Wie emotional intelligent bin ich?

Ausgabe 2014.10

Intelligenz allein macht uns weder erfolgreich noch glücklich. Mindestens genauso wichtig ist die emotionale Intelligenz (EQ). Wir zeigen, weshalb das so ist. Und wie Sie Ihren EQ bestimmen können.


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Kennen Sie den Marshmallow-Test? Wenn nicht, googeln Sie auf Ihrem Computer einmal „Marshmallow YouTube“ – Sie werden sich köstlich amüsieren. Vor allem aber steckt dahinter eine Erkenntnis im Hinblick auf die emotionale Intelligenz. Der US-amerikanische Persönlichkeitspsychologe Walter Mischel, übrigens ein gebürtiger Wiener, fand dabei heraus, von welcher enormen Bedeutung die Fähigkeit, „Belohnungen aufzuschieben“, für den akademischen, emotionalen und sozialen Erfolg einer Person ist. Bereits zwischen 1968 und 1974 führte Mischel dieses Experiment mit Kindern aus der Vorschule des Stanford Campus durch. Die zumeist Vierjährigen wurden mit dem „süßen Objekt der Begierde“ allein gelassen, jedoch nicht, ohne sie zuvor vor die Wahl zu stellen: Entweder sie essen das Marshmallow sofort, oder aber sie warten 15 Minuten, bis der Versuchsleiter wieder zurückkommt und ihnen zur Belohnung ein zweites Stück Mäusespeck bringt. Nachbeobachtungsstudien Anfang der 1980er-Jahre zeigten, dass jene Kinder, die im ursprünglichen Experiment warten konnten, später kompetenter in schulischen und sozialen Bereichen waren, besser mit Frustration und Stress umgehen sowie Versuchungen widerstehen konnten und überdies eine tendenziell bessere schulische Leistungsfähigkeit aufwiesen. „Der Marshmallow-Test verdeutlicht, wie wichtig es ist, die eigenen Emotionen so beeinflussen zu können, dass sie beim Erreichen von Zielen helfen“, weiß Dr. Bardia Monshi, Gründer des Instituts für Vitalpsychologie in Wien. Es geht in diesem Versuch also um Fähigkeiten wie Impulsbremsung, Selbstberuhigung und Selbstmotivation. Diese Fähigkeiten sind wesentliche Aspekte emotionaler Intelligenz, aber vor allem sind sie ausschlaggebend dafür, ob wir beruflich und privat erfolgreich und zufrieden sind.

Wo liegen meine emotionalen Potenziale?

Dr. Bardia Monshi und sein Team haben Fragen zusammengestellt, anhand deren man Aspekte der eigenen emotionalen Intelligenz reflektieren kann. Stellen Sie sich folgende Fragen und erkennen Sie Ihre Potenziale!

Empathisches Vermögen
• Ich beobachte sehr genau, wie sich Menschen verhalten und fühlen.
• Menschen kommen gerne zu mir, wenn sie Probleme haben.
• Ich achte darauf, was ich mit Worten und Taten bei anderen auslöse.
Entwicklungsmöglichkeiten: Beobachten Sie Menschen und achten Sie auf minimale Änderungen der Mimik. Beschäftigen Sie sich mit Körpersprache.

Selbstberuhigungskompetenz
• Mein Perfektionismus macht mir immer wieder mal zu schaffen.
• Kritik geht mir sehr nahe und geht mir lange nach.
• Ich ertappe mich immer wieder beim Grübeln, auch wenn ich das gar nicht möchte.
Entwicklungsmöglichkeiten: Erlernen Sie Entspannungstechniken (insbesondere Achtsamkeitspraxis).

Selbstmotivation
• Anfallende Aufgaben erledige ich am liebsten sofort.
• Ich kann mich für fast jede Aufgabe begeistern.
• Ich bin jemand, der Gelegenheiten am Schopf packt, um seine Ziele zu erreichen.
Entwicklungsmöglichkeiten: Entwickeln Sie ein inneres, begeisterndes Zielbild, dem Sie sich gerne annähern. Gestalten Sie Ihre Vorhaben so, dass Sie positive Emotionen dabei haben – nur diese unterstützen die Tatkraft.

Selbstbremsung
• Bevor ich spreche, denke ich nach, wie und was ich sagen soll.
• Ich kann Versuchungen und Ablenkungen gut widerstehen.
• Wenn es nötig ist, plane ich gewissenhaft, bevor ich vorschnell handle.

