Donnerstag, 19. Oktober 2017

Arbeitslos – und nun?

Ausgabe 2016.10
Seite 1 von 2

Arbeitslosigkeit kann jeden treffen. Viele fallen dadurch in ein tiefes Loch, versinken in eine Spirale aus Verzweiflung, Minderwertigkeitsgefühlen und Resignation. gesünder leben beschreibt, wie Sie wieder Kraft für einen Neustart finden.


Foto: © Can Stock Photo Inc. - CITAlliance

„Die erste Reaktion auf eine Kündigung ist so gut wie immer die gleiche: Schock, Entsetzen, Erstarrung, Lähmung. „Neben der existenziellen Bedrohung, den finanziellen Einbußen und dem Wegfall der Struktur und sinngebenden Funktion der Arbeit bricht vor allem ein wichtiger Teil der Identität weg.“

Kündigung bedeutet nicht selten eine schwere narzisstische Kränkung, den Verlust des Selbstwerts und eine Krise der Identität, die zu körperlichen Erkrankungen, psychischen Störungen sowie zu Somatisierungsstörungen, also zu körperlichen Beschwerden ohne organisch fassbaren Befund, führen können. Aus der Praxis“, so Psychologin Moisl weiter, „lässt sich sagen, dass unbewusst häufig der innere Fokus umgelenkt wird auf körperliche Beschwerden.“ Das können etwa Kopfschmerzen bis hin zu Migräneanfällen sein, Magen- und Bauchbeschwerden, Rückenschmerzen, Herzprobleme sowie heftige Übelkeit und nicht selten kommt es zu plötzlichen allergischen Reaktionen auf Lebensmittel, aber auch auf Düfte, Waschmittel etc. Rat der Expertin: „Abwarten und auf Besserung warten, macht keinen Sinn. Konsultieren Sie so schnell wie möglich den Arzt Ihres Vertrauens und verschweigen Sie ihm nicht, dass Sie derzeit arbeitslos sind. Mit dieser Information kann der Arzt gründlich befunden und Sie, wenn dies nötig sein sollte, zur Psychotherapie überweisen.“

Je eher Menschen in Krisensituationen Hilfe suchen, desto schneller entkommen sie der Spirale aus Angst, Hoffnungslosigkeit und Krankheit. „Zahlreiche Studien bestätigen den Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit und psychischen sowie physischen Problemen“ erklärt Moisl. Dennoch würden viele Arbeitslose dies als Schwäche sehen und sich nach außen hin stark geben. Hilfe zu brauchen, um Hilfe zu bitten und Hilfe anzunehmen, sei jedoch kein Zeichen von Schwäche, sondern zeuge ganz im Gegenteil von innerer Stärke. „Seien Sie gewiss: Sie sind nicht alleine. So gut wie jeder, der in einer heftigen Krise steckt, ist mit ähnlichen Problemen konfrontiert. Und“, so die Expertin weiter, „je früher sich Menschen mit ihren Schlafstörungen, ihrer Erschöpfung und Letzten Endes ihrer Depression befassen, desto eher können Sie gesunden und sich wieder erstarkt mit der Arbeitssuche beschäftigen.“

Univ.-Prof. Dr. Jörg Flecker von der Allgemeinen Soziologie der Universität Wien: „Wir wissen aus unzähligen Untersuchungen, dass Menschen arbeiten wollen, weil in unserer Gesellschaft Erwerbstätigkeit zentral für Integration und Teilhabe ist. Es gibt nur wenige Menschen, die nicht arbeiten – dazu gehören: einige Reiche, einige Hausfrauen aus bürgerlich-katholischem Milieu sowie aus muslimischen Familien. Für alle anderen ist die Arbeit eine tragende Säule in ihrem Leben.“

