Sonntag, 26. Mai 2019

Mit Hausverstand genießen!

Ausgabe 2012/12-2013/01
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Sie ist Verfechterin der gesunden Küche, pfeift auf Fertigkost und Diätwahn: TV-Köchin Sarah Wiener im GESÜNDER LEBEN-Interview.

Foto: Sarah Wiener GmbH Mit einem alten Lastwagen und Flohmarkt-Geschirr fing 1990 alles an: Sarah Wiener tingelte durch Europa und bekochte Filmteams. Heute reisen die Gäste selbst von weit her an. Denn inzwischen zählt die 50-Jährige zu den bekanntesten Küchenchefinnen im deutschsprachigen Raum. Sarah Wiener kocht im ORF und auf ARTE, betreibt Restaurants und eine Holzofenbäckerei in Berlin, schreibt regelmäßig Buchbestseller. Passend zu Weihnachten gibt sie in „Die Adventsküche von Sarah Wiener“ 24 Rezepttipps, im April erscheint ihr erstes Sachbuch „Zukunftsmenü: Genuss rettet die Welt“. In GESÜNDER LEBEN verrät die Österreicherin, die mit Sohn Artur und Ehemann Peter Lohmeyer in Hamburg lebt, warum gesundes Essen weder teuer noch kompliziert sein muss, wie man Weihnachten ohne Frust auf der Waage übersteht und warum kluge Männer selbst den Kochlöffel schwingen.

GESÜNDER LEBEN: Warum löst die Bezeichnung „gesunde Ernährung“ bei vielen immer noch Angstschweiß aus?
Sarah Wiener: Weil sie denken, gesunde Ernährung heißt Disziplin, Selbstkasteiung oder genussfeindliche Esskultur. Das stimmt aber nicht. Gesunde Speisen sind schmackhaft. Es sind Gerichte, in die man gerne reinbeißt und die einem gut tun. Ich sehe mich aber nicht als Bio-Päpstin oder Gesundheits-Guru. Ich bin eine Köchin für nachhaltigen Genuss mit Hausverstand.

GL: Worauf sollte man konkret bei gesunder Ernährung achten?
Wiener: Das allerwichtigste ist, dass man selbst kocht, mit frischen Zutaten. Heutzutage wissen viele nicht mehr, was sie essen. Die werfen einfach etwas, das in Plastik oder Stanniolpapier eingeschweißt ist, in die Pfanne oder Mikrowelle. Ich glaube, dass uns dieses Fertigessen nicht nur unglücklich macht, weil es uns nicht befriedigt, sondern auch krank, weil es neben 350 Zusatzstoffen viel zu viel Industriefett, Salz und Zucker enthält. Ein Problem dabei ist: Viele Menschen können überhaupt nicht mehr kochen. Sie haben Angst vor dem spritzenden heißen Herd und wissen nicht mal, wie man Kartoffeln kocht. Wenn die Leute wüssten, wie einfach kochen ist und wie viel Spaß es macht, würden sie sich mehr trauen! Man muss das Essen auch nicht jeden Tag neu erfinden. Was spricht dagegen, drei-, viermal die Woche Nudeln oder grüne Bohnen zu essen, weil man die gerade zu Hause hat oder mag? Ich kann doch immer aus Grundzutaten unendliche Varianten kreieren. Es gibt letztlich nur eine Instanz, die sagt, ob etwas schmeckt: die eigene Zunge. Kochen steigert auch das Selbstwertgefühl. Und natürlich ist ein köstliches Abendessen mit Freunden zehnmal befriedigender als jedes Computerspiel oder eine Fernsehsendung.

GL: Stichwort Fernsehen: Dort kochen mehr Männer als Frauen. Sieht man sich dann im eigenen Bekanntenkreis um, stehen dort meist die Frauen am Herd …
Wiener: Es gibt supertolle männliche Köche, die dafür auch Ruhm, Ehre oder Geld kassieren. Aber die Welt wird von kochenden Frauen ernährt. Wir leben immer noch in einer Männerwelt, in der Männer die Gesetze machen und mehr verdienen als Frauen. Der Mann kocht vielleicht mal am Wochenende oder wenn der Chef kommt, da wird das dann richtig zelebriert. Wenn man jeden Tag essen muss, dürfen wieder die Frauen ran. Zum Glück wandelt sich das langsam. Vor 20, 30 Jahren war ein kochender Mann ein Exot. Aber heute können kluge und sinnliche Männer kochen.

GL: Weihnachten und Silvester stehen vor der Tür. Wie übersteht man die Feiertage, ohne zuzunehmen?
Wiener: Schwierig. Wir essen ja ständig: aus Langeweile, aus Frust, aus Liebeskummer oder um uns zu belohnen. Den Massen an Süßigkeiten und den Fressgelagen kann man nur mit Disziplin widerstehen. Ich zum Beispiel belohne mich gerne mal mit einer exotischen teuren Frucht. Die genieße ich, weil ich weiß, dass sie etwas wert ist. Und sie schmeckt mindestens genauso gut wie ein Christstollen oder eine Tafel Schokolade. Man muss einfach auf seinen Körper hören. Wenn ich unbedingt in Marzipan reinbeißen will und das brauche, dann mach ich’s auch. Genussvoll. Ohne schlechtes Gewissen. Natürlich sollte man wissen, wann man aufhört. Ich empfehle: bewusst essen, sich Zeit nehmen, langsamer kauen. Ein Abendessen mit Freunden genießen, dann isst man weniger. Meine Erfahrung ist auch, dass ich weniger gierig bin, wenn ich selbst gekocht habe.

GL: Ihr Tipp für ein perfektes Weihnachtsessen?
Wiener: Etwas kochen, das einem selbst schmeckt und das man gut kann. Keine Experimente, weil die Schwiegermutter kommt oder der ungeliebte Onkel und man ihnen zeigen will, schaut her, was für eine super Hausfrau ich bin. Dann steht man dann zwei Tage in der Küche und ist völlig genervt und gestresst. Das ist nicht der Sinn von Weihnachten. In dem Fall lieber Frankfurter mit Kartoffelsalat machen.

GL: Und was halten Sie von Diäten?
Wiener: Man weiß ja, dass es den Jo-Jo-Effekt gibt. Ich bin kein Freund von Diäten, sondern ein Freund des Wechsels der Ernährungsgewohnheiten. Dafür braucht es aber Hirnarbeit. Ich glaube, dass die Vorstellung, auf Dinge zu verzichten, die wir lieben, auf Dauer nicht funktioniert. Auch Gemüse kann göttlich schmecken, wenn man es gut zubereitet! Ich zum Beispiel liebe Kuchen. Für den Rest meines Lebens darauf zu verzichten, nur weil ich ein paar Kilo Übergewicht habe, ist absurd. Ich mache das anders: Wenn ich Kuchen esse, dann wirklich guten, keinen aufgezuckerten Industriekuchen. Wenn ich „sündige“, dann mit Genuss.

Übersicht zu diesem Artikel:
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