K(r)ampf den Adern!

Ausgabe 2018.06

GESÜNDER LEBEN verrät, wie man Besenreisern, Krampfadern, Thrombosen und anderen Venenbeschwerden den Kampf ansagt. Der Lohn der Mühen: sexy Sommerbeine und ein gestärktes Herz-Kreislauf-System.


Foto: iStock-AmeliaFox

Unser Venensystem ist vergleichbar mit unserem persönlichen Fingerabdruck: Kein Bein gleicht dem anderen. Ebenso unterschiedlich sind die Venenerkrankungen, an denen zumindest jede fünfte Frau und jeder sechste Mann früher oder später in seinem Leben leidet. „Während es sich bei Arterien um jene Gefäße handelt, die das sauerstoff- und nährstoffreiche Blut aus der Lunge über das Herz zu allen Bereichen und Organen des Körpers transportieren, schicken Venen das später sauerstoffarme und abfallgetränkte Blut wieder zum Herz und danach zur Lunge zurück“, erklärt der Wiener Venenspezialist Oberarzt Dr. Wolfgang Müller. Die Beinvenen leisten somit Schwerstarbeit. Sie transportieren mehr als 7.000 Liter Blut pro Tag zum Herzen zurück und arbeiten währenddessen hart gegen die Schwerkraft an. Ein cleveres Zusammenspiel von Venenklappen und Muskelpumpe hilft dabei, die Erdanziehung zu überwinden und das Blut nach oben zu schicken. Intakte Beinvenen sind demnach eine wesentliche Voraussetzung für ein gesundes Herz-Kreislauf-System sowie für schöne Beine ohne Besenreiser, Krampfadern und Thrombosen. Ist jedoch eine Vene geschädigt, kann das Blut nicht mehr in die vorgesehene Richtung fließen, versackt in den Beinen und nimmt schlimmstenfalls sogar Gegenkurs auf. Bildlich gesprochen entsteht ein unerwünschter Stau und Kontrafluss.

Besenreiser: unschön oder gefährlich? Erste Indizien für ein gestörtes Beinvenensystem können bereits ein vermehrtes Auftreten von Besenreisern sein. Dabei handelt es sich um ein oberflächlich liegendes zartes und blaurötliches Venengeflecht, dessen Fließfunktion gestört ist. Zwar beeinträchtigen Besenreiser nicht die Herz-Kreislauf-Funktion des Organismus, dafür sind sie viel zu klein, man sollte aber dennoch einen Venenspezialisten aufsuchen, um sicherzustellen, dass nicht auch große und tief liegende Venen betroffen sind. Die Ursachen für Besenreiser können die unterschiedlich sein: Bei einer erblich bedingten Bindegewebsschwäche angefangen, über Schwangerschaft, Übergewicht, Bewegungsmangel, schweres Heben bis hin zu langem Stehen und Sitzen. „Besenreiser müssen nicht zwangsläufig bedeuten, dass ernst zu nehmende Venenerkrankungen vorliegen. Aber es passiert nicht selten, dass Damen zu mir kommen, die sich an ihren vermeintlich ungefährlichen blauen Astgeflechten stören und diese entfernt bekommen wollen. Vor allem jetzt im Frühjahr und Sommer – in der Saison der kurzen Hosen und Röcke –  wünschen sich meine Patientinnen schöne Beine. Dann, im Zuge meiner Untersuchung, stelle ich häufig fest, dass nicht nur ein kosmetischer Makel vorliegt, sondern ebenso ein medizinisches Problem, das behandelt werden muss“, sagt Dr. Wolfgang Müller, der auf die sogenannte farbkodierte Doppler-Sonografie (auch Duplex-Sonografie oder FKDS genannt) baut, mit der es ihm möglich ist, eine umfangreiche medizinische Diagnose zu stellen.  Bei der FKDS handelt es sich um eine absolut schmerzfreie, aber sehr spezielle Ultraschalluntersuchung, bei der von außen eine Sonde, entlang des Beines geführt wird. Das Gerät sendet Schallwellen aus, welche die Haut durchdringen und den Blutfluss hör- sowie sichtbar machen. Dadurch ist es dem Arzt möglich, eine akustisch-räumliche Topografie des Venensystems inklusive aller Blutströme und Venenklappen zu erstellen. Der Mediziner kann dann genau erkennen, ob und welche Venenproblematiken in welchen Bereichen des Beines vorliegen, und danach einen exakten Behandlungsplan erstellen.