Arbeitslosigkeit ist mit einem Stigma behaftet. Auch heute, in Zeiten wie diesen, wo mehr als neun von hundert Menschen arbeitslos sind (die Arbeitslosenquote betrug 2015 im Jahresdurchschnitt 9,1 Prozent) und der Verlust des Jobs jeden von uns treffen kann, werden – oder fühlen sich – Arbeitslose aus der Gesellschaft ausgegrenzt. Soziologe Flecker: „Der Entzug von Wertschätzung ist schwer zu verarbeiten, Arbeitslose werden stigmatisiert und haben wenig gemeinsam mit den anderen, die im Berufsleben stehen. Sie haben weniger Geld zur Verfügung und können schon aufgrund dessen am sozialen Leben nicht mehr teilnehmen.“ Expertin Moisl über das Zusammenspiel all dieser Faktoren: „Scham, sozialer Rückzug und persönliche Versagensgefühle interagieren mit den oft kränkenden Erfahrungen am Arbeitsamt und der schmerzhaften Des-illusionierung durch den Arbeitsmarkt.“ Wissenschafter Flecker: „Es wird schon lange versucht, das Problem dem Einzelnen umzuhängen. Es wird von allen Seiten der Eindruck erweckt, es liege an den Personen selbst, sich zu qualifizieren, sich mehr zu bemühen. Seit mehreren Konjunkturzyklen ist zu beobachten, dass der Druck, der auf die Arbeitslosen ausgeübt wird, steigt. Tatsache jedoch ist“, so der Soziologe weiter „dass zu wenig Arbeitsplätze da sind, um annähernd alle Menschen zu beschäftigen.“

Die Hoffnung stirbt zuletzt. 388.600 Menschen – davon 180.500 Frauen und 208.100 Männer – waren laut Arbeitsmarktservice (AMS) mit Ende August 2016 arbeitslos gemeldet. Das sind so viele wie zuletzt in den 1950er-Jahren. Und: Es ist kein Ende der Tristesse in Sicht. Seit fünf Jahren steigt die Arbeitslosigkeit kontinuierlich an, und dass, obwohl wir in Österreich Rekordbeschäftigung haben. Diesen paradoxen Umstand erklärt Dr. Beate Sprenger vom Büro des Vorstandes des Arbeitsmarktservice wie folgt: „Österreich hat derzeit Rekordbeschäftigung und parallel dazu die höchste Arbeitslosigkeit der Zweiten Republik. Der Grund dafür ist der enorme Anstieg des Arbeitskräfteangebots – durch das höhere Pensionsantrittsalter, die steigende Frauenerwerbsquote und durch den Zuzug auf den Arbeitsmarkt. Um diesen enormen Zuwachs auf der Angebotsseite auszugleichen, müsste das Wirtschaftswachstum auf 2,5 bis 3 Prozent steigen.“ Alleine davon sind wir weit entfernt. Die Lage ist prekär, aber nicht hoffnungslos. Mit ein Grund dafür sei die Flexibilität des österreichischen Arbeitsmarktes sowie der Beschäftigten, weiß Sprenger. „Rund die Hälfte aller 3,5 Millionen Arbeitsplätze in Österreich wird innerhalb eines Jahres neu besetzt. Darum“, so Expertin Sprenger weiter, „bleiben Sie an der Jobsuche engagiert dran. Es lohnt sich!“

Übersicht zu diesem Artikel:
Seite 1 Arbeitslos – und nun?
Seite 2 Interview

Aktuelle Ausgabe & E-Paper

cover 2017-09 130x173

Aktuelles Heft 10/2017

Die nächste Ausgabe erscheint am 2. November

 

Unsere Ausgabe 09/2017 als E-Paper Lesen!

Aktuelle Online Umfrage

Bildschirmarbeit, Heizungsluft – immer mehr Menschen klagen über trockene Augen. Ihre Erfahrung?

Kontakt

  • Gesünder Leben Verlags GmbH
  • Johann Strauss Gasse 7/2/5
  • 1040 Wien, Österreich

Information

SERVICE