Mmhh, das schmeckt!

Ausgabe 09/2011
Warum Kinder anders essen und was sie wirklich brauchen, verrät Ernährungswissenschafterin Univ.-Doz. Dr. Ingrid Kiefer – schlaue Tipps für Eltern, die wissen wollen, was Sache ist.

Foto: istockphoto.com - Stacey Newman
Ihr Kind ist ein wahrer Obst- und Gemüsetiger? Dann können Sie zu Recht hoch zufrieden sein, doch die Realität sieht meist anders aus: Brüllorgien vor dem Süßigkeitenregal im Supermarkt oder die strikte Weigerung, auch nur einen Bissen zu sich zu nehmen, machen es oft schwer, Erziehungsprinzipien treu zu bleiben. Nirgendwo sonst ist die Diskrepanz zwischen wissenschaftlichen Empfehlungen und dem, was alltäglich umgesetzt wird, so offensichtlich wie beim Thema kindergerechte, gesunde Ernährung. Besorgte Eltern geraten dadurch oft in Gewissenskonflikte. Ein Dilemma, das die Ernährungswissenschafterin Univ.-Doz. Dr. Ingrid Kiefer nur zu gut kennt. In Ihrem neuen Buch*), das sie gemeinsam mit dem Kinderarzt Prim. Univ.-Prof. Dr. Karl Zwiauer geschrieben hat, räumt sie mit überholten Vorstellungen auf und zeigt, was Kinder wirklich brauchen.

Prägende Jahre
„Kinder essen anders. Sie unterscheiden sich von Erwachsenen nicht nur im Bedarf an wichtigen Nährstoffen, sondern auch in ihrem Essverhalten“, erklärt Kiefer. „Wenn Sie das berücksichtigen, erübrigen sich viele zermürbende Essdiskussionen fast von selbst.“ Der Wiener Ernährungswissenschafterin ist gesunde, kindgerechte Ernährung seit Jahren ein Anliegen und sie ist überzeugt: „Eltern haben Vorbildfunktion. Isst die Mutter keine Vollkornprodukte oder der Vater kein Obst, so werden sich auch die Kinder nicht anders verhalten.“ Wie wichtig die ersten Jahre in puncto Essverhalten für das spätere Leben ist, hat sich erst in den letzten Jahren gezeigt. „Sämtliche Essgewohnheiten, Vorlieben und Eigenheiten werden bereits in der Kindheit geprägt“, erklärt Kiefer. Wird schon im zarten Alter gelernt, dass Essen nicht nur sättigt, sondern auch tröstet und Langeweile vertreibt, dann ist bereits der erste Schritt zum falschen Essverhalten getan. „Essen sollte daher niemals als Belohnung eingesetzt werden“, warnt die Spezialistin. „Belohnen Sie stattdessen mit Zuwendung und mehr Zeit für Ihr Kind, z.B. mit gemeinsamen Spielen oder Ausflügen.“

Großer oder kleiner Hunger?
Kinder mit funktionierendem Hunger-Sättigungs-Gefühl essen sehr unregelmäßig – ein Verhalten, das besorgte Eltern regelmäßig in Verzweiflung stürzt, aber völlig normal – und gesund – ist. Kiefer rät daher: „Sollte Ihr Kind an manchen Tagen weniger essen, zwingen sie es nicht dazu. Es sollte aber bei der Mahlzeit am Tisch sitzen und sich nicht anderen Tätigkeiten widmen. Ihr Kind sollte auch selbst entscheiden, wie groß die Portionen sind. Wenn es noch Hunger hat, bekommt es einen Nachschlag. Nur so können Sie ihm beibringen, die richtige Menge zu essen.“
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Essen im Familienkreis

Essen soll Spaß und Freude machen – gemeinsame Mahlzeiten in der Familie gehören dazu, ist die Ernährungswissenschafterin überzeugt. „Lassen Sie Ihr Kind aktiv mitgestalten. Bitten Sie es, den Tisch zu decken, bereiten Sie die Speisen gemeinsam zu.“ Streitgespräche und Kritik an schlechten Schulnoten gehören allerdings nicht an den Esstisch, auch ein laufender Fernsehapparat hat beim Familienessen nichts zu suchen.

