Montag, 30. März 2020

Essen als Medizin - Dinkel als Hauptakteur

Ausgabe 2020.03
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Dinkel als Hauptakteur

Zusammengefasst unterschied Hildegard von Bingen gute, neutrale und schlechte Lebensmittel. „In der Hildegard-Heilküche ist der Dinkel die wichtigste tägliche Medizin und somit auch ihre Basisernährung“, erläutert Martin. Laut von Bingen ist Dinkel das beste Getreide, weil er warm, fett und kräftig und milder als andere Getreidesorten ist. Er kräftigt und verleiht ein frohes Gemüt. Das Dinkel-Feinmehl ist genauso gesund wie das Vollkornmehl oder der grobe Dinkelschrot, auch auf die Art der Zubereitung kommt es nicht an. In Maßen empfiehlt von Bingen sogar den Genuss von Dinkelbier. Martin: „Der Dinkel hat alles, was der menschliche Organismus braucht, um gesund zu bleiben. Er hat nicht nur lebensnotwendige Inhaltsstoffe wie Eiweiß, essenzielle Fette, komplexe Kohlenhydrate, lösliche und unlösliche Ballaststoffe, Vitamine und Spurenelemente, sondern auch wichtige sekundäre Pflanzenstoffe.“ Zudem ist Dinkel wasserlöslich und ruft keine Allergien hervor. Als Therapie eignet er sich besonders bei allen sogenannten Zivilisationskrankheiten wie zum Beispiel Diabetes, Leberbeschwerden oder Bluthochdruck. Auch Betroffene von Magen-Darm-Erkrankungen, Neurodermitis oder Schuppenflechte sprechen gut auf Dinkel an. „Dinkel ist der Hauptakteur in der Medizinküche von Hildegard!“

Heilende Nahrungsmittel
Die Heilküche von Hildegard von Bingen basiert stets auf frischen, saisonalen und regionalen Produkten. Zu den Grundnahrungsmitteln gehören neben Dinkel außerdem: Fenchel, Hafer, Honig, Karotten, Quitte, Kichererbsen, Bohnen, Kren, Rettich, Rohrohrzucker, Kürbiskernöl, Weinessig, Maroni und Butter aus Kuhmilch (in Maßen). Schlanke und muskulöse Personen sollten zu Hartkäse greifen, für übergewichtige Personen empfiehlt die Klostermedizinerin eher Weichkäse. Im Allgemeinen sind Käsesorten und Topfen von der Ziege jenen von der Kuh zu bevorzugen. Helles Fleisch, Lamm, Rind, Wild und Ziege sind genauso Teil des von-Bingen-Speiseplans wie diverse Fischsorten (zum Beispiel Bachforelle, Dorsch, Hecht, Barsch, Zander und Kabeljau). Bei den Früchten empfiehlt von Bingen unter anderem Äpfel, Himbeeren, Brombeeren, Kirschen, Weintrauben, Zitrusfrüchte und Datteln. Auch Avocado, Zucchini, Wurzelgemüse, Pilze, Spinat und Knoblauch spielen eine wichtige Rolle, genauso wie Hülsenfrüchte und Nüsse. Bei den Ölen dominieren Kurbiskernöl, kalt gepresstes Olivenöl sowie kalt gepresstes Sonnenblumenöl. Wie generell in der Traditionellen Europäischen Medizin nehmen Gewürze aller Art auch bei der Heilküche von Hildegard von Bingen einen großen Stellenwert ein. Im Bereich der Getränke empfiehlt die Äbtissin Naturquellwasser, Tee (Fenchel, Hagebutte, Salbei), Ziegenmilch, Dinkelkaffee sowie Rotwein in Maßen.

Küchengifte
Hildegard von Bingen gibt einem also viele kulinarische Möglichkeiten, sich durch ein gesundes Schlaraffenland zu schlemmen – die Frage, „was man überhaupt noch essen soll“, stellt sich hier also nicht! Trotzdem gibt es einige Lebensmittel, die von der Klostermedizinerin als „Küchengifte“ beschrieben werden und die man während einer von Bingen-Therapie weglassen sollte: Darunter fallen Kaffee, Schwarztee, Weißwein, Liköre und Schnaps, Bier, Getränke mit Kohlensäure, rotes Fleisch, Wurstwaren, Kohlgemüse, Jodsalz, Erdbeeren, Lauch, Zwetschken, Pfirsiche und Rohkost im Allgemeinen, „denn diese führt zu Durchblutungsstörungen und Gedächtnisverlust“, erklärt Martin. Auch alle anderen genannten „ungünstigen Nahrungsmittel“ wirken sich jeweils negativ auf die menschliche Gesundheit aus. Rotes Fleisch beispielsweise stört den Hormonhaushalt, Lauch begünstigt Rheuma und Erdbeeren führen zu Allergien und Ekzemen.

