Freitag, 29. Mai 2020

Mir reicht’s!

01. September 2011
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Auch Eltern packt manchmal die Wut, und der „ach so liebe Sprössling“ zerrt an den Nerven. Aber lassen Sie bitte Ihre Aggressionen nicht an Ihrem Kind aus.

Illustration: Gerhard Marschik
„Schon wieder schreit das Kind, keine Arbeit kann ich in Ruhe fertig machen. Dabei bin ich so müde, völlig ausgelaugt. Mir reicht’s, ich kann nicht mehr. Gleich explodiere ich. Ich bin wütend, es geht mir elend. Immer bin ich für das Kind zuständig. Ohne Kind könnte ich tun und lassen, was ich will, wär’ auch nicht so von der Welt abgeschnitten.“ „Zuerst acht Stunden Arbeit, die lange Heimfahrt, und kaum bin ich zu Hause, soll ich mich um das Kind kümmern. Wo bleibt mein Freiraum? Wenn mir das jemand vorher gesagt hätte, hätte ich mir kein Kind gewünscht!“

Schockierend, nicht wahr? So etwas darf eine Mutter/ein Vater doch nicht einmal denken. Sie müssen voller Geduld, immer glücklich, zufrieden, liebevoll sein, immer lächeln. Irrtum: Ein Kind zu haben ist nicht nur die reine Freude, sondern auch eine schwierige, belastende Aufgabe. Und auch liebende Eltern sind keine Übermenschen. Für Mütter und natürlich auch Väter ist es manchmal einfach zu viel, und sie werden zornig, brauchen Abstand zu ihrem Kind. Das ist ganz natürlich und o.k. Aber lassen Sie niemals Ihre Aggressionen an Ihrem Baby aus. Das Kind anzubrüllen bringt nichts: Dann weint es verzweifelt, und Sie fühlen sich zusätzlich beschämt und mies. Oder sind Sie auf Ihren Fernseher böse, wenn Ihre Fußballmannschaft verloren hat?

Es ist aber auch nicht sinnvoll, die eigenen negativen Gefühle hinunterzuschlucken und zu überspielen. Oder dem Kind besonders liebevolle Zuwendung vorzumachen, obwohl man vor Wut zerspringen könnte. Das Kind spürt die Aggression trotzdem und kennt sich nicht mehr aus. Ihr Kind weiß dann nicht mehrr: Soll es seinen Ohren und dem Klang Ihrer versöhnlichen Worte trauen oder sich auf sein Bauchgefühl verlassen, das Ihre Wut spürt?

Also: verbieten Sie sich negative Gefühle nicht, sondern nehmen Sie diese ernst. Schauen Sie genau hin, was diese Gefühle ausgelöst hat. Oft hilft es schon zu erkennen, was hinter dem eigenen Groll steckt. Und manches lässt sich zumindest mittelfristig ändern. Vielleicht tröstet es Sie zu wissen, dass alle Eltern solche Situationen kennen. Kinder führen einen an die eigenen Grenzen. Solche Situationen sind mit einer Übersiedelung vergleichbar: Da gibt es auch einen Augenblick, in dem man nicht mehr glaubt, dass es je wieder ordentlich wird. Überall stehen Kisten herum, alles steht am falschen Platz, und jeder Handgriff wirkt so verloren wie die berühmte Nadel im Heuhaufen. Sie fühlen sich vielleicht mit Ihrer familiären Situation gerade so überfordert. Sie fühlen sich unwohl, unter Druck oder können einfach nicht mehr. Machen Sie sich jetzt nicht auch noch Vorwürfe. Solche Situationen sind einfach schwer.

Vergessen Sie bitte nicht: Niemals schreit ein so kleines Kind, weil es die Eltern ärgern oder unter Druck setzen will. Das gilt auch für Ihr Kind! Es hat z.B. Hunger, und die einzige Möglichkeit, das zu äußern, ist zu schreien. Oder es fühlt sich schlecht, vielleicht weil die Windeln voll sind, hat Schmerzen – oder Angst, weil es Wut oder Ablehnung spürt. Ihr Baby weint nicht, um Sie zu ärgern, sondern weil es etwas braucht und dies noch nicht anders sagen kann. In dieser Situation geht es allen Beteiligten nicht gut. Aber so wie bei einer Übersiedlung irgendwann einmal wieder Ordnung und Frieden einkehrt, so werden auch Sie Ihre Wut und Ihren Ärger überwinden können!


Tipps für Eltern
  • Vergessen Sie das Bild von den ewig lächelnden, liebevollen Eltern. Ein Kind gibt viel, fordert aber auch viel. Manchmal überfordert, gereizt, wütend, am Ende der Kraft zu sein ist völlig normal.
  • Bauen Sie Energiereserven auf, indem Sie etwas tun, das Ihnen – wirklich Ihnen – Spaß macht: ein Hobby, ein Spaziergang, Musik, Tanzen.
  • Planen Sie regelmäßige „Auszeiten“ ein. Einen 24-Stunden-Job, sieben Tagen die Woche hält niemand durch.
  • Setzen Sie sich in Sachen Haushalt und Arbeit nicht unter Druck. An besonders schwierigen Tagen ist es absolut erlaubt, Arbeit liegen zu lassen – oder auch einmal die tägliche Ausfahrt mit dem Kinderwagen abzublasen.
  • Wenn Sie erschöpft oder übermüdet sind, weil Sie kaum eine Nacht durchschlafen oder Ihnen die Betreuung des Babys und die Hausarbeit zu viel werden, dann suchen Sie sich Unterstützung.
  • Besprechen Sie auch mit Ihrem Partner, Ihrer Partnerin, was Sie so wütend gemacht hat. Vielleicht finden Sie gemeinsam eine Lösung.
  • Wenn es noch andere Belastungen in Ihrem Leben, z.B. Familienprobleme, finanzielle Sorgen oder sehr große berufliche Anforderungen gibt, dann versuchen Sie – so schwierig es auch ist –, Ihren Problemen aufrecht ins Auge zu sehen. Oft hilft es schon, die Ursache für den eigenen Zorn selber zu erkennen, und Ihr Kind ist sicher nicht schuld daran. Übrigens, immer wieder erweist sich der Gang zu einer Familienberatungsstelle oder anderen Unterstützungsinstitutionen als hilfreich.

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