5 x am Tag: Richtig essen zur richtigen Zeit

Die fünf
Mahlzeiten
Wichtige
Nährstoffe
Warum die Mahlzeit
nicht ausfallen darf
Das schmeckt und
ist gesund
Frühstück Kohlenhydratbetont,
außerdem
Eiweiß
Aktiviert und gibt
Power für den Start
in den Tag
Müsli / Frühstückscerealien
mit Milch oder Joghurt
Vollkornbrot mit Kräutertopfen
Brot mit Fruchtaufstrich
Brot mit Schinken
Brot mit Käse
Kakao
1. Jause
Kohlenhydrate,
Eiweiß-Snack
Erhöht das
Leistungsvermögen
und stärkt das
Durchhalte­­-
ver­mögen
Vollkornbrot mit Schinken
Vollkornbrot mit Käse
oder Topfen
Gemüsesticks mit Topfendip
Joghurt mit frischen Früchten
Topfencreme
Obst
Kakao
Mittagessen Leicht, eiweißbetont,
viele Vitamine und
Mineralstoffe
Verhindert Mittagstief
und Schläfrigkeit,
das Leistungs-
vermögen bleibt
erhalten
Gebratener Fisch
Huhn, Pute
Gerichte aus fettarmen
Rind- oder Lammfleisch
Gemüseauflauf
Getreidelaibchen
Salat
Gemüse
Kartoffeln, Reis
2. Jause Kohlenhydrat-Snack Bringt Energieschub
für den Nachmittag.
Macht fit für Hausübungen
und Sport
Banane, Apfel, Kirschen,
Weintrauben,
Müsliriegel
Vollkornbrötchen
Abendessen Leicht,
kohlenhydratbetont mit
etwas Eiweiß
Wichtig für
erholsamen Schlaf,
belastet nicht
Reisgerichte , Milchreis
kleine Nudelgerichte
Getreidebrei
Gemüsesuppen mit
etwas Käse


Naschen nicht verbieten
Doch selbst bei allen pädagogischen Vorsätzen wird es Ihnen nicht gelingen, Ihren kleinen Liebling auf Dauer von Süßem fernzuhalten. Naschverbote machen also keinen Sinn. Kiefer empfiehlt, dass Sie Ihrem Kind selbst die Verantwortung überlassen, wann und was es nascht. Doch der entscheidende Punkt: „Sie bestimmen die Menge, am besten gleich für eine Woche. Stellen Sie den Naschteller mit Ihrem Kind gemeinsam zusammen. Ihr Kind soll nun entscheiden, wie es sich diese Menge einteilt.“

Knigge für Eltern: So macht essen Spaß
  • Essen Sie so oft wie möglich gemeinsam mit Ihrem Kind.
  • Schaffen Sie eine angenehme Essatmosphäre (schön gedeckter Tisch, keine Problem-Gespräche, Fernseher abschalten!).
  • Planen Sie für die Mahlzeiten genügend Zeit ein (vor allem für das Frühstück!).
  • Lassen Sie Ihr Kind bei den Vor­bereitungen wie Aufdecken und Kochen mithelfen.
  • Akzeptieren Sie, dass Ihr Kind seine Portionsgröße selber wählt.
  • Belohnen Sie nicht mit Essen oder speziellen Lebensmitteln.
  • Loben Sie Ihr Kind, wenn es Obst und Gemüse isst.
  • Bestrafen Sie nie mit Essensentzug.
  • Seien Sie selbst ein Vorbild!