Die Gewürzküche à la Hildegard von Bingen

Basilikum: bei Völlegefühl, Blähungen, Magenkrämpfen, Migräne

Bärlauch: bei Bluthochdruck, Leber- und Gallenbeschwerden, Magen- und Darm-Reinigung

Brennnessel: bei Rheuma, Gicht, Gedächtnisschwäche

Eisenkraut: bei schlecht heilenden Wunden, Abszessen, Nervenschmerzen

Gundelrebe: bei Bronchitis, Ohrensausen

Königskerze: bei Rachen- und Halsentzündungen

Liebstöckel: bei Verstopfung, Blähungen, Schilddrüsenüberfunktion

Schafgarbe: bei Zahnschmerzen, Neurodermitis, Schuppenflechte

Veilchen: bei Augentrübung, Hämatom, Verstopfung

Ysop: bei Depressionen, Leber- und Lungen-Reinigung

Gesunde Zusatz-Tipps
Abgesehen von der Wahl der Nahrungsmittel hat von Bingen noch andere wertvolle Tipps für all jene parat, die ihre Gesundheit mithilfe der Ernährung unterstützen wollen: Was die Zubereitungsart der Mahlzeiten betrifft, empfiehlt sie, die Speisen zu kochen, zu garen oder zu braten (zusätzlich rät Martin auch strikt von der Verwendung einer Mikrowelle ab). Das Frühstück sollte möglichst spät zu sich genommen und immer warm sein, um den Magen zu wärmen und auf die Herausforderungen des Tages vorzubereiten. Überraschenderweise hat die Äbtissin nichts gegen ein Abendessen zu später Uhrzeit einzuwenden, rät aber vorm Zu-Bett-Gehen zu einem ausgedehnten Verdauungsspaziergang. Im Sommer sollte weniger, im Winter dafür mehr und üppiger gegessen werden, um den Organismus zu stärken. Sowohl das Essen als auch die Getränke sollten stets Raumtemperatur haben – denn isst man im Sommer zu warm, begünstigt das laut von Bingen Gicht, zu kalte Speisen wiederum schaffen Schwerfälligkeit. Ein kurzes Mittagsschläfchen ist genauso empfehlenswert wie eine schöne Optik der Speisen, die übrigens stets wohlschmeckend sein müssen – denn all diese Aspekte tragen ebenso zur heilenden Wirkung der Nahrungsmittel bei.

Individualität
Grundlegend bei der Medizinküche von Hildegard von Bingen ist es, das rechte Maß zu halten: So zum Beispiel sollte immer nur dann gegessen werden, wenn man wirklich hungrig ist, von kleinen Zwischenmahlzeiten hält die Klostermedizinerin nichts. Auch trinken sollte man zu den Mahlzeiten nur in Maßen. Und, ganz entscheidend: „Die Küche von Hildegard ist individuell!“, betont Martin. „Aufgrund der einzigartigen Elemente-Mischung und Säftezusammensetzung bestimmt sich der Konstitutionstyp des Einzelnen. Man sollte demzufolge jeden Menschen als Individuum sehen. Ein sehr sensibler Mensch, der viel vom Element Luft hat, benötigt beispielsweise bei der Wahl der Lebensmittel etwas, was ihn erdet. Das wären in diesem Falle Wurzelgemüsesorten wie Karotten, Pastinaken, Süßkartoffeln etc.“ Die Hildegard-von-Bingen-Heilküche eignet sich übrigens sehr gut für den Alltag, betont Martin, denn „sie ist einfach und die Gerichte sind schnell zubereitet. Dinkelreis zum Beispiel eignet sich als Basis für gleich drei Gerichte mit großem Heilwert.“ Ein starres System ist der VonBingen-Ernährungslehre fremd, vielmehr setzt sie auf Flexibilität: „Wenn ich weiß, was meinem Körper guttut, dann kann ich meine gewohnten Speisen mehr oder weniger beibehalten und im Bedarfsfall die eine Zutat gegen die andere austauschen. Schon habe ich aus einer Mahlzeit, die nur meinen Magen füllt, ein Essen als Medizin gemacht.“ Jutta Martins persönliche Hildegard-Lieblingsrezepte sind übrigens Dinkelspaghetti mit Zucchinisauce, verfeinert mit ohne Fett gerösteten Mandelblättchen oder Pinienkernen, sowie der Rote-Rüben-Aufstrich mit Marillen. In diesem Sinne: einen buchstäblich gesunden Appetit!

Übersicht zu diesem Artikel:
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