Entwicklungsmöglichkeiten: Gezielte Planung und Innehalten hilft Menschen, die zu impulsiv handeln. Achten Sie darauf, dass die innere Bremse nicht hemmend wirkt.


 

Erfolg durch Empathie. Emotionale Intelligenz wird laut Dr. Daniel Goleman, US-amerikanischer Psychologe, Wissenschaftsjournalist und Autor des 1995 erschienenen Bestsellers „EQ. Emotionale Intelligenz“, durch mehrere Faktoren definiert. Vor allem bedarf es der Grundlage aller Menschenkenntnis: der Empathie, also der Fähigkeit und Bereitschaft, Gedanken, Emotionen, Motive und Persönlichkeitsmerkmale einer anderen Person zu erkennen und zu verstehen. Und je empathischer wir sind, umso besser sind unsere Beziehungen, denn bei zwischenmenschlichen Kontakten spielt es eine wesentliche Rolle, wie gut man die Gefühlsregungen des anderen entschlüsseln kann. Speziell berufliche Erfolge seien sozial getriggert, sagt Monshi: „Eine Führungskraft erhält erst durch ihre Mitmenschen ihre Führungsposition. Je besser Sie sich in Ihr Gegenüber einfühlen und gute Gefühle vermitteln können, desto mehr Vertrauen bekommen Sie geschenkt und umso erfolgreicher werden Sie von den anderen gemacht.“ Abgesehen von der zwischenmenschlichen Ebene spiegelt sich emotionale Intelligenz insbesondere auf der Ebene der eigenen Gefühle wider. Sie zeigt sich dadurch, dass wir unsere Emotionen erkennen, verstehen, akzeptieren und derart beeinflussen können, dass sie unserer Selbstverwirklichung dienen können. Hierbei handelt es sich um Fähigkeiten, die wir im Laufe unserer Entwicklung erlernen. Psychologe und Coach Monshi: „Kinder können in den ersten Lebensjahren anfangs nicht genau sagen, warum ihnen etwas weh tut, warum sie traurig sind, weinen oder schreien. Erst mit der Zeit lernen sie, eine Verbindung herzustellen zwischen dem Auslöser eines Gefühls und dem Gefühl selbst.“ Entscheidend dabei seien vor allem emotional kompetente Bezugspersonen: „Je besser diese sich in das Kind einfühlen und dann gemeinsam mit dem Kind seine Gefühle entschlüsseln können, umso emotional intelligenter wird es.“ Emotionale Intelligenz wird also von einem sozial intelligenten Umfeld gefördert.

Im Fluss der Emotionen. Emotionale Intelligenz ist auch durch die Fähigkeit gekennzeichnet, zwischen positiven und negativen Emotionen zu wechseln, wobei damit nicht das berühmt-berüchtigte Wechselbad der Gefühle heraufbeschworen werden soll. Das Ziel ist vielmehr, mit dem Guten und Schlechten gleichermaßen umgehen zu lernen, da dies ein zentraler Glücksfaktor ist. „Gefühle haben die Aufgabe, unseren Fokus auszurichten“, sagt Bardia Monshi. So führen negative Emotionen dazu, dass wir unseren Gefahrenfokus aktivieren, Unstimmigkeiten erkennen und Probleme analysieren. Diese Grübeleien können belastend sein, wenn wir aus unserem negativen Gefühl und unserer Problemfokussierung nicht herausfinden. Um Rückschläge oder belastende Situationen und damit einhergehende Grübeleien zu überwinden, bedarf es der Fähigkeit, sich selbst zu beruhigen und negative Gefühle, wie Angst, Gereiztheit, Enttäuschung oder Kränkung zu mildern. Wenn wir das schaffen, wächst unser Erfahrungsschatz, und wir entwickeln uns. Umgekehrt gilt: Wer ausschließlich positiv und optimistisch ist, hemmt sein Entwicklungspotenzial, weil er Optimierungsmöglichkeiten nicht wahrnimmt. Monshi: „Es ist wichtig, zu gegebener Zeit mutig sich selbst zu konfrontieren und sich einzugestehen, dass nicht alles eitel Wonne ist. Wer es dann schafft, sich zu beruhigen, ohne zu verdrängen, und darauf aufbauend erste Schritte zu setzen, entfaltet sich.“

