Mittwoch, 22. Mai 2019

Schönheit rezeptfrei

Ausgabe 07-08/2010

Foto: Ivan Bliznetsov - istockphoto.com
Pharmazie trifft Kosmetik! Das sieht nach einer idealen Liaison aus. Wie in so vielen Beziehungen haben sich auch hier zwei Gegensätze angezogen. In diesem Fall vereinen sich die eher sachlichen Pharmazeuten mit ihrem lebenslustigen Gegenspieler – der Kosmetikindustrie – mit all ihren süßen Tiegeln und Töpfchen, den duftigen Inhalten und blumigen Versprechungen. Die Abkömmlinge dieser Verbindung sind ein zeitgemäßer Mix aus Medizin und Kosmetik. Hinter dem Tresen stehen schließlich versierte und studierte Fachleute, deren Job es ist, Sie rundum optimal zu beraten. Gesünder Leben hat sich Apothekenexklusive Marken und Produkte etwas genauer angesehen und ausgekundschaftet, ob sie ihrem tadellosen Image und dem Vertrauensvorschuss gerecht werden.

Arzt oder Apotheker?
Das Konzept von Kosmetik im weißen Kittel ist einfach erklärt: Hautpflege aus der Apotheke will mehr sein als Wellness, aber nicht so intensiv wirken wie dermatologische Salben. Letzteres ist rechtlich gesehen auch gar nicht möglich. Denn Salben und Cremes, die zu systemischen Veränderungen der Haut führen, gelten als Arzneimittel und müssen hierfür auch spezielle Zulassungskriterien erfüllen.

Anders der apothekerische Ansatz: Cremes aus dem Apothekenregal verzichten gern auf den Ruf der bitteren Pille; sie wollen gar nicht heilen, sie wollen „nur“ helfen. Die Haut soll sich einfach gut aufgehoben und gesund fühlen. Medizinisch relevante Hautprobleme, wie z.B. Schuppen, Akne oder Neurodermitis, gehören nach wie vor in die Hände eines Arztes. Apothekenkosmetik widmet sich dagegen solchen Hautproblemen, die zwar nicht medizinisch relevant, aber dennoch unangenehm sind, wie z.B. trockene, sensible Haut, Wimmerln und Co.

Erwünschte Nebenwirkungen
Das klingt ziemlich plausibel. Aber klingt das auch nach Wohlgefühl? Und wie! Statt eines sterilen Beigeschmacks setzten moderne Apothekenpflegen nämlich auf verwöhnende und wohltuende – erwünschte – Nebenwirkungen: Aromatische Düfte, sahnige Texturen und hübsche Verpackungen sollen die Symbiose aus Wirkung und Wohlgefühl perfekt machen. Die Cremes arbeiten frei nach dem Motto: Eine schöne Haut folgt einer gesunden Seele. Und Letztere kann man mit einem wohligen Ambiente aus Düften und Design bekanntermaßen besonders gut betören.

Viele Apotheken-Kosmetikmarken setzen beispielsweise die Macht der Düfte ein, um ihre Kunden via Nase in einen seelischen Zustand von Ausgeglichenheit und Ruhe zu versetzen. Gearbeitet wird dabei mit ätherischen Ölen von Rose oder Lavendel. Aber auch belebende Aromen wie Zitrone oder Grapefruit, die es pur, als Energiespray oder verarbeitet in Masken oder Badezusätze zu kaufen gibt, spielen eine große Rolle. Der Wellnessaspekt geht dabei noch weiter: In den Kosmetikregalen der Apotheken finden sich neben pflegenden Produkten auch reine Wohlfühlprodukte, die nichts mit der Haut zu tun haben. So genannte Wellbeing-Produkte, wie harmonisierende Raumdüfte oder Kerzen, bringen Mensch, Seele und Haut in Einklang.

Naturkosmetik als Apotheken-Hit
Apothekenkosmetik hat ihr Image und ihr Erscheinungsbild also auf ganzer Linie entstaubt und verjüngt. Dazu zählt auch, dass die sonst so wissenschaftstreuen Pharmazeuten nicht mehr nur dem Chemie-Mix aus dem Reagenzglas vertrauen, sondern auch den Blick für alternative Wirkstoffe geöffnet haben. Unter dem Motto: Grün trifft Weiß. Das Ergebnis: Natur- und Biokosmetik hat neuerdings einen Fixplatz zwischen Marken und Medikamenten erobert. Firmen wie z.B. The Organic Pharmacy oder L’Occitane und Sanoflore lassen nur Natur in die Tiegel. Wert wird dabei nicht nur auf biologischen Anbau und Verarbeitung der Produkte gelegt, sondern auch auf nachhaltige Herstellung und Handel.
 
Das neue, verjüngte Image von Kosmetik aus der Apotheke steht unter dem Zeichen: Grün trifft Weiß.

