Sonntag, 16. Juni 2019

Kinder: Keine "kleinen Erwachsenen"

12. Mai 2006

Prägend. Mit der Durchtrennung der Nabelschnur findet die fundamentalste Ernährungsumstellung im Leben des Menschen statt: Während der Fetus "parenteral" über die Nabelschnur kontinuierlich mit niedermolekularen Nährstoffen versorgt wurde, muss das Neugeborene auf einmal durch aktives Saugen intermittierend mit makromolekularen Nährstoffen fertig werden. Die nachfolgenden ersten "Ernährungsjahre" sind besonders im Hinblick auf die Entstehung und Festigung von Essgewohnheiten sowie die körperliche und kognitive Entwicklung bedeutsam.


Wie wichtig die ersten Lebensjahre aus ernährungswissenschaftlicher Sicht sind, zeigt der Umstand, dass die meisten Vorlieben und Abneigungen gegenüber Lebensmittel bereits in den ersten zwei bis drei Lebensjahren geprägt werden und sich danach nur mehr wenig verändern. Das hat eine Longitudinalstudie des Nutrition Departments an der Universität von Tennessee ergeben.

Lernen am Modell
Dieselbe Untersuchung zeigt auch auf, welchen Einfluss die Essgewohnheiten der Mütter auf die Entwicklung des Ernährungsverhaltens ihrer Kinder haben. So sind beispielsweise jene Lebensmittel, die Kinder im Untersuchungszeitraum von fünf Jahren nie gekostet haben, meist auch jene, die die Mütter ablehnen – und die daher kaum auf den Familientisch kamen. Auch die Übereinstimmung jener Lebensmittel, die Kinder und Mütter bevorzugten oder ablehnten war signifikant. Kein Wunder: Kinder lernen sehr vieles durch Beobachtung, oder wissenschaftlich ausgedrückt durch "Lernen am Modell". Je jünger die Kinder sind, desto größer ist die Bedeutung von Eltern, Großeltern, Tanten oder älteren Geschwistern als Vorbilder. Für die Sprachentwicklung ebenso wie für das Bewegungsverhalten oder eben die Ess- und Trinkgewohnheiten.

Info zwischen den Zeilen:
Kinder lehnen neue Lebensmittel zunächst ab. Diese Reaktion ist angeboren und wird als "Neophobie" bezeichnet. In Studien konnte man feststellen, dass es zumindest zehn Anläufe braucht, bevor ein neues Lebensmittel gemocht wird. Interessant: Je mehr Geschmacksrichtungen ein Säugling bereits über Fruchtwasser und Muttermilch kennenlernt, umso weniger ausgeprägt ist die Neophobie. Daher: Abwechslungsreiche Kost in Schwangerschaft und Stillzeit bieten Kindern einen Startvorteil!

Kinder schmecken intensiver!
Säuglinge und Kinder besitzen noch deutlich mehr Geschmacksknospen auf Zunge und Gaumen als Erwachsene. Beträgt deren Anzahl bei der Geburt etwa 10.000, so reduziert sich diese im Laufe des Lebens auf etwa 2.000. Für die Praxis heißt das, dass Kinder deutlich intensiver schmecken als Erwachsene. Speisen, die Erwachsene als geschmacklich "langweilig" beschreiben würden, empfinden Kinder als würzig. Daher der eindringliche Apell, Speisen für Kinder oder gar Säuglinge nicht nachzuwürzen! Andernfalls kann der oben beschriebene "Trainingseffekt" zum Tragen kommen.

Flexible statt rigide Kontrolle
Viele Mütter können ein Lied davon singen: Gerade jene Lebensmittel, die "verboten" sind (Schokolade, Kekse, Kuchen, Chips, Cola …), genießen im Ansehen der Kinder besonders hohen Stellenwert. Und umgekehrt treiben die Lebensmittel, die man forciert, Kinder eher in die Flucht (Gemüse, Salat, …). Leider muss man an dieser Stelle sagen: Viele Mütter sind selbst daran schuld – obwohl ihnen das natürlich nicht bewusst ist.

Eine Lernaufgabe für Eltern, Großeltern, KindergartenbetreuerInnen und LehrerInnen der heutigen Zeit: Gewähren Sie Kindern mehr Platz für Eigenverantwortung beim Essen! Dass dieser Appell nicht unbegründet ist, zeigt folgendes Studienergebnis: Kinder jener Mütter, die besonders restriktiv über das Essverhalten Ihrer Sprößlinge wachten, aßen in unbeobachteten Situationen besonders viel und unkontrolliert. Angesichts der steigenden Prävalenz für Übergewicht und Adipositas bereits im Kindes- und Jugendalter ein bedenklicher Umstand. Daher gilt hin und wieder auch beim Essen: "Kinder an die Macht".


Quelle
forum.ernährung heute
www.forum-ernaehrung.at

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