Montag, 23. September 2019

Lohnt sich Bio?

Ausgabe 2018.10

Mehr Aroma und natürliche Inhaltsstoffe, weniger Dünger und ungesunde Rückstände: Biologische Lebensmittel versprechen viele Vorteile. Zu Recht? Oder nur ein Marketinggag?


Foto: Foto2_iStock-PeopleImages

 

Mittlerweile sind biologisch hergestellte Lebensmittel längst kein Nischenprodukt mehr, sondern überall erhältlich: im Supermarkt, im Bio-Laden, auf Märkten oder beim Bauern selbst. Und die Nachfrage steigt stetig, wie die jährliche Untersuchung der AMA (Agrarmarkt Austria Marketing GesmbH) beweist: 2017 wurden in Österreich 12 Prozent mehr Bio-Lebensmittel verkauft als 2016.

Österreich ist die Nummer 1

Österreich ist das Bio-Land Nr. 1 in Europa. Nirgends sonst gibt es so viele Bio-Bauern, gemessen an der Fläche. Derzeit bewirtschaften 21.000 Bio-Bauern rund zwanzig Prozent der Agrarfläche Österreichs. Die Nachfrage nach biologisch erzeugten Produkten steigt weiter. Seit vier Jahren wird der Bio-Gesamtmarkt für die Segmente Lebensmitteleinzelhandel, Direktvertrieb, Fachhandel und Gastronomie in Österreich erhoben. 2017 wurden in Österreich Bio-Lebensmittel im Gesamtwert von rund 1,8 Milliarden Euro abgesetzt, das entspricht einem Plus von 12 Prozent gegenüber 2016. Im Lebensmitteleinzelhandel beträgt der Bio-Anteil 8,6 Prozent.

Die Nachfrage steigt
Bio-Produkte haben einen guten Ruf, sie gelten als gesundheitsfördernd, naturbelassen und schmackhaft, sogar die höheren Preise für Bio-Produkte werden durchwegs als gerechtfertigt angesehen. Rund acht Prozent aller Frischeprodukte werden mittlerweile in Bio-Qualität gekauft – Tendenz steigend. Am häufigsten sind es Eier und Milch, gefolgt von Gemüse und Erdäpfeln. Erfreulich daran: Heimische Bio-Produkte landen nicht nur öfters im Einkaufskorb, das Angebot wird auch immer reichhaltiger. Diesen positiven Trend verdankt Österreich u. a. Bio-Pionieren wie „Ja! Natürlich“. Das Team rund um Geschäftsführerin Martina Hörmer hat es geschafft, dass Bio-Produkte ihr anfängliches Nischendasein im Supermarkt rasch beenden konnten. Und nun eine echte Erfolgsgeschichte sind. Doch sind die Bio-Erdäpfel wirklich hochwertiger als die ordinären Kartoffeln? Und schmeckt das Schnitzel vom Öko-Schwein besser? Antworten darauf liefert ein Blick auf die Produktionsmethoden der Bio-Bauern. Konventionell arbeitende Landwirte bestellen ihre Äcker meist einseitig: Sie säen und ernten nur eine bestimmte Pflanze. Dadurch wird die Erde ausgelaugt, natürliche Nährstoffe gehen verloren. Deshalb benützen die Bauern Kunstdünger. Um die Saat zu schützen, spritzen sie Unkraut- und Insektenvernichtungsmittel. Im Bio-Landbau wird der Erhalt der Bodengesundheit durch natürliche Düngemethoden, sorgfältig geplanten Fruchtwechsel und den Verzicht auf chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel (Pestizide) sowie leicht lösliche Dünger erreicht.

Auf die Verpackung achten

Seit 1. Juli 2010 ist das EU-Bio-Logo verpflichtend anzuführen. Dieses Zeichen stellt zwölf Sterne dar, die auf einem grünen Hintergrund ein Blatt symbolisieren.
 Zertifizierte Bio-Produkte müssen verpflichtend die Bio-Kontrollstelle auf der Verpackung tragen. Die Bio-Kontrollstelle wird mit einer Kontrollnummer angegeben (z. B. AT-BIO-301). Zusätzlich kann ein Bio-Hinweis die Herstellung des Produkts näher beschreiben: Die Bezeichnungen „aus (kontrolliert) biologischer (ökologischer) Landwirtschaft“ oder „aus (kontrolliert) biologischem (ökologischem) Anbau (Landanbau)“ dürfen ausschließlich Bio-Produkte auf der Verpackung tragen. ACHTUNG! Hinweise wie: „aus naturnahem Anbau“, „aus umweltgerechter Landwirtschaft“ und „aus kontrolliertem Anbau“ haben hingegen nichts mit Bio zu tun.

