Dienstag, 11. Dezember 2018

Unschöne Narben?

Ausgabe 2018.03

Narben erzählen Geschichten – allerdings jene, die wir meist vergessen wollen. In GESÜNDER LEBEN erklären Experten, was man unter einer Narbe genau versteht, wie die richtige Pflege aussieht und was man tun kann, wenn die Narbe rebelliert.


Foto: iStock-Topalov

Jede Narbe ist eine Geschichte, ein Teil unseres Lebens. Wir alle tragen Narben mit uns, jeden Tag – und manche von uns zeigen diese Narben äußerlich, auf ihrer Haut. „Narben erinnern uns an das, was war – und genau dieses Erinnern stellt für viele Menschen eine große psychische Belastung dar“, weiß auch Dr. Ali Saalabian, Wiener Facharzt für plastische, ästhetische und rekonstruktive Chirurgie. „Je größer das Trauma, desto größer der Wunsch der Patienten, die Narbe entfernen  oder zumindest unsichtbar werden zu lassen.“ Neben der Ästhetik spielt aber auch eine mögliche körperliche Einschränkung eine Rolle, wieso Narben als störend empfunden werden, so der Experte: „Je nach Größe und Lokalisation kann mit einer Narbe eine oftmals schmerzende Bewegungseinschränkung einhergehen.“ Eine generelle Verteufelung von Narben ist aber trotzdem nicht angebracht: Denn eine Narbenbildung ist eine natürliche Reaktion des menschlichen Körpers auf eine tiefer gehende Verletzung. Dazu Saalabian: „Medizinisch betrachtet handelt es sich hier um einen Wundverschluss. Mit der Bildung von Narbengewebe wird die Schutzfunktion der Haut erneut hergestellt.“

Eine dicke Haut ist nicht immer gut. Eine Wundheilung ist im Durchschnitt nach 10 bis 14 Tagen abgeschlossen; bis eine Narbe komplett verheilt ist, kann es aber bis zu einem Jahr dauern. „Eine vollständige Heilung erkennt man daran, dass die Narbe sich ungefähr der Hautfarbe angepasst hat sowie flach und weich ist“, erklärt Saalabian. Laut dem Experten ist es durchaus realistisch, dass manche Narben bis zur Unsichtbarkeit verheilen können. „Der größte Feind der Narbe ist die Spannung. An Stellen, an denen wenig Spannung besteht, die Haut sehr dünn ist und noch dazu Falten wirft – zum Beispiel am Augenlid –, ist eine Narbe nach wenigen Wochen nicht mehr zu sehen.“ Umgekehrt gilt: „Je dicker die Haut, desto schwieriger verläuft die Narbenbildung. Am Rücken oder über dem Brustbein entwickeln die allermeisten Narben eine unschöne Ästhetik.“ Da es sich bei einer Narbe stets um minderwertiges, wenig elastisches Gewebe handelt, ist eine gewisse Sensibilität vollkommen normal. „Bei einer Narbe werden unvermeidlich Hautnerven durchtrennt. Je großflächiger die Narbe, desto verletzlicher ist dieser Hautbereich.“ Leichte Rötungen, Juckreiz und Gefühlsstörungen (zum Beispiel Taubheitsgefühl) können vor allem zu Beginn auftreten, sollten aber mit der Zeit abklingen. „Erst wenn die Narbe in den Nerv hineinwächst, hat man sehr große Schmerzen. In diesem Fall sollte man das Gespräch mit dem Arzt suchen.“

Gib der Narbe Aufmerksamkeit. Aufgrund der Sensibilität des Narbengewebes wird die Berührung zu Beginn oftmals als unangenehm empfunden, weshalb es viele Betroffene vermeiden, diesen Bereich zu pflegen. „Eine sorgfältige Pflege des geschädigten Gewebes ist jedoch eine der wichtigsten Faktoren für eine zufriedenstellende Narbenheilung“, betont Saalabian. Mit einer (vorsichtigen, aber gründlichen!) Pflege darf erst nach der Wundheilung begonnen werden, also wenn keine Krusten oder nässenden Stellen mehr vorhanden sind. Da dem Narbengewebe Schweiß- und Talgdrüsen fehlen, ist es von großer Bedeutung, die geschädigte Haut mit Rückfettung zu versorgen. Dazu Dr. Theresa Stockinger, Fachärztin für Dermatologie an der Wiener KA Rudolfstiftung: „Bei unkomplizierter Entwicklung der Narbe reicht es, sie geschmeidig zu halten, um ein Austrocknen zu vermeiden.“ Fetthaltige und vor allem neutrale Narbenpflegecremes oder -salben sind hier vollkommen ausreichend. Zu beachten sind aber die Inhaltsstoffe, betont Stockinger: „Die bekanntesten Wirkstoffe von Narbenpflegesalben sind Zwiebelextrakt, Heparin, Allantoin, Polyurethane, Dexpanthenol und Harnstoff. Sie wirken entzündungshemmend, bakterizid, fördern die Wasserbindung und Durchblutung und sollen das überschüssige Wachstum von Bindegewebszellen reduzieren. Die meisten Präparate am Markt enthalten eine Kombination von diesen Wirkstoffen.“

