Sonntag, 22. September 2019

„Ich vertrage kein Gluten"

Ausgabe 2014.11
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Ein Prozent der Bevölkerung ist bereits von der Dünndarmerkrankung namens Zöliakie betroffen, wesentlich mehr leiden an einer Unverträglichkeit gegenüber Getreide, ohne dass eine Zöliakie nachzuweisen ist. Was ist zu tun?


Foto: Can Stock Photo Inc. - Timmary

Immer mehr Menschen vertragen nicht mehr, was auf den Teller kommt. Unverträglichkeiten auf Weizen und andere Getreidesorten sind seit Jahren auf dem Vormarsch. Blähungen, Bauchschmerzen, Durchfall, Gewichtsabnahme, starke Müdigkeit nach dem Essen bis hin zur körperlichen und psychischen Erschöpfung sind typische Beschwerden, wenn der Körper nicht damit zurechtkommt, was wir ihm zuführen.

Echte Zöliakie. Die genannten Symptome sind typisch für die inzwischen in der Bevölkerung gut bekannte Erkrankung namens Zöliakie. Es handelt sich dabei um eine chronisch entzündliche Dünndarmerkrankung, verursacht durch das Eiweiß Gluten, das in Weizen und anderen Getreidearten vorkommt. Der Darm reagiert bei Betroffenen auf das Gluten mit Entzündungen und in der Folge mit dem Abbau von Magenschleimhaut. Eine mangelhafte Verdauung führt zudem zu einer Mangelversorgung an Vitaminen und Spurenelementen.

Lebenslange Diät. Bei kleinen Kindern ist eine Zöliakie oft leicht zu bemerken, denn sie bekommen meist einen deutlich sichtbaren Blähbauch, obwohl sie an Gewicht verlieren. Erwachsene dagegen reagieren oft nur sehr unspezifisch mit Müdigkeit und Energielosigkeit. Die Medizin steht der Zöliakie weitgehend ratlos gegenüber. Es gibt keine Medikamente und keine Therapien, die hier helfen. Einzig eine lebenslange glutenfreie Ernährung ist der Ausweg, um beschwerdefrei zu leben und vor allem auch mögliche Folgeerkrankungen zu vermeiden. Denn Zöliakie kann sich zu einer schweren Krankheit mit Symptomen des Magen-Darm-Trakts (chronischer Durchfall, Gewichtsverlust) und anderen Gesundheitsproblemen wie Anämie, Osteoporose, Gelenkschmerzen, Dermatitis und neurologischen Symptomen entwickeln. „Gluten-Intoleranz führt bei stärkerer Darmwand-Schädigung auch zu versteckten Entzündungen im ganzen Körper. Neueste Studien zeigen schlimme Effekte auf viele Organsysteme wie Gehirn, Herz, Gelenke und Muskeln, Verdauungstrakt und mehr“, sagt Dr. Helmut Retzek, Allgemeinmediziner in Vöcklabruck.

GlutensensitivitätohneZöliakie. All diese Probleme könnten sich in den nächsten Jahren noch weiter ausbreiten, da immer mehr Fälle von Glutenunverträglichkeit auftreten, ohne dass man eine Zöliakie diagnostizieren kann. Man spricht dabei von einer Glutensensitivität (oder einer Glutensensitivität ohne Zöliakie oder einer Unverträglichkeit ohne Zöliakie). Alle drei Begriffe meinen dasselbe Syndrom. Dr. Retzek: „In den letzten Jahren war ein starker Anstieg dieser Unverträglichkeit zu erkennen. Immer wieder berichteten mir Patienten von einer deutlichen gesundheitlichen Verbesserung, wenn sie auf Gluten verzichteten. Neue wissenschaftliche Studien zeigen einen erschreckenden Zusammenhang zwischen Weichweizen-Gluten mit einer Vielzahl von unterschiedlichen Erkrankungen, mit denen man nicht rechnen würde: Autoimmun-Erkrankungen wie die Hashimoto Schilddrüsenentzündung, Angststörungen, Depressionen, ADS, multiple Sklerose und viele mehr. Man kennt mittlerweile 55 Krankheiten, die mit Gluten in Verbindung gebracht werden. Das Schlimme ist, dass nur ein Prozent der Betroffenen von ihrer Gluten-Überempfindlichkeit weiß.“ Medizinisch ist noch vieles ungeklärt. Klar sind lediglich die Auswirkungen: Bei einer Glutensensitivität klagen Patienten über ähnliche Symptome wie bei einer Zöliakie. Der Unterschied: Lässt sich der Patient mit Standard-Tests auf Zöliakie abtesten, fällt das Urteil negativ aus: „Keine Zöliakie“. Was den Betroffenen freilich nicht weiterbringt, denn seinem Darm ist ein medizinisches Urteil herzlich egal, er rumort bei jedem Bissen Pizza, Brot oder Nudeln. Die Beobachtung, dass auch Patienten ohne Zöliakie heftig auf Gluten reagieren, führte vor einem Jahr zu einem bemerkenswerten Experten-Statement. 15 internationale Experten veröffentlichten ein Konsenspapier, das erstmals drei verschiedene Krankheitsbilder unterschied: Zöliakie, Weizenallergie und Glutensensitivität ohne Zöliakie.
Schwierige Diagnose. Um herauszufinden, ob eines der drei Krankheitsbilder vorliegt, empfehlen die Autoren des Konsenspapiers, folgendermaßen vorzugehen:

  • Zunächst sollte man untersuchen, ob eine Zöliakie vorliegt. Eine hundertprozentige Diagnose ergibt sich einzig aus einer Gewebsentnahme aus dem Dünndarm.
  • Zweitens wird nach einer Weizenallergie gefahndet (IgE-Serum-Assay oder Haut-Pricktest auf Weizen).
  • Trifft beides nicht zu, bleibt der Verdacht auf Glutensensitivität (ohne Zöliakie).

 

Diagnose bei vermuteter Sensitivität auf Gluten. Verdacht schöpfen sollte man jedenfalls bei den typischen Symptomen, die auch bei einer Zöliakie auftreten: bleierne Müdigkeit nach dem Essen, Blähungen, Bauchschmerzen, Durchfall. „Als Folge der vom Darm eingeschleppten Entzündungen wird oft die Leber funktionsschwach, bemerkbar durch Beschwerden wie Nachmittagsmüdigkeit und Schlaflosigkeit um 4 Uhr früh, schlechte Verträglichkeit von Kaffee oder Alkohol. Bei vielen Erkrankungen, wie z. B. der Schilddrüsen-Entzündung, würde man aber nie an eine Empfindlichkeit gegen Gebäck denken“, so Dr. Retzek. Ob diese Beschwerden durch eine Unverträglichkeit ausgelöst werden, ist alles andere als einfach zu diagnostizieren:

  • IgG4-Test (mittels Blutabnahme): „offiziell“ nicht als Allergietest anerkannt, dessen Ergebnisse korrelieren aber meistens gut mit den Beschwerden.
  • Antikörpertest: Transglutaminase-IgA
  • Ein einfacher Test besteht in einer Rotationsdiät: Dabei ernährt man sich drei Tage lang völlig glutenfrei, am vierten Tag isst man wieder glutenhaltige Speisen. Liegt eine Unverträglichkeit vor, reagiert der Körper dabei unmittelbar und heftig.

 

Übersicht zu diesem Artikel:
Seite 1 „Ich vertrage kein Gluten"
Seite 2 Schleichender Prozess

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