Mittwoch, 18. September 2019

Traum & Wirklichkeit

Ausgabe 07-08/2011
„No body is perfect“, das ist nun mal so. Aber: Unser Körper hat makellos auszusehen und soll chronisch gesund sein. So erwartet es zumindest die moderne Leistungs- und Mediengesellschaft. Eine Anleitung für mehr Mut zur Ignoranz.

Foto: fotolia.com - shock
Ihr „Atombusen“ brachte in den Fifties reihenweise Männer um den Verstand. Doch bei einer Zeitreise ins Mittel­alter hätte Starlet Jayne Mansfield auf ihr Markenzeichen vermutlich gerne verzichtet – denn da war die flache Brust das Schönheitsideal. Ob die klapperdürre Twiggy oder barocke Rubensformen – was schön und begehrenswert ist, bestimmen seit jeher Epoche und Kultur. Beispiele für wechselnde Körperkonzepte als Spiegel der jeweiligen Gesellschaft existieren sonder Zahl. Doch unser heutiges Streben nach körperlicher Perfektion scheint dies alles noch zu übertreffen: „Der perfekte Körper ist sowohl schön, als auch gesund und das chronisch“, sagt die prominente Motivforscherin und Autorin Dr. Helene Karmasin in ihrem neuesten Buch. Nicht von ungefähr wählte sie den Titel „Wahre Schönheit kommt von außen“. Aber halt: Wahre Schönheit soll doch von innen kommen – oder war das etwa gestern?

Für immer jung
Karmasin kommt in ihren aufschlussreichen und äußerst komplexen Analysen zu dem Schluss, dass sich diese unsere Gesellschaft besonders nachhaltig „in unseren Körper einschreibt“: „Denn nicht die kleinste Störung wird geduldet. Das wird kaum von Natur aus mitgegeben, daran muss man arbeiten. Medien, Werbung und Wirtschaft, aber auch Social Networks definieren Vorgaben für ein perfektes Äußeres, legen die Latte dabei sehr hoch und formen damit auch jene leistungsbereiten Menschen, die sie braucht.“ Das Körperideal heißt: makellos, jung und schlank. „Dazu gehören aber auch Fitness und Gesundheit – ein schöner Körper ist notwendigerweise auch ein gesunder Körper“, führt Karmasin aus. Dieses Optimum signalisiert laut der Marktforscherin erotische Attraktivität, einen hohen sozialen Status, bildet die Quelle von Lust, Stolz und Selbstbewusstsein. Sprich einen erstrebens- und wünschenswerten Zustand.

Schönheit punktet
Wir sollten also tunlichst ewig jung und faltenfrei bleiben, nicht altern und ja nicht übergewichtig sein, in allen Lebenslagen einen perfekt geformten Körper unser Eigen nennen und diesen von der Wiege bis zur Bahre erhalten. Also eigentlich biologisch gesetzte Grenzen überwinden. Jeder von uns kann diese Optimierungsprozesse bis zu einem gewissen Grad steuern, ist also durch die Wahl seines Lebensstils selbst für seinen Körperzustand verantwortlich. Was ja auch gut und wichtig ist. Doch genau hier treten Markt- und Mediengesellschaft sowie Werbeindustrie auf den Plan: Denn es gibt schließlich immer noch etwas zu verbessern in Sachen Gesundheit und Schönheit und dafür ist vielen nichts zu aufwendig und zu teuer. Ansonsten würden zig Wirtschaftszweige wie Herausgeber von Diätratgebern, die Schönheitschirurgie, die Kosmetik- und Fitnessbranche etc. nicht so gut vom „Mythos ewige Jugend“ existieren können.

Fehler grenzen aus
Umgekehrt bekommen Zeitgenossen, die nicht diesem Idealbild entsprechen, sehr schnell ein Etikett umgehängt: „ Nicht leistungsorientiert“, oder „disziplinlos“ oder auch „charakterschwach“. Und wie manche aus eigener, leidvoller Erfahrung wissen: Wer nicht gängigen Normen entspricht, bekommt weniger soziale Anerkennung und wird im schlimmsten Fall ausgegrenzt oder gar gemobbt. Im Kampf gegen Kilos und Falten erfolgslos zu sein, bringt auch im Beruf schlechtere Karten. Karmasin: „Das zeigt, dass die Gesellschaft ihr Ideal mit einem gewissen Zwang verfolgt.“
Übertriebener Körperkult wird so für viele zur fixen Idee. Aber Hand aufs Herz: Schönheit liegt immer noch im Auge des Betrachters. Wo kämen wir da hin, wenn alle – Mann, wie Frau – aussehen wie Supermodels oder wie aus dem Muster­katalog eines Schönheitschirurgen. Was vielmehr zählt, ist zu seinen kleinen Makeln und Schönheitsfehlern zu stehen und sich seine ureigenen Charakteristika zu bewahren. Sich in seiner Haut und seinem Körper wohlzufühlen, gehört da fraglos dazu – und selbige mit Hingabe zu hegen und zu pflegen. Sorry, aber ich habe jetzt gleich einen Termin bei der Kosmetikerin und anschließend muss ich noch eine Runde joggen ...


Buchtipp:
Wahre Schönheit kommt von außen“ von Helene Karmasin, ecowin Verlag GmbH, ca. € 24,90

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