Weg mit der Spannung. Auch altbewährte Hausmittel wie Olivenöl können, so Stockinger, herangezogen werden, um die Narbe geschmeidig zu halten. Übrigens: Kamille ist zwar in vielen Pflegemitteln enthalten, hier ist allerdings Vorsicht geboten, warnt Kollege Saalabian: „Viele Menschen reagieren auf diesen Extrakt mit allergischen Reaktionen!“ In der späteren Phase der Narbenheilung kann auch, so Saalabian, zu Babyöl bei der Pflege gegriffen werden. Ist die Narbe einer permanenten Spannung ausgesetzt (zum Beispiel am Handrücken), helfen Narbenpflaster, die Spannung einzudämmen. Auch Narbenfolien verringern die Hautspannung: Hier reicht die Palette von herkömmlichen Duschpflastern zur Abdichtung der Narbe bis hin zu speziellen Materialien, welche die beschädigte Hautstelle befeuchten „und somit ein optimaleres Narbenmilieu schaffen“, erklärt der Experte. Solche Folien werden vor allem bei großflächigen Narben oder bei Narben, die Gefahr laufen, sich zu vergrößern, eingesetzt. „Der Nachteil: Eincremen ist dann nicht möglich.“

Massage als Narben-Wellness. Sowohl Stockinger als auch Saalabian raten, Narbenpflegecremes bzw. -salben zwei bis dreimal täglich für einen Zeitraum von zwölf Monaten aufzutragen. Die Salbe/Creme sollte leicht einmassiert werden, denn „eine Massage fördert zusätzlich die Durchblutung und beugt präventiv einer Verklebung im Bindegewebe vor“, erklärt Saalabian. Unsere Empfehlung: Massieren Sie mit dem Zeigefinger um die Narbe herum. Massieren Sie danach diagonale Linien über das Narbengewebe. Massieren Sie nun kreuzende Linien in die andere Richtung. Im Anschluss an die Massage erfolgt ein sanftes, breitflächiges Ausstreichen über die Narbe und das umliegende Gewebe. Tipp: Am Markt werden Pflegesalben in Kombination mit einem Massagestift angeboten.

Wenn die Narbe rebelliert. Vor allem junge Menschen sowie Patienten mit Wundstörungen neigen zu einer überschießenden Wundheilung. Aber auch verrücktspielende Hormone während der Schwangerschaft oder der Pubertät können zu einer sogenannten „hypertrophen Narbe“ führen. Die Narbe beginnt zu wuchern, wird dreidimensional, rot und hart. „Zunächst werden dafür Narbensalben und eine Kompressionsbehandlung angewendet“, erklärt Stockinger. Die Mittel der Wahl sind hier in der Regel Silikonpflaster. „Man nimmt an, dass die Wirkung der Silikonpräparate mit der gesteigerten Durchfeuchtung der obersten Hautschicht zusammenhängt, welche einen positiven Einfluss auf die Bindegewebszellen hat.“ Zudem, ergänzt Saalabian, wird mittels der Kompressionsbehandlung moderater Druck auf die Narbe ausgeübt und somit die überschießende Gewebswucherung eingedämmt. Die Narbe sollte täglich mindestens 12 bis 24 Stunden mit Silikon behandelt werden, über einen Zeitraum von drei Monaten bis zu einem Jahr. „Bei ausbleibendem Erfolg kann Kortison in das wuchernde Narbengewebe injiziert werden“, erläutert Stockinger. Weitere Möglichkeiten sind eine Laser- oder Kältetherapie oder eine chirurgische Narbenkorrektur. „Hier besteht jedoch die Gefahr einer erneuten Narbenwucherung.“

Keine Sonne und bitte Ruhe! Zusätzlich zur Narbenpflege sollten Sie folgende Punkte beachten, um die Narbenheilung zu unterstützen: Schützen Sie die Narbe während des ersten Jahres konsequent vor Sonnenlicht, auch ein Solariumbesuch ist tabu. „Sonst kann es zu Pigmentverschiebungen und somit zu unschönen bräunlichen Hautflecken kommen“, gibt Saalabian zu bedenken. Direkt nach der Verletzung beziehungsweise der Operation ist es wichtig, die betroffene Hautstelle zu schonen, „eine starke Überlastung und Überdehnung dieses Bereichs sollte unbedingt vermieden werden!“, betont Stockinger. Mit all diesen Tipps sollte Ihre Narbe bald fast nicht mehr zu sehen sein. Und wenn doch, halten Sie es wie der berühmte Schriftsteller Mark Twain: „Narben erinnern uns an das Erlebte, aber sie definieren nicht unsere Zukunft.“

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