Freitag, 24. Mai 2019

Diäten: Dick im Geschäft

08. März 2006
Fett weg. Gibt man auf der Seite des Internet-Buchhändlers "Amazon" das Schlagwort "Diät" ein, so erhält man über 1.700 (!) Treffer. Der Markt für Ratgeber zum Thema Abnehmen boomt wie nie zuvor. Kein Wunder: Die Zahl der Übergewichtigen steigt stetig, wie aktuelle Ernährungsberichte dokumentieren. Im Gegensatz dazu ist das in Modezeitschriften dargestellte Schlankheitsideal gewichtsmäßig fernab der Realität: 70 % der Centerfold-Models eines Männermagazins weisen einen BMI unter 18,5 auf! Welche Diät gerade "in Mode" ist, scheint übrigens weniger von deren Erfolgsaussichten als von deren Marketingstrategie abzuhängen. Nachweisbare Langzeiterfolge können nur in den seltensten Fällen nachgewiesen werden.

Irrglaube der zeitlich begrenzten Maßnahmen

Das Grundproblem der meisten Diätgeplagten ist die Ansicht, dass eine zeitlich begrenzte Diät zum dauerhaften Gewichtserfolg führen kann. Oft nach dem Motto "Je exotischer die Diät, desto wirksamer muss sie sein". So lange das in den Köpfen der Betroffenen verankert ist, sind Änderungen der Ess- und Bewegungsgewohnheiten über kurz oder lang zum Scheitern verurteilt. Warum das so ist, erklärt unter anderem ein Modell aus der Psychologie: das Transtheoretische Modell. Kern dieses Modells ist die Erkenntnis, dass erfolgreiche Selbstveränderung ein langfristiger Prozess ist, der in sechs Stufen verläuft:

  1. Abwehren: Das Problem ist vorhanden, aber die Betroffenen sehen noch keine Notwendigkeit, sich zu verändern.
  2. Bewusstwerden: Vor- und Nachteile der Maßnahmen werden abgewogen.
  3. Vorbereiten: Man konzentriert sich jetzt mehr auf die Lösung als auf das Problem.
  4. Handeln: Endlich geschieht etwas, allerdings kommt es hier auch am häufigsten zu Rückfällen.
  5. Dranbleiben: Erfolgreiche haben im Schnitt fünf Anläufe zur Veränderung hinter sich.
  6. Stabilisieren: Nicht alle erreichen diese Stufe, für viele wird "Dranbleiben" zum Dauerzustand.

Der Reiz des Verbotenen
Zahlreiche Diät-Konzepte arbeiten mit Schwarz-Weiß-Malerei: Es wird in "erlaubte" und "verbotene" Lebensmittel eingeteilt. Dabei gibt es die unterschiedlichsten Ausprägungen, wie dieses Beispiel zeigt: Bei Atkins sind kohlenhydratreiche Lebensmittel verboten, bei der Kartoffeldiät soll man sich mit Kohlenhydraten satt essen, die LOGI-Methode (Low Glycaemic Index) setzt auf "die richtigen" Kohlenhydrate und für Dr. Hay, den Erfinder der Trennkost, war lediglich die Trennung von Kohlenhydraten und Eiweiß wichtig.
Doch Verbote und rigide Strategien haben gleich mehrere Nachteile. Wie Studien (mit Kindern) zeigen, erlangen "verbotene" Lebensmittel nach kurzer Zeit den Status des "Besonderen", das Verlangen danach steigt, der Rückfall ("Sündenfall") ist vorprogrammiert - und damit meist das Ende des Diätregimes. Dazu kommen unrealistische Ziele ("5 Kilo in 2 Wochen", "Ab morgen wird alles anders"…). Selbst wenn es tatsächlich gelänge, eine Lebensmittelgruppe langfristig vom Speiseplan zu verbannen, so würde daraus gleichzeitig die Gefahr einer Unterversorgung mit bestimmten Nährstoffen resultieren. Ziel sollte daher immer eine ausgewogene, abwechslungsreiche Auswahl aus allen Lebensmittelgruppen sein. Wobei der Fokus auf Lebensmittel mit hoher Nährstoff-, aber geringer Energiedichte liegen soll.


