Mittwoch, 22. Mai 2019

Lächeln statt knirschen!

Ausgabe 2016.06/07

Mahlen, reiben, pressen: Nächtliches Zähneknirschen ist weitverbreitet, bleibt aber häufig unbemerkt – und unbehandelt. Langfristig können allerdings Zahn- und Kiefer­beschwerden drohen. Was ist zu tun?


Foto: © Can Stock Photo Inc. - Klementiev

Bleib stark und beiß die Zähne zusammen“, heißt es oft in unerwartet stressigen Alltagssituationen. Allzu wörtlich sollte man diesen Ratschlag jedoch nicht nehmen, leiden chronische „Zähneknirscher“ doch vielfach an unerwünschten – mitunter beträchtlichen – Folgen, die vor allem Zähnen und Kiefer zusetzen können. „Zähneknirschen, im Fachjargon auch unter ,Bruxismus‘ bekannt, ist an sich nichts Ungewöhnliches; ein Phänomen, das meist nachts unbewusst auftritt und entweder durch das Reiben von Ober- und Unterkieferzähnen oder durch starkes Pressen des Unterkiefers an den Oberkiefer entsteht. Probleme entwickeln sich allerdings, wenn durch chronisches Geknirsche der gesamte Kauapparat in seiner Funktion gestört wird“, erklärt Dr. Thomas Bischof, Facharzt für Zahn-, Mund- u. Kieferheilkunde in Bregenz und Gründer der Zahnprophylaxe Vorarlberg. Die Folgen können unterschiedlicher Natur sein: Sie reichen von abgeschliffenen Eckzähnen und Kauflächen über Zahnmaterial-Ausbruch, Zahnfleischrückgang, Risse im Zahnschmelz und empfindlichen Zahnhälsen bis zu Kiefergelenksschmerzen. In wenigen Extremfällen drohen Zahnlockerungen, Zahnverlust oder gar Kieferblockaden. Manchmal gesellen sich aufgrund des beträchtlichen Drucks, der sich zwischen Ober- und Unterkiefer aufbaut, auch Kopf-, Nacken- oder Rückenschmerzen hinzu. Ein erholsamer Schlaf wird durch all diese Faktoren gestört, wodurch Betroffene tagsüber zum Teil mit Konzentrations- und Leistungsschwächen sowie Stimmungsschwankungen zu kämpfen haben.

Seelische Belastungen zermahlen. Bestimmte Risikogruppen, die zu Bruxismus neigen, gibt es nicht. Die meisten Menschen knirschen ab und zu im Lauf ihres Lebens mit den Zähnen. „Allerdings erkennt man chronische ,Knirscher’ oft an einem sehr stark ausgeprägten Unterkiefer, das dem Gesicht eine eckige Kontur verleiht.“ Zu den Ursachen zählen in erster Linie psychische Belastungen. Wer tagsüber Stress, welcher Form auch immer, nicht abbauen kann, ist innerlich angespannt und überträgt diesen seelischen Druck auf die – nun aktiv werdende – Muskulatur. Die mögliche Konsequenz: Man beißt in der Nacht wahrhaftig die Zähne zusammen und verarbeitet auf diese Weise Ängste, Sorgen, Frust und Ärger. Neben psychischem Stress können aber auch Zahnfehlstellungen, schlecht sitzende Prothesen oder zu hohe Füllungen für das Zähneknirschen verantwortlich sein.

Zahnschienen können helfen. Viele Betroffene bemerken erst aufgrund der spezifischen Symptomatik, dass sie mit den Zähnen knirschen. Manchmal machen auch Partner auf das oft unüberhörbare Problem aufmerksam. „Wer aufgrund von Kiefer- und Zahnschmerzen einen ersten Verdacht hegt, sollte möglichst bald eine Zahnarztpraxis aufsuchen, um bleibenden Folgeschäden vorzubeugen“, betont Bischof. Hier werden nach einer sorgfältigen Gebiss-Kontrolle etwaig zu hohe Füllungen korrigiert, in Mitleidenschaft gezogene Zähne mit Keramik oder Kunststoff wieder aufgebaut, Zahnfleischentzündungen behandelt bzw. generell, so notwendig, Maßnahmen zum Ausgleich von Fehlstellungen getroffen. „Ansonsten rate ich meinen Patienten zuerst, auf dem Rücken zu schlafen, weil in dieser Position der Unterkiefer schwerkraftbedingt nach unten fällt“, so Bischof. Freilich ist das oft die ganze Nacht nicht möglich. Daher empfiehlt der Zahnmediziner, sich in ein T-Shirt Tennisbälle zu nähen, damit man sich nicht mehr auf die Seite bewegen kann: „Meist genügen schon 3 bis 4 Nächte, um sich an die neue Schlafposition zu gewöhnen.“ Wenn diese Maßnahmen nicht die erwünschte Wirkung erzielen, versprechen Aufbiss-Schienen oft Wunder. „Die sehr dünnen Schienen entkoppeln Ober- und Unterkiefer und verhindern so das Aufeinanderreiben der Zähne. In den meisten Fällen bekommt man damit das nächtliche Zähneknirschen in den Griff“, unterstreicht Bischof. „Sollte allerdings schon ein Kiefergelenksproblem entstanden sein, muss der Zahnarzt mit gezielteren Schienen arbeiten.“

Entspannt Ursachen erkennen. So manch einer wird sich das Zähneknirschen aber auch nach Beendigung der zahntechnischen Therapie nicht abgewöhnen, wenn ergänzend dazu keine alternativen Stressbewältigungsstrategien entwickelt wurden. Die aktuelle Lebenssituation sollte überdacht und Alltagsprobleme beim Namen genannt werden, um Lösungen zu entwickeln. „Wir empfehlen betroffenen Patienten Entspannungstechniken wie autogenes Training, Biofeedback oder Yoga als therapeutische Begleitmaßnahme. Diese Maßnahmen eignen sich auch zur Prävention“, so Bischof. Auch die progressive Muskelentspannung nach Jacobson, Massagen und Wärmebehandlungen haben sich bewährt. „Wer im Alltag trotz hohem Stresslevel bewusst entspannen kann, automatisiert diesen Vorgang im Kopf – im Idealfall dann auch in der Nacht“, ist Bischof zuversichtlich.

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