Fürs Leben lernen wir. Sich Ziele zu setzen, diese umzusetzen und nicht dem inneren Schweinehund zu erliegen, braucht Selbstmotivation. Auch hier geht es laut Monshi um ein intelligentes Wechselspiel der Gefühle: „Zuerst muss ein Ziel, das nicht sofort erreichbar ist, ins Absichtsgedächtnis gelangen. Wir haben unser Ziel dann gewissermaßen im Hinterkopf. Interessant dabei: Die Umsetzung muss zunächst gehemmt werden.“ Doch damit die Ziele nicht im Hinterstübchen verstauben, muss die zuvor aufgebaute Handlungsbremse gelöst werden, und dafür brauchen wir wiederum die Fähigkeit, positive Emotionen zu aktivieren und in Begeisterung wechseln zu können – und zwar in den Momenten, in denen sich ein umsetzbarer Schritt ermöglicht. „Wenn Sie für Ihr Gesundheitsziel keine Begeisterung empfinden, wird es sehr schwierig, weil Sie die Umsetzungsgelegenheiten nicht nützen werden“, so Monshi. Je emotional kompetenter wir also unsere Gefühle ansteuern können, umso eher erreichen wir nicht nur ein Ziel, sondern verwirklichen auch Ziele, die uns selbst entsprechen. Diese Form der emotionalen Innenregulation ist schließlich die höchste Form der emotionalen Intelligenz und Voraussetzung, dass wir mit unseren Mitmenschen emotional intelligent kooperieren.


 

Interview

Kraftquellen der emotionalen Intelligenz

Dr. Bardia Monshi,
Gründer des Instituts für Vitalpsychologie in Wien.

GESÜNDER LEBEN hat Dr. Bardia Monshi vom Institut für Vitalpsychologie in Wien gefragt, was wir tun können, um emotional (noch) intelligenter zu werden.

Warum ist emotionale Intelligenz so wichtig für unser Leben?
Monshi: Weil wir uns in Wahrheit noch nie irgendetwas Äußeres gewünscht haben. Noch kein Mensch hat sich jemals ein neues Auto oder eine berufliche Position gewünscht. Wir alle wünschen uns immer nur das Gefühl, das wir vermuten, wenn wir diese Dinge besitzen. Deshalb kann ein erfüllter Wunsch auch sehr enttäuschen, wenn sich das erhoffte Gefühl nicht einstellt. Emotionale Intelligenz bringt zunehmende Unabhängigkeit von Äußerlichkeiten in unser Leben – Freiheit also.

Und wie können wir emotional intelligent bzw. emotional intelligenter werden?
Monshi: Durch Selbstkooperation. Damit meine ich, den kooperativen Umgang mit den eigenen Emotionen. Zum Beispiel verdränge ich dann nicht einfach meinen Ärger, sondern schenke ihm Beachtung und erfinde im Idealfall spielerisch eine Lösung. Nachweislich hilfreich sind dabei Achtsamkeitspraktiken, die uns zum anerkennenden Beobachter unserer eigenen Gefühle machen. Die große Herausforderung ist ja, negativen Gefühlen liebevoll zu begegnen. Gelingt uns das, ändern sie sich ganz von alleine, ohne mühsame Selbstbeherrschung. Probieren Sie einmal, Nervosität liebevoll schmunzelnd anzuerkennen. Sie werden bemerken, wie das beruhigt. Üben können wir so etwas täglich. Hilfreich sind aber auch gute Freunde, die übrigens deshalb gute Freunde sind, weil sie uns durch ihr Zuhören und Zureden helfen, unsere eigenen negativen Gefühle zu bewältigen, und wir mit ihnen öfters gute Emotionen erleben.

Läuft man nicht Gefahr, emotionslos zu werden, wenn man seine Gefühle immer reguliert?
Monshi: Im Gegenteil. Wir werden erst dadurch zutiefst berührbar, wenn wir unseren Gefühlen achtsam begegnen und sie verstehen lernen. Sehr positive Gefühle, wie Liebe, lösen mitunter Angst aus, weil wir wissen, dass sie vergänglich sein könnten. Das lernen wir dann zu erkennen und anzunehmen. Damit nimmt unsere Liebesfähigkeit zu. Außerdem entwickeln wir einen „Gefühls-Erfahrungsschatz“ und können uns damit zur richtigen Zeit beruhigen, Kraft tanken, unsere Begeisterung wecken, um Handlungen zu setzen, uns dann aber auch wieder zurückhalten, um nicht in einer Aktionsflut unterzugehen. Erst affektive Selbstkooperation ist effektiv, und ich halte dies für eine der zentralen Kompetenzen, um mit der beschleunigten Welt gut leben zu können.

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