Antioxidantien und Aromastoffe
Wissenschafter der britischen Universität Newcastle werteten 343 Studien zu den Inhaltsstoffen biologisch und konventionell angebauter Feldfrüchte aus. Danach weisen Bio-Produkte eine durchschnittlich 18 bis 69 Prozent höhere Konzentration an Antioxidantien auf, denen entzündungshemmende und das Krebsrisiko senkende Eigenschaften zugeschrieben werden. Ein höherer Vitamingehalt konnte hingegen nur in Ausnahmefälle nachgewiesen werden. Das Problem besteht in der Vergleichbarkeit, meint die Diätologin Birgit Brunner: „Denn die Inhaltsstoffe, etwa eines Apfels, sind von Sorte zu Sorte verschieden. Außerdem kommt es darauf an, wie der Boden beschaffen ist, wie reif der Apfel war, als man ihn gepflückt hat, wie lange er transportiert und gelagert wurde.“ Doch selbst wenn sich nicht jeder einzelne Inhaltsstoff in Öko-Lebensmitteln messen lässt, so sind sich die Experten doch weitgehend einig, wenn es um Geschmack und Güte geht. Der Wiener Bio-Bauer Markus Sandbichler betont: „Weil Bio-Obst und -Gemüse nicht mit Stickstoffdünger hochgepusht werden, sondern Zeit zum Wachsen haben, bilden sich die Aromastoffe in diesen Früchten besser aus.“ Bio-Landwirtschaft verzichtet zudem auf chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel. Natürliches Vorbeugen steht im Vordergrund. Sandbichler: „Durch die Wahl regionaler Sorten, gezielten Fruchtwechsel und Bodenversorgung mit organischem Material sind Bio-Pflanzen unempfindlicher gegen Krankheiten.“ Ein weiteres Plus: Pestizid- und Schwermetallrückstände und Wassergehalt sind deutlich geringer, was die Geschmacksstoffe umso konzentrierter macht.

Was in Bio wirklich steckt

Bio ist wirklich bio: Der Begriff Bio ist gesetzlich geschützt. Bio-Lebensmittel werden gentechnikfrei hergestellt. Im Bio-Landbau wird nicht nur beim Saatgut, sondern auch bei der Fütterung vollkommen auf Gentechnik verzichtet. Viele Zusatzstoffe, wie etwa künstliche Aromen oder synthetische Süßstoffe, sind bei der Verarbeitung von Bio-Lebensmitteln verboten. Und: Bio-Betriebe werden regelmäßig kontrolliert.

Bio ist weniger Chemie: Bio-Produkte enthalten weniger Pestizidrückstände; chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel sind verboten.

Bio ist gesund: In Bio-Lebensmitteln ist der Gehalt an gesunden Radikalfängern bis zu 69 % höher als in konventionellen. Radikalfänger oder auch Antioxidantien gennant, wirken gegen oxidativen Stress, der als mitverantwortlich für das Altern gilt und mit der Entstehung einer Reihe von Krankheiten in Zusammenhang gebracht wird.

Bio ist tiergerecht: Im Bio-Landbau profitieren die Tiere entsprechend ihren natürlichen Bedürfnissen von viel Bewegungsfreiheit im Stall und im Freien. Bio-Bauern und Tierärzte setzen nach Möglichkeit natürliche Heilmittel ein. Das Bio-Futter kommt überwiegend vom eigenen Hof.

Bio ist Umweltschutz: Mehr Artenvielfalt und Bodenfruchtbarkeit, deutlich geringere Emissionen sogenannter Treibhausgase, Verzicht auf chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel und schnelllösliche mineralische Düngemittel, Schonung von Grund- und Oberflächenwasser sowie geringer Verbrauch nicht erneuerbarer Energien sind wesentliche Merkmale. Auf Bio-Flächen werden deutlich mehr Pflanzenarten nachgewiesen, die durch Insekten bestäubt werden. Bio-Böden haben auch eine bessere Struktur mit vielen Bodenlebewesen.

Bio ist global wertvoll: Bio-Landbau kann die Erträge in Entwicklungsländern um bis zu 80 % steigern. Das zeigt eine Metastudie über Vergleichsversuche in 53 Ländern.

Bio macht den Unterschied
Ökofreaks finden sich auch unter Vierbeinern: Wenn man Tiere zwischen konventionellem und „grünem“ Futter wählen lässt, tendieren sie eindeutig zur Bio-Kost. Die Fütterung von Bio-Kühen mit kräuterreichem Gras und Heu sorgt zudem für eine besondere Zusammensetzung der Milch. „Sie enthält mehr Omega-3-Fettsäuren, die den Cholesterinspiegel im Blut positiv beeinflussen“, so Birgit Brunner. Auch bei Bio-Fleisch findet sich ein höherer Gehalt an Omega-3-Fettsäuren. Durch die artgerechte Haltung mit ausreichend Bewegung bilden sich feine Fettäderchen aus, die das Fleisch beim Zubereiten saftig halten. Leben Bio-Köstler also gesünder? „Ja und nein. Einerseits gibt es dazu noch keine aussagekräftigen Studien, weil nicht nur die Ernährung, sondern auch die restlichen Lebensumstände den Gesundheitsstatus beeinflussen. Andererseits sprechen einige Fakten für sich: So wird das Immunssystem beim langfristigen Genuss von Bio-Food gestärkt“, so Brunner. 

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