Freitag, 24. Mai 2019

Auf gute Zusammenarbeit

23. Januar 2012
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Kinder brauchen klare Beziehungen. Dann fühlen sie sich in der zusammengesetzten Familie geborgen.

Illustration: Carola Holland
„kann eva heute erst um 16 uhr abholen“ – das SMS von Horst ist kurz und bündig. Lena spürt den alten Ärger aufkeimen. Heute sollte ihr Exmann die gemeinsame Tochter mittags von der Schule holen. Aber er hält sich wieder einmal nicht an die Vereinbarung. Früher hätte Lena ihren Ärger zuerst hinuntergeschluckt, nur um Horst später bei jeder Gelegenheit daran zu erinnern: „Du hältst nie, was du versprichst“ und „Du bist ein schlechter Vater.“

Doch letzte Woche hat Lena in der Kaffeeküche zufällig ein Gespräch unter Kollegen mitgehört. Es ging um die Herausforderung für Väter, Familie und Job unter einen Hut zu bekommen. „Ich wäre so gerne zum Kindergartenfest gegangen. Aber es war kurzfristig angesetzt, und ich konnte meine Termine nicht mehr verschieben …“

Lena zögert kurz, dann greift sie zum Handy. Statt ein beleidigtes SMS zu senden, ruft sie Horst an. „Warum hältst du dich nicht an die Vereinbarung?“, fragt sie ihn. „Weil ich in Graz zu tun hatte und den früheren Zug zurück versäumt habe. Es tut mir leid. Vielleicht kann ich die fehlende Zeit ja morgen ausgleichen?“

Lena denkt daran, wie enttäuscht Eva wäre, wenn sie nicht die üblichen 24 Stunden mit Papa verbringen könnte. Eigentlich hat ihre Familie ja schon Pläne für morgen. Aber die Tochter geht vor: „In Ordnung. Bring sie bitte am späten Nachmittag zurück.“

Um Vereinbarungen zum Wohl des Kindes zu treffen, ist eine Zusammenarbeit zwischen zwei Menschen notwendig, die Kränkungen und Konflikte überstehen mussten. Da braucht es auf beiden Seiten Rücksicht und Entgegenkommen. Lenas Entscheidung, nicht mit beleidigtem Rückzug zu reagieren, ist ein bewusster Schritt weg von der alten Paarebene. Ihr Anruf zur Klärung der Situation kostet sie Überwindung, aber sie will das Bestmögliche für ihre Tochter. Und das ist: ein kameradschaftliches Verhältnis mit ihrem Exmann. Auch Horst bleibt bei dem Telefonat auf der Elternebene: Er begründet sein Zuspätkommen und bietet eine Alternative an.

Lenas Kollege Viktor, der das Kindergartenfest versäumt hat, lebt übrigens auch getrennt von der Mutter seiner Kinder. Der dreijährige Clemens und die siebenjährige Flora verbringen jedes zweite Wochenende bei ihm und seiner Freundin Klara. Es hat über ein Jahr gedauert, bis diese Regelung funktioniert hat. Anfangs hat die Mutter der Kinder Ausreden gefunden, warum „es dieses Wochenende nicht geht“. Dann war es plötzlich umgekehrt, und sie hat ihm die Kinder überraschend gebracht, als es gar nicht ausgemacht war: „Ich brauche auch mal Urlaub!“ Das wiederum war seiner Freundin ein Dorn im Auge und führte beinahe zur Trennung.

Es brauchte mehrere klärende Gespräche. Heute sagt Viktor: „Mit meiner Exfreundin habe ich endlich eine gute Basis. Anfangs haben wir Besuchsrecht und Unterhalt als Sprachrohr für unsere Gefühle verwendet. Zum Glück bemerkten wir, dass das den Kindern nicht gut tut. Also haben wir uns zusammengerissen. Das war für alle von Vorteil.“

Tipps
  • Bemühen Sie sich um einen guten Gesprächskontakt mit dem getrennt lebenden Elternteil, um „Kinderthemen“ besprechen zu können.
  • Nehmen Sie sich als getrennt lebender Elternteil regelmäßig ausreichend Zeit für Ihr Kind/Ihre Kinder.
  • Halten Sie Zeiten und Abmachungen bezüglich Besuchskontakte verlässlich ein.
  • Teilen Sie zeitliche Veränderungen rechtzeitig mit, so dass sich Ihr Kind darauf einstellen kann.
  • Versichern Sie Ihrem Kind, dass es o. k. ist, wenn es sowohl die leiblichen Eltern als auch die Stiefeltern mag.
  • Schaffen Sie eine Atmosphäre, in der Ihr Kind alles erzählen kann, aber nicht ausgefragt wird.
  • Gestalten Sie Übergänge bei den Besuchszeiten ruhig, und rechnen Sie Zeiten der Umstellung für Ihr Kind ein.

Zum Ausprobieren
Pflegen Sie als getrennt lebender Elternteil den Kontakt zu Ihrem Kind auch außerhalb der Besuchszeiten. Bei den Möglichkeiten sind Ihrer Phantasie keine Grenzen gesetzt. Ein fixer Telefontermin, zu dem Sie verlässlich anrufen, freut schon sehr kleine Kinder. Für Größere könnten Sie ein Weblog (Internet-Tagebuch) führen. Oder schicken Sie ab und zu Handy-Fotos, die Sie vor unterschiedlichem Hintergrund zeigen (und lassen Sie Ihr Kind raten, wo Sie sind). Der gute alte Brief braucht zwar länger, ist aber sehr persönlich. Schenken Sie Ihrem Kind einen Kalender, in dem die Besuchstermine und wichtige Anlässe von jedem von Ihnen eingetragen sind. Nehmen Sie aus der Entfernung am Alltag des/der anderen teil!

Übersicht zu diesem Artikel:
Seite 1 Auf gute Zusammenarbeit
Seite 2 Wenn Kinder die Eltern gegeneinander ausspielen


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