"Durchhalten" lautet die Devise
Wer nur zwei, drei Kilo Feiertagsspeck verlieren möchte, der mag mit einer der gerade aktuellen Trend-Diäten durchaus zum Ziel kommen. Allerdings ist es dabei ziemlich egal, welches Diätkonzept man dafür wählt. Das ergab zumindest die Untersuchung einer Wissenschaftlergruppe am Tufts-New England Medical Center in Boston (USA). 160 übergewichtige und adipöse Probanden (BMI 27 – 42) wurden nach dem Zufallsprinzip einer der folgenden vier Diätformen zugeteilt: Atkins-Diät (kohlenhydratarm, Fette uneingeschränkt erlaubt), Ornish-Diät (max. 10 % Fettanteil), Weight Watchers (Kalorienbegrenzung nach Punktesystem) oder Zone-Diät (Kohlenhydrate/Fette/Eiweiß im Verhältnis 40/30/30). Nach einem Jahr war der durchschnittliche Gewichtsverlust in allen vier Diät-Gruppen ähnlich (ca. 3 kg). Der Erfolg der Gewichtsreduktion war demnach nicht von der durchgeführten Diätform abhängig, sondern vom Durchhaltevermögen der Teilnehmer. Je länger sich die Probanden an die Diätvorgaben hielten, desto erfolgreicher konnten sie ihr Gewicht reduzieren.

Bewegungsmuster
Wer abnehmen will, muss sich mehr bewegen. Das klingt nicht nur nachvollziehbar, sondern ist auch gut belegbar. Die körperliche Aktivität wird als Vielfaches des Grundumsatzes ausgedrückt. Der Fachterminus lautet Physical Activity Level (PAL).
Expertenanalysen weisen darauf hin, dass erst ab einem PAL-Wert von über 1,7 ein Energieverbrauch erreicht wird, der langfristig ein erfolgreiches Gewichtsmanagement (im Sinne einer Gewichtsstabilisierung) ermöglicht. Energieverbrauchswerte unter PAL 1,7 können in der heutigen Überflussgesellschaft zu schnell durch Essensaufnahme kompensiert werden. Insbesondere wenn dabei energiedichte Lebensmittel bevorzugt werden, ist der Energieverbrauch kompensiert, noch bevor die Sättigungsmechanismen greifen.
Personen mit einer sitzenden Berufstätigkeit und damit einem PAL von 1,5 müssten demnach in ihrer Freizeit täglich mindestens 45 Minuten körperlich aktiv sein um einer Gewichtszunahme vorzubeugen. Aber keine Angst: damit sind auch Alltagsaktivitäten, wie vermehrtes Treppensteigen oder Wege zu Fuß gemeint. Umso wichtiger ist ein Bewegungsprogramm, wenn man Gewicht abnehmen möchte. Dabei macht es mehr Sinn, Bewegung in Alltagsaktivitäten zu integrieren (Treppe statt Lift, Fahrrad statt Auto, im Gehen telefonieren, TV-Fernbedinung verräumen,…), als isolierte Sportprogramme zu absolvieren. Die Wahrscheinlichkeit, dass erstere im Alltag langfristig beibehalten werden ist größer.

Kennzeichen sinnvoller Diäten
Wenn schon auf eine Diät gesetzt wird, dann sollten zumindest einige Qualtiätskriterien erfüllt werden. Sinnvolle Konzepte beinhalten zumindest folgende Elemente:
  • Realistische Zielvorgaben: max. 0,5 – 1,0 kg Gewichtsverlust pro Woche
  • Abwechslungsreiche, ausgewogene Lebensmittelauswahl – keine strikten Verbote
  • Bewegungsprogramm, mit Fokus auf Steigerung der Alltagsaktivitäten
  • Elemente aus der Verhaltensmodifikation
  • In schweren Fällen (im wahrsten Sinn des Wortes) psychologische oder psychotherapeutische Begleitung


Quelle
forum.ernährung heute
www.forum-ernaehrung.at

Aktuelle Ausgabe & E-Paper


cover 2019-05 130x173

Aktuelles Heft 05/2019

Die nächste Ausgabe erscheint am 7. Juni

 

Unsere Ausgabe 04/2019 als E-Paper Lesen!

Aktuelle Online Umfrage

Wie informieren Sie sich über Nebenwirkungen von Medikamenten?

Kontakt

  • Gesünder Leben Verlags GmbH
  • Johann Strauss Gasse 7/2/5
  • 1040 Wien, Österreich

Information