Familiäre Vorbelastung nicht unterschätzen! Eine derartige Untersuchung ist jedem zu empfehlen, der an einer familiären Vorbelastung leidet, also wo bereits bei Eltern oder Großeltern Venenbeschwerden aufgetreten sind. Auch – wie bereits erwähnt – kann eine größere Ansammlung an Besenreisern ein Indiz sein, dass etwas nicht stimmt. Weitere Anzeichen sind blaue, manchmal sogar hervortretende, wulstartige Krampfadern, die deutlich von außen sichtbar sind. Höchste Eisenbahn ist es dann, wenn Patienten das Gefühl haben, schwere Beine zu haben, ein Stauungsgefühl, Druck und vielleicht sogar Schmerzen in ihren Waden empfinden. Zögert man eine Diagnose und Behandlung hinaus, dann kommt es im späteren Verlauf zu dunklen Verfärbungen sowie Verhärtungen am Innenknöchel, die in letzter Folge sogar Geschwüre bilden, aufbrechen und sich entzünden. „Hier sind Männer wie Frauen fast gleich häufig betroffen. Es ist ein Irrglaube, dass Venenleiden ausschließlich die Damenwelt betreffen. Es ist bloß so, dass weibliche Betroffene meist früher den Arzt aufsuchen, weil sie ihre Beine im Bikini zeigen möchten. Männer stören sich oft wegen ihrer Beinbehaarung nicht so sehr an Krampfadern oder bemerken diese gar nicht“, so der Experte. Müssen Venen behandelt werden, dann gibt es im Prinzip drei Wege: Man kann sie erhalten, man kann sie teilinvasiv und ambulant verschließen oder man kann sie operativ entfernen. Müller: „Das Erhalten der Venen kommt in eher seltenen, speziellen Fällen vor, hier arbeitet man mit Venenstrümpfen. Oftmals ist es jedoch effizienter, die Venen zu verschließen oder operativ zu entfernen. Dabei kommt es aber immer auf die Vene an“, so Müller.


 

Teilinvasives Veröden und Operation. Bei der teilinvasiven Behandlungsform gibt es die Möglichkeit der Verödung, bei der je nach Methode entweder ein spezielles Medikament, ein Schaum oder eine Art Klebstoff in die Krampfader injiziert wird, die dafür sorgen, dass die defekten Venen verschlossen und damit inaktiv werden. Im Zuge der endovenösen Lasertherapie (EVLT oder ELVeS) oder der Radiofrequenz-Methode (z. B. VNUS-Closure) werden entweder eine Laserfaser oder ein Katheter in die Vene eingeführt. Diese lassen mittels Laser- oder Radiofrequenztechnologie Hitze entstehen, wodurch die Vene verschlossen und mit der Zeit vom Körper abgebaut wird. All diese Varianten werden, unter örtlicher Betäubung, ambulant durchgeführt. Zwar müssen die Patienten eine Zeit lang Kompressionsstrümpfe tragen, können aber unmittelbar danach gehen und in kürzester Zeit wieder Sport treiben. Extrem selten, vorwiegend bei sehr großen Krampfadern, ist eine operative Entfernung der kaputten Vene die beste Lösung.

