Samstag, 23. Februar 2019

Essstörungen: Keine harmlosen Marotten

12. Mai 2006

Essphobie. "Ich esse keine Suppe! Nein! Nein, meine Suppe ess' ich nicht!" Wer kennt sie nicht, die Geschichte vom Suppenkaspar aus dem Kinderbuch "Der Struwelpeter" von Heinrich Hoffmann, erschienen im Jahre 1845. Wahrscheinlich eine der ersten Darstellungen von Magersucht in der Literatur. Heutzutage stellen Essstörungen in industrialisierten Ländern ein zunehmendes Gesundheitsproblem dar. Die Ursachen liegen meist im persönlichen, familiären und sozialen Bereich, die Entstehungsgründe sind vielfältig und individuell sehr unterschiedlich.


Essstörungen sind nach wie vor Frauenkrankheiten. Die Rolle der Frau in der heutigen Gesellschaft und widersprüchliche Rollenerwartungen haben diesbezüglich großen Einfluss. Zwar sind auch Männer davor nicht gefeit, doch die Prävalenz ist gering. Laut dem Innsbrucker Netzwerk Essstörungen kommt auf 10 bis 30 betroffene Frauen ein Mann. Die Krankheiten verlaufen bei Männern zwar ähnlich wie bei Frauen, doch erschwerend kommt das Stigma hinzu, an einer "typischen Frauenkrankheit" zu leiden.

Was fällt unter Essstörungen?
In der Literatur findet man keine einheitliche Definition. Die Deutsche Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) zählt folgende Störungen dazu:
  • Latente Esssucht
  • Magersucht (Anorexie)
  • Ess-Brech-Sucht (Bulimie)
  • Binge Eating Disorder ("Bulimie ohne gegensteuernde Maßnahmen")

Einige Experten, wie etwa das Institut für Sozialmedizin der Medizinischen Universität Wien reihen auch eine relativ junge Form von krankhaftem Essverhalten darunter: Orthorexie – krankhaftes Gesundessen.
Wie auch immer die Detaildefinitionen lauten, klar ist, dass die Betroffenen eine psychische Störung aufweisen, die sich unter anderem in abnormalem Essverhalten äußert. Die erste Hürde ist jedoch schon die Beschreibung von "normalem" Essverhalten. Wer is(s)t normal? Am ehesten könnte man darunter verstehen, dass Menschen das essen, was sie essen möchten. Wer auf seine Hunger- und Sättigungssignale hört, mit Lust und Genuss isst sowie Essen nicht als Problemlöser benutzt, hat wahrscheinlich ein weitgehend gesundes Verhältnis zum Essen und Trinken.
Personen, die unter Essstörungen leiden, weisen meist ein gestörtes Selbstwertgefühl, niedriges Selbstvertrauen und Störungen der eigenen Identität auf. Das eigene Gewicht, die Figur und das Essverhalten dienen dazu, mit diesen Defiziten umzugehen. Denn der eigene Körper lässt sich in der Regel einfacher kontrollieren als soziale Beziehungen. Essstörungen sind somit Lösungsversuche für tieferliegende seelische Probleme. Die Krux an der Sache: Hungern oder Essen können die Symptome zwar kurzfristig bessern, die Betroffenen erleben Sicherheit und Selbständigkeit. Aber weil es sich um eine Kurzzeitbefriedigung handelt, sind Wiederholungen nötig. Dadurch erhält die Essstörung eine Eigendynamik und gerät mit der Zeit außer Kontrolle. Die Betroffenen fühlen sich dem wahllosen In-sich-Hineinstopfen oder der Verweigerung von Essen regelrecht ausgeliefert.

Der Weg zurück: Therapie
Der wichtigste Schritt zur Behandlung von Essstörungen ist die Krankheitseinsicht der Betroffenen. Denn ohne ihre Zustimmung greift keine Therapie. Die PatientInnen sollten zudem akzeptieren, dass Therapien langfristige Prozesse sind, die an das Erkrankungsstadium und die Betroffenen individuell angepasst werden müssen. Stationäre Behandlungen sind in der Regel nur bei schweren körperlichen Problemen und schwierigen sozialen Rahmenbedingungen notwendig. Bei aller Zuversicht muss man aber auch realistisch bleiben: Ein Teil der Erkrankten wird sich einem normalen Essverhalten nur annähern, es aber nie erreichen. Nur bei einem Viertel der Betroffenen ist die Behandlung tatsächlich dauerhaft erfolgreich.

Links und Ansprechpartner bei Essstörungen als pdf

Links zu Essstörungen



Quelle
forum.ernährung heute
www.forum-ernaehrung.at

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