwas für sich und Ihre Partnerschaft zu tun.
  • Erkennen und benennen Sie Ihre eigenen Bedürfnisse – z.B. mit einer Freundin zu reden, etwas Zeit für sich zu haben, „raus von zu Hause zu kommen“ – und versuchen Sie diese zu befriedigen.
  • Setzen Sie in Ihrer Familie ungewöhnliche Prioritäten. Feiern Sie z.B. immer wieder „Feste der kleinen Schritte“.

Übersicht zu diesem Artikel:
Seite 1 Das Leben ist nicht völlig planbar
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