Bunt & gesund
Kinder haben eine Vorliebe für bunte, insbesondere rote oder gelbe Lebensmittel. Deshalb stehen Spagetti mit Paradeissoße oder Pommes mit Ketchup immer ganz oben auf der Hitliste kleiner Genießer. Gesundes, aber unattraktiv braunes wie Getreidelaibchen, Naturreis usw. führt daher vorprogrammiert zu Protest. Kiefers Tipp: Bieten Sie immer buntes Gemüse an, als Beilage oder bei kalten Gerichten geschnitten als Finger-Food.

Geschmäcker „lernen“
Von den Geschmacksrichtungen süß, sauer, bitter, salzig wird der süße Geschmack von den meisten Kindern am angenehmsten empfunden. Diese Vorliebe ist angeboren, andere Geschmäcker müssen erst gelernt werden. Konsumiert Ihr Kind bereits viele süße Lebensmittel wie Süßigkeiten oder Limonaden, so können Sie es nur in kleinen Schritten davon wieder abbringen. Kiefer: „Verdünnen Sie die Getränke nach und nach. Erwachsene brauchen bis zu fünf Wochen, um sich an weniger Zucker oder auch Fett im Essen zu gewöhnen, Kinder sehr oft noch länger.“ Die Vorliebe für Süßes können Sie aber auch ausnützen, um Gesundes unterzujubeln: z.B. süße Bananen, Weintrauben, Zwetschken oder auch Karotten, Erbsen und Mais. Charakteristisch für Kinder ist auch, dass sie ihre Lieblingsspeisen ständig essen möchten. Je größer das Nahrungsmittelangebot aber schon im Vorschulalter ist, desto vielfältiger wird im späteren Leben gegessen, Wenn Ihr Kind schon sehr einseitige Vorlieben hat, rät die Spezialistin: „Führen Sie neue Lebensmittel Schritt für Schritt ein und kombinieren Sie diese mit beliebten Speisen. Vereinbaren Sie, dass bei einem neuen Gericht zumindest alle einen Bissen ausprobieren und erst dann entscheiden, ob sie es essen wollen.“
Süße Kalorienfallen

Achtung: Über Limos und unverdünnte Fruchtsäfte können große Mengen an Zucker aufgenommen werden.

  • 1 Dose Limonade (0,33 l) enthält rund 9 Stück Würfelzucker
  • 1/4 l Orangennektar enthält rund 8 Stück Würfelzucker
  • 1/4 l Fruchtsirup verdünnt mit Wasser 1: 6 enthält 7 Stück Würfelzucker
  • 1/4 l Limo enthält rund 6 Stück Würfelzucker
  • 1/4 l Fruchtmolke enthält rund 4 Stück Würfelzucker
  • 1/4 l Fruchtsaft (Orange) enthält rund 3 Stück Würfelzucker
  • 1/4 l Orangensaft verdünnt mit Wasser 1:3 enthält rund 1 Stück Würfelzucker


5 Mahlzeiten täglich
Auch auf das richtige Timing beim Essen kommt es an, damit sich Ihr Kind so richtig wohl fühlt. Ideal sind fünf kleine Mahlzeiten, die nicht so üppig ausfallen, dass sie belasten. Fehlende Mahlzeiten, besonders am Morgen und am Vormittag, können zu Konzentrationsschwächen und Leistungsabfall führen. Frühstücksverweigerer sollten also keinesfalls ohne ein Getränk und eine größere Schuljause aus dem Haus. „Erforschen Sie aber, warum Ihr Kind nicht frühstückt“, rät die Ernährungswissenschafterin. „Oft sind Schulstress oder einfach Zeitmangel die Ursache. Stehen Sie lieber alle etwas früher auf, dass zumindest fünfzehn Minuten für ein gemeinsames Frühstück bleiben.“


Buchtipp:
"Was Kinder wirklich brauchen", von Dr. Ingrid Kiefer und Univ.-Prof. Dr. Karl Zwiauer, Kneipp Verlag, € 17,99

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