Kosmetik mit Rat & Tat
Neben fertig gemischten und hübsch verpackten Pflegeprodukten bieten Apotheken auch selbst gemischte Pflegeprodukte an. Natürlich kommen hierbei nur solche Substanzen in die Mischung, die keiner Verordnungspflicht unterliegen. Die Vorteile liegen dennoch klar auf der Hand: Mit Hilfe des Apothekers lassen sich die speziellen Bedürfnisse der Haut leicht analysieren und die dazu passende Pflege erstellen. Neigt die Haut beispielsweise zu Trockenheit, mischt der Pharmazeut gegebenenfalls eine Textur mit einer erhöhten Konzentration feuchtigkeitsbindender Wirkstoffe, wie Pro-Vitamin B5, Urea oder Hyaluronsäure, die den Problemen der Haut gezielt entgegenwirken. Maßgeschneidert sind also nicht nur die Produkte, sondern vor allem auch die Beratung. Und das ist wohl das Hauptkriterium vieler Kunden, auf Kosmetik aus der Apotheke zu vertrauen. Denn fachkundige Beratung ist nicht nur bei „Problemhaut“ von Bedeutung, sondern macht auch Sinn, um den eigenen Hauttyp und dessen Bedürfnisse besser einschätzen zu können.

Nachgefragt in der Apotheke
Apropos Beratung: Auch Gesünder Leben hat sich den pharmazeutischen Fachmännern und -frauen anvertraut. Wir wollten noch mehr über das Thema Apothekenkosmetik erfahren. Was dabei rauskam, lesen Sie selbst:
  • Aus Sicht eines Pharmazeuten – was macht für Sie das Besondere von Apotheken- exklusiver Kosmetik aus?
Mag. Pharm. Alexander Ehrmann, Saint Charles Apotheke, Wien: „Wenn es um Apothekenkosmetik geht, spreche ich lieber von Wirkstoffkosmetik. Das trifft aus meiner Sicht die Besonderheit dieser Kosmetik-Nische. Wirkung und Wirkstoffe werden sehr groß geschrieben. Vor allem, wenn es um so genannte Problemhaut, also Haut, die durch Rötungen oder Ähnliches Probleme macht, geht. Zum andern gibt es bei Apothekenkosmetik eine Besonderheit, die es kaum anderswo gibt: Die Kunden haben zu jeder Zeit ohne Terminvereinbarung oder Kosten die Möglichkeit, den Rat eines akademischen Experten einzuholen und so ihre Bedürfnisse (und die ihrer Haut) besser kennen zu lernen.“

  • Beobachten Sie den Wellnesstrend, den Apothekenkosmetik erlebt, auch unter einem kritischen Blickwinkel?
Mag. Jutta Mader, Pharmazeutin, Apotheke Boznerplatz, Innsbruck: „Natürlich spielen auch das Auge und die Seele bei der Hautpflege eine große Rolle. Insofern ist es gutzuheißen, dass Aromen und hübsche Designs eine immer größere Rolle spielen. Dennoch finde ich es wichtig, dass Apotheken-exklusive Kosmetik ihrem Ursprungsgedanken treu bleibt; nämlich sich um spezielle Hauttypen und deren Besonderheiten zu kümmern.“

  • Welcher Stellenwert kommt den vom Apotheker selbst angerührten Cremes und Salben heute noch zu?
Mag. Simon Windhager, Raphael Apotheke, Salzburg: „Es gibt viele Kunden, die gesteigerte Ansprüche an ihre Hautpflege stellen. Diese Menschen geben sich nicht mit dem zufrieden, was es von der Stange zu kaufen gibt. Wir finden es daher sinnvoll, solchen Kunden zweierlei Möglichkeiten zu bieten: Entweder sie kaufen eine fertige Creme, die wir dann mit speziellen Zusätzen ergänzen. Oder aber wir mischen gleich eine neue Creme an, die all dem entspricht, was der Kunde seiner Haut geben möchte.“

  • Gibt es etwas, was Sie Ihren Kunden generell zum Themenkreis Kosmetik und Pflege raten?
Prof. Mag. Bernd Milencovics, Pharmazeut, Adler Apotheke, Graz: „Wir erleben sehr häufig den Fall, dass die Kunden ihre Haut mit der falschen Pflege behandeln. Ich würde daher immer raten, einen Hauttypentest durchführen zu lassen. Viele Kunden sind anschließend sehr überrascht, dass sie jahrelang die falschen Kosmetika benutzt haben.“

  • Wie sieht der typische Kunde von Apotheken-exklusiver Kosmetik aus?
Jutta Mader, Pharmazeutin, Apotheke Boznerplatz, Innsbruck: „Das hat sich in den letzten Jahren gewandelt. Vor allem ist eine sehr junge Zielgruppe zwischen 20 und 25 Jahren verstärkt hinzugekommen. Ansonsten ist zu bemerken, dass besonders junge Mütter an unserer Kosmetik interessiert sind. Insgesamt kann man aber keinen besonderen Kundentyp ausmachen – alles ist dabei.“

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