Schlimmstenfalls droht Thrombose. Das Worst-Case-Szenario, sollten Venenleiden unbehandelt bleiben, ist das Entstehen von Thrombosen. Dabei bildet sich ein Blutgerinnsel, das einerseits oberflächlich eine Vene verstopfen kann – dann macht sich dies meist als wadenschmerzende Venenentzündung bemerkbar. Andererseits kann es aber zu tief liegenden, gesundheitsbedenklichen Thrombosen kommen, die sich oftmals erst bemerkbar machen, wenn es schon fast zu spät ist. Falls das dort entstandene Gerinnsel nämlich verschleppt wird und in die Lunge wandert, könnte man eine Lungenembolie erleiden, die im allerschlimmsten Fall zum Tod führen kann. „Thrombosen löst man mit blutverdünnenden Medikamenten auf. Umso früher man sie entdeckt, desto besser. Je später, desto eher müssen die Patienten ihr Leben lang Blutverdünner einnehmen und Kompressionsstrümpfe tragen“, so Venenexperte Müller.

Vorsicht bei langen Reisen. Besonders jetzt in der Urlaubszeit sollten Menschen mit Venenleiden sogenannte Reisethrombosen nicht unbeachtet lassen. Ab vier Stunden Auto- oder Zugfahrt beziehungsweise bei Langstreckenflügen spricht man von einem erhöhten Risiko. Es ist ratsam, vorab den Arzt zu fragen, ob man sich vorbeugend Thrombosespritzen verabreichen soll. Weiters sollte man immer wieder einmal das Auto abstellen und eine längere Pause einlegen, in der man auf und ab spaziert. Ebenso kann man im Flugzeug oder Zug seine Runden drehen oder ein paar Turnübungen am Sitzplatz ausführen, wie das Bein anheben und wieder abstellen oder in alle Richtungen kreisen. 

10 Tipps gegen Venenleiden

Gesunde Venen, fitte Beine

  1. Bewegung, Bewegung! Wer viel sitzt, läuft eher Gefahr, Krampfadern zu bekommen. Im Büro immer wieder mal aufstehen, die Treppe statt den Lift  nehmen oder Beinübungen am Schreibtisch ausführen.
  2. Ausdauersport! Ein gestärktes Herz-Kreislauf-System wirkt sich positiv auf Beinvenen aus: also aufs Rad, ab zum Joggen oder rein in den kühlen Pool, um ein paar Längen zu schwimmen.
  3. Knick in der Vene! Wer gerne seine Beine übereinanderschlägt (meist betrifft das Frauen) oder kniend sitzt, der riskiert verstärkt, dass Venen regelrecht abgeknickt und dauerhaft ruiniert werden.
  4. Kühlen statt wärmen! Gezielte kalte Beinduschen oder das kühle Abbrausen nach einer heißen Dusche schaden nicht. Regelmäßige Saunagänge sind übrigens für Menschen mit Venenbeschwerden nicht ratsam. Für Gesunde gilt: Danach bitte abkühlen!
  5. Der Speck muss weg! Weniger Kilos heißt weniger Belastung – so auch für die Venen.
  6. Hoch mit den Beinen! Wer zwischendurch oder auch nachts seine Beine hochlagert, der unterstützt den Blutrückfluss und entlastet das Pump-system sowie die Venenklappen.
  7. Das richtige Schuhwerk! 10-Zentimeter-Heels und hohe Pumps machen den Venen das Leben schwer. Eine falsche Beinhaltung und ein fehlendes Abrollen des Fußballens stören den Blutfluss. Es empfiehlt sich, zu Hause und in der Arbeit unbequemes Schuhwerk auszuziehen oder barfuß zu gehen.
  8. Weg mit dem Glimmstängel! Nikotin fördert die Verkalkung der Venen und schädigt generell das gesamte Blutsystem.
  9. Runter die Gläser! Regelmäßiger Alkoholkonsum weitet die Venen und fördert das Entstehen von Besenreisern und Krampfadern.
  10. Zeigt her eure Strümpfe! Wer Venenleiden vorbeugen will (ratsam auch in der Schwangerschaft oder für Menschen, die viel sitzen), benützt Stützstrümpfe, die es in vier Stärkeklassen gibt. Im Supermarkt und in der Drogerie bekommt man die Stufen eins bis zwei. Wer stärkere will, muss zum Arzt und/oder zum Bandagisten. 

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